Es stimmt nicht, dass du nichts mehr verlieren kannst, wenn du alles verloren hast. Man hat immer etwas zu verlieren. Wie Deborah. Deborah hat keine Heimat, keine Religion, keine Familie. Alles ließ sie zurück in Williamsburg, New York, um hierher zu kommen, nach Berlin. In Williamsburg wurde Deborah in eine ultraorthodoxe chassidische Gemeinschaft geboren. Sie musste wie alle jüdischen Mädchen der Gemeinschaft lange Röcke und Blusen tragen. Sie musste sich den Schädel rasieren, weil langes Frauenhaar für den Rabbi Sünde ist.

Als Teenager zwang man sie, einen Fremden zu heiraten, einen Teenager wie sie. Nie im Leben hatte der zuvor eine nackte Frau gesehen. Die beiden bekamen einen Sohn. Sie wurden unglücklich. Schließlich hielt Deborah es nicht mehr aus. Sie ging, nahm den Sohn mit und schrieb mit Unorthodox ein Buch über ihr Leben, das zum Bestseller wurde. Kritiker loben ihren Mut, ihre Stärke, ihre Unabhängigkeit. Sie wurde zum Beispiel für alle unterdrückten Mädchen dort draußen, sie wurde zu Deborah Feldman, der Vorbildfrau. Doch Deborah wollte nie Beispiel sein. Sie wollte weg, so weit wie möglich. Und jetzt ist sie hier, in Deutschland. Oder auch nicht in Deutschland.

Denn Berlin und Deutschland sind nicht dasselbe, sagt die 29-Jährige, während sie im Scheunenviertel ihr Fahrrad vorbei an den Touristen schiebt. "Berlin ist die Hauptstadt der Fremden und Wurzellosen, ein Zuhause für alle, die kein Zuhause haben." Deutschland dagegen sei das Land der Schubladen. Für jeden gibt es eine – eine für Pfälzer, für Bayern, für Sachsen, aber auch eine für Muslime, für Flüchtlinge, für Juden. Wer in Deutschland in der Schublade stecke, sagt Deborah in fließendem Deutsch, von dem erwarteten die Deutschen, dass er sich seiner Schublade gemäß benehme: In der bayerischen Schublade etwa muss man Berge und Weißwürste mögen, in der sächsischen hat man etwas gegen Ausländer, in der muslimischen werden Frauen geknechtet und in der jüdischen schwenkt jeder ein Israel-Fähnchen und schreit "Antisemitismus".

Glücklich in Schubladen werden am Ende aber doch nur Socken. Deborah bleibt einen Moment stehen mit ihrem Fahrrad. Eine junge Frau mit Brille und dunklen Haaren, in Turnschuhen und im Übergangsmantel, die sich kaum unterscheidet von den Frauen in den Übergangsmänteln um sie herum. "Nicht nur Berlin, ganz Deutschland ist voller Menschen, die in keine Schublade passen, Menschen dazwischen, Menschen wie ich." Mit Israel etwa kann Deborah nichts anfangen: "Eine Theokratie, in der die Hautfarbe über die gesellschaftliche Stellung entscheidet." Gläubig ist sie auch nicht: "Religion macht die Menschen klein – vor allem die Frauen." Und mit den jüdischen Repräsentanten in Deutschland ist sie auch über Kreuz: "Es gibt einen Schriftsteller, der meint, für die Juden in Deutschland zu sprechen. Dabei spricht und denkt er ausschließlich so, wie es sich die Deutschen von ihm als jüdischem Repräsentanten erwarten."

So oder so ähnlich machten es sich viele in Deutschland bequem in ihrer Lade. Irgendwann glaubten sie, diese verteidigen zu müssen, gegen eine Welt, die sie angeblich beneidet um die Enge und die Gemütlichkeit. Dann hängt das Leben des Bayern plötzlich an der Wurst und das des Sachsen an Sachsen, als seien die Wurst und Sachsen der Sinn, der das Leben in der Lade lebenswert macht.

Ein Irrtum, so Deborah. Satz auf Satz feuert sie ab, und alle Sätze sagen bloß eines: "Ich brauche nur mich." Aber kann das stimmen? Und wenn es stimmt, wie allein muss sie sein? Einen Moment zögert sie, ballt ihre Hände zu Fäusten. Dann sagt sie: "Komm!"

