Der arme Herr Dercon – Seite 1

Auf den Stufen der Volksbühne und auf der Wiese auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, "einem der letzten noch nicht gentrifizierten Plätze im Zentrum Berlins" (Chris Dercon), hat sich in der Abendsonne an diesem heißen Samstag im Juni ein junges, sehr berlinerisch gekleidetes Volk (kurze Hosen, Doc-Martens-Stiefel, bedruckte T-Shirts) niedergelassen, sie trinken, kiffen, reden über die Berlin-Biennale, die an diesem Wochenende eröffnet hat. Zwischen den Feiernden steht das berühmte, vom Bühnenbildner Bert Neumann entworfene Symbol der Volksbühne: das vier Meter hohe, mit Tüchern und Teelichtern verzierte, rostig braune Rad mit den zwei Füßen, ein Symbol dafür, dass Räuber im Wald sind und sich niemand vor Überfällen und Übergriffen sicher sein kann.

Das Unwahrscheinliche findet dann statt, als um kurz vor sieben das junge, schöne Party-Volk nicht weiterfeiert, sondern sich zu den Türen der Volksbühne bewegt, um Die Kabale der Scheinheiligen mit Sophie Rois, Alexander Scheer und Georg Friedrich zu sehen, das neue Castorf-Stück, in dem Molière und Michail Bulgakow gegen den Sonnenkönig Louis XIV und gegen Stalin antreten, um, angesichts einer neoliberalen Gegenwart, die Kunstfreiheit gegen die Zensur und das politische Handeln gegen ökonomische Zwänge zu verteidigen. Vielleicht ist das wirklich das jüngste, schönste und intelligenteste Theaterpublikum, das Berlin je hatte – was für ein grandioses Zeugnis für Frank Castorf und seine seit 25 Jahren andauernde Ära bei der Berliner Volksbühne. Der Rezensent wird, so wie er es bei Castorf-Stücken immer gehalten hat, zur Pause nach gut zweieinhalb Stunden das Theater verlassen und nach Hause gehen. Es war, nach all den Jahren, noch mal ein sehr starker Castorf, ein grandios schneller, rhythmischer, wirrer und lustiger Abend, es war ein Exzess, eine Party, ein Schauspieler-Fest. Aber es war dann auch einfach genug.

Es sind die letzten Vorstellungen, und es ist dies das lange Jahr, in dem Berlin Abschied nimmt von der alten Volksbühne, Abschied von den großen Regisseuren Frank Castorf, René Pollesch und Herbert Fritsch, Abschied wohl auch von den Schauspielern Sophie Rois, Kathrin Angerer und Martin Wuttke. Der Berliner Senat hat entschieden, und diese Entscheidung ist, seitdem sie im April letzten Jahres bekannt gegeben wurde, diskutiert, beklagt, verdammt und verteufelt worden wie keine zweite Entscheidung in der Kulturpolitik der Berliner Republik der letzten zwanzig Jahre: Frank Castorf muss gehen, statt seiner wird im September 2017 der belgische Kurator und Museumsleiter Chris Dercon, derzeit Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, die Leitung der Berliner Volksbühne übernehmen.

Die großen Feuilletons sind geschrieben, die Wortschlachten geschlagen, in der Diskussion um den Intendantenwechsel hat sich ein festes Vokabular herausgebildet: Die Ablösung der alten Volksbühne wird mit der Schließung des Schiller-Theaters im Jahr 1993 gleichgesetzt. Da stehe ein Systemwechsel, nicht nur ein Intendantenwechsel an: Mit Chris Dercon übernähmen das große Geld und der globalisierte Kunstmarkt ein Stadttheater – nicht irgendein Theater, sondern in seiner Art wohl das derzeit stärkste und berühmteste Theater der Welt. Es falle eine der letzten Bastionen gegen die Gentrifizierung. Performance und Tanz sollten das Sprechtheater ablösen, die Volksbühne solle als Repertoire- und Ensembletheater aufgelöst werden, stattdessen ein Kuratorenmodell, eine Eventmarke, ein internationales Label installiert werden. Auf der Pressekonferenz im April letzten Jahres kündigte der neue Intendant in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters und des Kulturstaatssekretärs Tim Renner an, in Zukunft auch das Babylon-Kino, den Hangar 5 am Flughafen Tempelhof und einen "Terminal Plus", ein digitales Theater im Internet, zu bespielen. Die Vermutung lautet: Mit dem Museumsmann Chris Dercon beginne die Entwurzelung der Berliner Volksbühne und deren Internationalisierung, er stehe für ein austauschbares, für den globalen Festivalbetrieb produziertes Durchreisetheater.

