Um den Klimawandel aufzuhalten, fordern Aktivisten weltweit, dass Städte, Universitäten und Unternehmen ihr Geld nicht mehr in Kohle, Öl und Gas anlegen. Mehr als 500 Institutionen haben sich der Divestment-Bewegung bereits angeschlossen, darunter der norwegische Staatsfonds, die Stanford University sowie die Stiftung von Schauspieler Leonardo DiCaprio. Nun macht auch Deutschlands Hauptstadt mit. Das Berliner Abgeordnetenhaus stimmte dem Antrag mit großer Mehrheit zu.

DIE ZEIT: Herr Kollatz-Ahnen, jahrelang stand Berlin für "arm, aber sexy", die Stadt galt als quasi pleite. Um wie viel Geld geht es überhaupt, das Sie nun anders anlegen wollen?

Matthias Kollatz-Ahnen: Es handelt sich um die Versorgungsrücklagen für die Berliner Beamten, die insgesamt 750 Millionen Euro betragen. Davon sind etwa zehn Prozent in Aktien angelegt. Dieses Portfolio wollen wir so umstrukturieren, dass Unternehmen, die einen beträchtlichen Anteil ihres Geschäfts mit Kriegswaffen, Atomkraft oder fossilen Energien machen, rausfallen.

ZEIT: Klingt gut. Wo ist das Problem?

Kollatz-Ahnen: Das Geld wird für Berlin von der Bundesbank verwaltet. Für diesen Service müssen die Bundesländer nichts zahlen, bei einem privaten Fondsverwalter wäre das anders. Wir haben also die Bundesbank gefragt, ob sie das Geld für uns so anlegen kann, wie wir uns das vorstellen. So einfach ist das aber nicht.

ZEIT: Warum nicht?

Kollatz-Ahnen: Momentan folgt die Bundesbank in ihrer Anlagestrategie Aktienindizes wie dem Dax oder dem Euro Stoxx. Investiert wird das Geld also einfach in die größten Unternehmen. Um solche auszuschließen, die mit Kriegswaffen, Atomkraft oder fossilen Energien ihr Hauptgeschäft machen, braucht man einen eigenen Aktienindex, in dem sie nicht enthalten sind.

ZEIT: Und so etwas gibt es noch nicht?

Kollatz-Ahnen: Nein, von der Stange gibt es das noch nicht. Deshalb machen wir jetzt eine Ausschreibung und vergeben dann den Auftrag, einen solchen Index zu entwickeln. Ob das dann eine Bank, eine Rating-Agentur oder eine Nichtregierungsorganisation macht, kann ich noch nicht sagen. Wichtig aber ist, dass der Anbieter sich verpflichtet, den Index nicht nur zu entwickeln, sondern auch einmal im Jahr zu aktualisieren.

ZEIT: Müssen sich die Berliner Beamten auf weniger Rendite und damit weniger Rente einstellen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Kollatz-Ahnen: Das glaube ich nicht. Das Kernargument der Divestment-Bewegung lautet ja: Ein Großteil der fossilen Energien muss unter der Erde bleiben, damit die Erwärmung nicht die zwei Grad-Celsius-Marke überschreitet. Damit würden Unternehmen, die auf Öl, Gas oder Kohle gesetzt haben, deutlich an Wert verlieren. Die jüngsten Entwicklungen auf den Aktienmärkten sprechen dafür. Andere Branchen stehen da derzeit besser da.

ZEIT: Ab wann wird es den neuen Index geben?

Kollatz-Ahnen: Ende des Jahres soll er fertig sein. Wann wir uns von allen Beteiligungen getrennt haben werden, die nicht unseren ethischen Vorstellungen entsprechen, kann ich aber noch nicht sagen. Das hängt von den Aktienmärkten ab. Wir wollen ja ohne Verluste verkaufen, also müssen wir auf den richtigen Moment warten.

ZEIT: Werden auch andere Bundesländer oder Städte den Index nutzen dürfen?

Kollatz-Ahnen: Ja. Das ist Bedingung der Ausschreibung. Wir werden den Index der Bundesbank als Portfoliomanager zur Verfügung stellen. Sie darf damit dann auch das Vermögen anderer Bundesländer oder Städte managen, vorausgesetzt diese wollen das. Was wir entwickeln lassen, kann man als eine Infrastruktur des ethischen Anlegens für den öffentlichen Bereich begreifen. Wenn wir andere Städte oder Bundesländer dazu inspirieren, dem Beispiel Berlins zu folgen, umso besser.