Zeig mir deine Eltern, und ich sage dir, was aus dir wird. So könnte man die Ergebnisse des Nationalen Bildungsberichts 2016 zusammenfassen. Kaum ein Indikator beeinflusst den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen in Deutschland so stark wie ihre soziale Herkunft. Dabei zeigen die aktuellen Ergebnisse, dass zwei Gruppen von Heranwachsenden besonders benachteiligt sind: Arbeiterkinder und Kinder mit Migrationshintergrund. Durch die vielen Flüchtlinge im Land könnte die Gerechtigkeitslücke nun noch größer werden.

Kinder mit Migrationshintergrund sind zwar mittlerweile ebenso oft in Kitas und Ganztagsschulen wie Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund, bleiben allerdings häufiger in den unteren Bildungsgängen wie Haupt- und Förderschulen stecken. So erreichen Kinder mit ausländischen Wurzeln dreimal seltener die Hochschulreife und verlassen mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss.

Migrantenkinder werden im deutschen Bildungssystem oft doppelt benachteiligt. Zum einen fehlt ihnen, wie deutschen Kindern aus sozial schwachen Familien auch, häufig die familiäre Unterstützung und eine individuelle Förderung in der Schule. Zum anderen haben sie durch mangelnde Sprachkenntnisse meist nur eingeschränkten Zugang zu bestimmten Bildungsangeboten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016.

Immerhin gibt es auch positive Signale. Sie kamen vorletzte Woche von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Ergebnisse der dort entstandenen Studie Bildungsgerechtigkeit in Deutschland zeigen: Die Zahl der Bildungsaufsteiger wächst stärker als die der Bildungsverlierer. Der Leistungsunterschied zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund hat sich insgesamt verkleinert.

Was also lässt sich tun, um die Bildungsgleichheit weiter zu fördern, den sozialen Zusammenhang zu stärken? Insgesamt werde noch zu wenig über Berufsorientierung nachgedacht, sagt Sebastian Gallander von der Vodafone-Stiftung. Es zeige sich – wie eine von der Stiftung beauftragte Allensbach-Studie belege –, dass sich doppelt so viele Schüler mit bildungsferner Herkunft mehr Unterstützung bei der Berufswahl wünschen als Kinder aus Akademikerfamilien. Solch eine Berufsberatung könnte die Jugendlichen motivieren, mehr für ihre schulischen Leistungen zu tun, sagt Gallander: "Die Schule ist wie eine Fahrt im Ruderboot über das Meer. Wenn man keine Vorstellung hat, auf welchen schönen Hafen man zusteuern kann, verliert man die Energie zum Weiterruden." Und wer sich schon früh mit den beruflichen Anforderungen beschäftigt, lernt ganz nebenher noch einige nützliche soziale Codes. Die sind für den beruflichen Aufstieg bekanntlich ebenso wichtig wie der Bildungserfolg. Allerdings schließt sich hier der Teufelskreis: Zu wissen, wie man sich kleidet, Konversation betreibt und ein Abendessen unfallfrei übersteht, lernen Kinder und Jugendliche vor allem von den Eltern.