"Die Stadt wird ja jetzt von den Managern übernommen" (Leander Haußmann)

Praktisch alle namhaften Intendanten Berlins haben sich kritisch über den Wechsel geäußert: In einem Wutanfall wetterte der scheidende Chef des Berliner Ensembles Claus Peymann in der ZEIT gegen Dercon ("Was qualifiziert den netten Leiter der Tate Modern für die Leitung eines Theaters?") und den Kulturstaatssekretär Tim Renner ("völlig überfordert", "größte Fehlbesetzung des Jahres"). Jürgen Flimm nannte Dercon düster raunend "einen, der das bunte Einerlei der Eventkultur auf seine Fahnen geschrieben hat". Ulrich Khuon vom Deutschen Theater äußerte Unverständnis angesichts der hohen finanziellen Vorschusslorbeeren für die neue Leitung (als erste Zuwendung an die neue Volksbühne hatte Tim Renner die jährlichen Zuschüsse von bisher 19,5 auf 25 Millionen Euro erhöht). Auch Thomas Ostermeier ist sauer, weil er mit seiner Schaubühne seit Jahren das Aushängeschild für deutsches Theater in der Welt darstellt, aber nicht mehr Geld bekommt. Der Regisseur Leander Haußmann ließ nach seiner Die Räuber- Premiere im Berliner Ensemble wissen: "Das ist meine letzte Inszenierung in Berlin. Die Stadt wird ja jetzt von den Managern übernommen." Nach gut einem Jahr Diskussion über die neue Volksbühne lässt sich sagen: Nie zuvor wurde ein Intendantenwechsel mit so viel Negativität und düsteren Vorhersagen aufgenommen. Der Tenor lautet: Einen Hochleistungsbetrieb wie Castorfs Volksbühne stoppt man nicht, wenn er am besten läuft, auch nicht nach 25 Jahren. Bei der Entscheidung Renners für den Museumschef Chris Dercon handele es sich um eine dramatische Fehlentscheidung – man werde sich noch umschauen –, vielleicht um das größte kulturpolitische Fiasko der Berliner Republik. Nur der kluge und umsichtige Intendant Thomas Oberender spart mit Kritik, gibt aber doch zu bedenken, dass mit den Plänen Dercons ein Modell eingeführt werden könnte, das es im Berliner Hebbel am Ufer und bei den Berliner Festspielen schon gebe: ein ganzjähriges Festival.

Nun sind schon viele Intendantenwechsel zunächst mit Wut und Unverständnis aufgenommen worden. Normalerweise legt sich die Kritik nach einiger Zeit, das öffentliche Interesse wendet sich anderen Themen zu. Nur: Im Falle von Chris Dercon läuft die Zeit ganz offenbar gegen den neuen Intendanten. Horcht man in das Kulturleben Berlins hinein, in die Theater, Lokale und Cafés, ist mittlerweile eine handfeste Anti-Chris-Dercon-Stimmung auszumachen, ja, es gibt eine regelrechte Anti-Dercon-Hysterie. Der neue Intendant, der auf eine glänzende Karriere als Museumsleiter und Kulturmanager zurückblickt – nach Stationen in New York (PS1) und Rotterdam leitete er mehr als zehn Jahre lang das Haus der Kunst in München, mischte die Kunst mit Mode, Fotografie, Design und Architektur auf –, wird in Berlin als Symbol eines globalisierten und durchökonomisierten Kunstmarktes wahrgenommen, als Vertreter des Starsystems und der astronomischen Preise.

Das kreative Berlin macht über Dercon Witze

Unter den Cappuccino-Trinkern und jungen Kreativen der Stadt, denjenigen also, die die Stimmung in der Kulturstadt Berlin ausmachen, wird der neue Intendant abfällig als Manager bezeichnet, als Designer, Werber, Netzwerker und Trendnase. Das Schimpfwort "Kurator", das für alles Schnelllebige und Glatte in der Kunstwelt steht, hat im Gespräch über Chris Dercon eine neue Popularität erlangt. Üblich ist es, über das gute Aussehen Dercons (silbergraue Haare, Vollbart) und seine sprichwörtliche Freundlichkeit Witze zu machen. Oh ja, im Small Talk der Stadt ist es schick geworden, Chris Dercon ein wenig doof zu finden. Kürzlich setzte Anna Müller, die 23-jährige Tochter Heiner Müllers – im Nachtleben hat sie den Ruf eines enorm unterhaltsamen Mädchens –, einen Post auf Facebook ab, in dem sie sich über das zukünftige, von Dercon initiierte Corporate Design (das Wort "Volksbühne" soll kleingeschrieben werden) lustig machte: "Wir gratulieren zu dieser bahnbrechenden Idee, Herr Dercon!" Nicht gut, wenn 23-jährige Töchter von Dichterlegenden über designierte Volksbühnen-Intendanten Witze machen. Die kleine Müller konnte sich des Applauses ihrer Freunde sicher sein.

