Die Lügenpresse hat in den Augen der AfD eine Schwester bekommen – die Lügenwissenschaft. Diese Entwicklung zeigt sich ihr an der jüngsten Auflage der Rechtsextremismus-Studie der Universität Leipzig, die vergangene Woche vorgestellt wurde. Titel: Die enthemmte Mitte. Zentrale Erkenntnis: Die Mitte der Gesellschaft habe ein großes rechtes, antidemokratisches Potenzial mit wachsender Gewaltbereitschaft.

Eine "staatlich finanzierte Nazikeule" sei das, hält die Alternative für Deutschland in Rheinland-Pfalz dagegen, Beatrix von Storch befindet auf Twitter: "Ein schönes Beispiel für ideologisch beeinflusste Pseudoforschung zur Verblödung der Massen."

In der Tat ist die Überschrift der Studie sehr irreführend. Denn die Forscher diagnostizieren ein wachsendes demokratisches Milieu in Deutschland und stellen nur bei 5,4 Prozent aller Deutschen ein "geschlossen rechtsextremes Weltbild" fest. Das ist der niedrigste Wert, seit die Forscher 2002 den Fragebogen zum ersten Mal nutzten – damals lag der Anteil noch bei 9,7 Prozent. Gleichzeitig zeigt die Studie auch eine wachsende Ablehnung gegenüber einzelnen Gruppen (Muslimen, Sinti und Roma, Asylbewerbern) und eine erhöhte Gewaltbereitschaft unter den Rechten. Und sie macht deutlich, dass diese Fremdenfeindlichkeit unter AfD-Anhängern mit Abstand am höchsten ist.

Die ausländerfeindliche AfD? Das verstärkte bei der Partei und ihren Anhängern den Verdacht von Auftragsforschung, von einer Wissenschaft, die die Politik der "Blockparteien" legitimiert. Die Partei legt Wert darauf, nicht gegen Fremde zu sein, sondern nur gegen Fremde in Deutschland.

Auch wenn die AfD einen Hang zu Verschwörungstheorien hat, ist die Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse nichts, was ursprünglich in der Partei angelegt war. Kurz nach ihrer Gründung im Frühjahr 2013 urteilte etwa Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung: "Weil die Partei nicht von Spinnern, sondern von ehrengeachteten Leuten verkörpert wird, kann es sein, dass sie als Professorenpartei vorübergehend Erfolg hat." Ihre damals wichtigste Position, der Euro-Skeptizismus, bekam Glaubwürdigkeit durch den dozierenden VWL-Professor Bernd Lucke an der Spitze oder den bekannten Ökonomen Joachim Starbatty.

Das ist längst vorbei. Aus der Professorenpartei ist eine Partei geworden, die sich gegen die Wissenschaft wendet. Argument und Gegenargument – was gute Diskurse auszeichnet, ist ihr fremd. Die AfD argumentiert entlang der Linie Wahrheit oder Lüge. Und was wahr ist, entscheidet sie. Die Mitte-Studie ist dafür nur ein Beispiel.

Die Genderstudies werden auf Parteitagsreden regelmäßig mit Hass und Häme überzogen, weil ihre vermeintliche Pseudowissenschaft Hand in Hand mit der Politik "dem Volk" eine unnatürliche Gesellschaft oktroyieren will: mit verschiedenen Lebens- und Liebesformen, mit einer gleichberechtigten Frau.

In ihrem Grundsatzprogramm behauptet die AfD entgegen glasklarer Empirie, für den menschengemachten Klimawandel gebe es keine Belege. Sie macht ihren Wählern deshalb das Versprechen: "Klimaschutz-Organisationen werden nicht mehr unterstützt."