Natürlich, es ist die denkbar schwierigste Zeit für die neue Volksbühnen-Leitung, eine Zwischenzeit: Im April letzten Jahres wurde die neue Intendanz verkündet, im September möchte Dercon zum ersten Mal in Berlin mit seinen Mitstreitern zusammentreffen. Immerhin, bei der Pressekonferenz zu seiner Berufung konnte Dercon mit der Vorstellung seines Teams (der Regisseurin Susanne Kennedy, derzeit einem der heißesten Namen im deutschen Theater, der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen, dem französischen Tänzer und Choreografen Boris Charmatz, dem Filmemacher Romuald Karmakar und dem Autor Alexander Kluge) einen PR-Coup verbuchen. Mit Marietta Piekenbrock, ehemalige Dramaturgin der Ruhrtriennale, steht Dercon eine erfahrene Kulturmanagerin mit dickem Adressbuch zur Seite.

In Interviews wird Dercon nicht müde, sich als Kenner und Verehrer der alten Volksbühne und des klassisch linken, antikapitalistischen und rebellischen Geists des Ära Frank Castorfs zu bezeichnen: "Die Kunst ist vollkommen durchökonomisiert. Ich bin sehr daran interessiert, ein Gegengewicht zu entwickeln" (SZ). Die bildende Kunst müsse das Theater nicht retten, vielmehr sei es die Kunst, die gerettet werden müsse. Das Ensemble der Volksbühne wolle Dercon erhalten. Der neue Intendant freue sich auf Berlin – wenn er die Tate Modern und London verlasse, dann fliehe er doch genau vor Kommerz und einer vom internationalen Finanzkapitalismus ausgetrockneten Stadt.

"Ich weiß, dass man sich in Berlin ärgert, dass ich mich nicht ärgere" (Chris Dercon)

Bis zu ihrem Arbeitsantritt im September möchten der designierte Intendant und seine Teamkollegen vorerst keine weiteren Interviews geben. Als der Reporter Chris Dercon am Telefon hat, verweist der auf seinen laufenden Vertrag bei der Tate Modern. Und spricht: "Ich weiß, dass man sich in Berlin ärgert, dass ich mich nicht ärgere." Auch Dercons Dramaturgin Marietta Piekenbrock und der Regisseur Romuald Karmakar stehen auf Anfrage nicht für ein Gespräch zur Verfügung.

Bei der alten Volksbühne ist längst klar, dass vom Geist Castorfs mit dem Wechsel zur neuen Intendanz wirklich kaum etwas übrig bleiben wird. Vom Volksbühnen-Urgestein, dem Bühnenbildner und Grafiker Bert Neumann, im Juli letzten Jahres mit 54 Jahren verstorben, wird kolportiert, dass er dem Neuen bis zuletzt den Handschlag verweigert habe. Legendär ist Neumanns Kommentar zur neuen Ära: "Da mache ich lieber ein Tattoo-Studio auf." Die Regisseure René Pollesch und Herbert Fritsch haben verkündet, ihre Arbeit unter Chris Dercon nicht fortsetzen zu wollen. Im Ensemble der 180 fest angestellten Arbeiter und Schauspieler hat sich, so hört man, die Sprachregelung von der "nicht freundlichen Übernahme" durchgesetzt. In einem offenen Brief vom 20. Juni, adressiert an die Politiker des Berliner Abgeordnetenhauses und die Staatsministerin für Kultur, beklagen die Mitarbeiter, dass es an der neuen Volksbühne "keine neuen Formen und künstlerischen Herausforderungen" geben wird. Zuletzt feierte die alte Volksbühne mit dem René-Pollesch-Stück I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung noch mal eine grandiose Uraufführung. Die Anti-Dercon-Propaganda, mit der die Kenntnislosigkeit und Unfähigkeit des neuen Intendanten belegt werden soll, wird von der alten Volksbühne geschmiert, wöchentlich kommen neue Geschichten dazu. Ein Klassiker erzählt die Anekdote, wie Chris Dercon bei der Betriebsvollversammlung im April gleich zweimal von seiner großen Verehrung für Reinhard Schleef sprach (dumme Sache, der 2001 verstorbene Regisseur und Schriftsteller hieß Einar, nicht Reinhard Schleef).

In einem ausführlichen Interview äußern sich schließlich doch noch René Polleschs langjährige Dramaturgin Anna Heesen und Carl Hegemann, seit Beginn der Ära Castorf Chefdramaturg an der Volksbühne und nach achtjähriger Pause seit Sommer letzten Jahres wieder fest am Haus. Anna Heesen spricht über das unheimliche Kommunikationstalent des neuen Volksbühnen-Intendanten: "Man könnte die wenigen Äußerungen Chris Dercons als extrem wohlwollend bezeichnen. Man wird nur gelobt. Was mich am meisten daran irritiert, ist, dass es keine Begründung für dieses Lob gibt." Der neue Intendant verkaufe sich selber als Gütesiegel: "Dercon sagt: Ich finde die Volksbühne, so wie sie ist, mit allen ihren Künstlern und Akteuren, gut. Keine weitere Begründung. Allein sein Lob markiert den Mehr- beziehungsweise Marktwert. Das reicht als Aussage." Carl Hegemann, der Chefideologe der alten Volksbühne, ist jederzeit zu einem grandios lustigen und intellektuell brillanten Furor über die neue Volksbühnen-Intendanz bereit: "Der arme Herr Dercon und die noch viel ärmere Frau Piekenbrock." Dercons Lieblingskunst, das wisse ja jeder, seien Textilien und die Blasmusik. Zur Berufung des Kunstmanagers an ein Theater sagt Hegemann: "Es ist, als würde man der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aus Innovationsdrang einen Eishockeytrainer voranstellen." Er kenne den neuen Intendanten noch von ganz früher, als Christoph Schlingensief im Haus der Kunst ausgestellt habe: "Wenn wir mit ihm essen gegangen sind, mussten wir uns ordentlich anziehen. Christoph sagte immer: Es geht um viel, viel Geld." Die Berufung Dercons stehe für die Herrschaft der Zirkulationssphäre über die Produktionssphäre: "Kommunikation, Austausch, Verkehr ist alles. Was da um die Welt geschickt wird, ist nachgeordnet. Wenn Sie die Neuen fragen, was da inhaltlich kommen soll, dann hören Sie: Hauptsache, geil. Und: Hauptsache, es läuft alles harmonisch ab." Der angekündigte Neuanfang werde sich als Rückschritt in die neunziger Jahre, die Zeit des globalen kapitalistischen Aufbruchs, erweisen: "Und das in einer brisanten historischen Situation: Unsere Welt bestimmen ganz neue gesellschaftliche Konflikte, die politische Kämpfe wieder möglich und unvermeidlich machen. Rechtsnationale sind in Europa und in den USA in der Offensive, der kulturtragenden Mittelschicht droht der ökonomische Kollaps."

Und doch: Natürlich gibt es Gründe, warum man selbst mit der erfolgreichsten Bühne auf Erden, auch nach 25 Jahren, Schluss machen können muss. Nach einem zwischenzeitlichen Tief, das bis etwa 2012 andauerte, wird die Berliner Volksbühne wieder zuverlässig als klügstes, lustigstes, rebellischstes, subversivstes und funkystes Theater der Welt bezeichnet: wohl zu Recht. Keinem Theater tut so viel Zustimmung gut. Sie hat über die Jahrzehnte alles Erdenkliche dagegen getan, aber die Volksbühne ist doch cool geworden: Das Design von Bert Neumann ist cool, der antikapitalistische Sprech auf der Volksbühnen-Website ist cool, ein alter Haudegen wie Frank Castorf klopft sowieso gerne coole Sprüche (über die Zukunft an der neuen Volksbühne: "Wenn’s nicht funktioniert, kann man aus dem Haus immer noch eine Badeanstalt machen"). So ist die Volksbühne längst bei denen angekommen, deren politische Einstellung und Lebenspraxis sie immer bekämpft hat, bei den Hipstern, Agenturmenschen, IT-Unternehmern.

Richtig, in der Logik des Kapitalismus ist das Neue, das stets das Alte abzulösen hat, eine Tautologie. Insofern wäre der ideale neue Leiter ein Neuer im alten Geist gewesen. Also dann doch: der so geniale wie turbofrische René Pollesch.