Sie geht voran, an der Synagoge vorbei in der Oranienburger Straße – sie schaut nicht mal hin. Vor dem Hackeschen Markt biegt sie links ab. Da ist er, der alte jüdische Friedhof. 1942 richteten die Nationalsozialisten dort ein Sammellager ein. 55.000 Juden wurden von hier nach Auschwitz geschickt. Ein Teil des Friedhofs ist heute ein Park. Kinder spielen Fußball. Schoßhunde ziehen Senioren an der Leine hinter sich her. Deborah bleibt an dem Eisentörchen stehen: "Ich dachte, mein Herz bricht, als ich die Kinder das erste Mal spielen sah. Das ist ein Ort der Verletzung, des Schmerzes." Sie weiß, es gibt keinen richtigen Umgang mit Schmerz. Sie entschuldigt sich, weiß selbst nicht so recht, wofür. "Mein Vater ist geistig behindert, meine Mutter hat mich verlassen. Erzogen haben mich meine Großeltern, Holocaust-Überlebende."

Der Holocaust, das brachte man ihr in Williamsburg bei, war die Strafe Gottes für die Sünde der Assimilierung. Deborah konnte und wollte das einfach nicht glauben. Sie floh. Sie reiste nach Deutschland. Sie wollte mehr wissen über ihre Vorfahren. Auch unter ihnen gab es Menschen dazwischen, erfuhr sie, Menschen wie sie, mehr oder weniger gläubig, mehr oder weniger jüdisch, mehr oder weniger deutsch. Umgebracht wurden sie trotzdem. Oder deswegen. Sie traf keine Schuld. Sie büßten für nichts. Dass Deborah heute in Deutschland wohnt, im Land der Täter, ist ihre Rache an Williamsburg, wo niemand glaubt, dass Opfer unschuldig sind.

Es stimmt nicht, dass du nichts mehr verlieren kannst, wenn du alles verloren hast. Man kann immer noch etwas verlieren, das Leben, die Selbstachtung, das Mitgefühl. Nirgends, sagt Deborah, stehe geschrieben, dass die Dinge gut ausgehen. Ein Jude weiß das. Und Deborah ist Jüdin trotz allem. Eine Gruppe Jugendlicher stapft durch den Park und sieht gut aus in den teuer-verwaschenen Jeans. Ein Handy plärrt ein harmloses Liedchen. Köpfe wippen. Deborah sieht ihnen nach. Es gab eine Zeit, schreibt sie in ihrem Buch, da wusste sie nicht, warum Menschen verschiedene Handys haben und warum es nicht eine, sondern viele Sorten Hosen gibt. In ihrer Gemeinschaft in Williamsburg trugen alle Mädchen Röcke, die gleichen Röcke. Wissen die Jugendlichen in ihren verwaschenen Jeans nicht, dass es Frauen gibt, die für ihre Hosen kämpfen müssen? Wenn Deborah über die Jugend von heute spricht, klingt sie ein bisschen altklug. Behäbig und kapitalistisch sei die, antriebslos und gelangweilt. Deborah hatte keine Jugend. Als allein erziehende Mutter kämpft sie heute um alles. Für ihre Familie ist sie gestorben. Es gibt kein Netz, das sie auffängt. "Ich dachte mal, ich werde obdachlos." Sie denkt das noch immer. Dann schleicht die Panik sich von hinten an.

In der Parallelgesellschaft ist niemand frei

Nichts wie weg hier. In dem Moment klingelt ein Handy – ja, auch Deborah hat eins. Ihr Verlag ist dran. Sie soll schreiben, nicht quatschen. Deborah arbeitet derzeit an ihrem zweiten Buch, der deutschen Fassung. Das Buch handelt von ihren ermordeten Verwandten und von Deutschland. Wie ist das so für sie, ein Buch zu schreiben? Sie sagt nichts. Aber ihr Gesicht sieht aus, als hätte Gott ein riesiges Smiley draufgemalt.

In Williamsburg durften Frauen keine Bücher schreiben. Sie durften nicht mal welche lesen. Heimlich lieh Deborah sich Bücher in der Bibliothek aus. Sie versteckte sie unter der Matratze. Sie schlief auf Jane Austen und den Brontë-Schwestern, auf Klassikern, mit denen Englischlehrer normalerweise ihre Schüler langweilen. An keiner Buchhandlung kann Deborah heute vorbeigehen, ohne an ihre Matratze zu denken. "Die aufgereihten Bücher vor Augen", schreibt sie in Unorthodox, "erinnere ich mich daran, wie sehr ich mir als Kind das Recht ersehnte, lesen zu dürfen, wie viel ich für das Wissen riskierte und wie die Freude, zu lesen, stets die Angst überwog." Und jetzt schreibt sie selbst die Regale voll und mehr als das: Sie reist herum, besucht die exotischsten Orte, Orte wie Bad Godesberg, Darmstadt oder Göttingen, um aus dem Buch zu lesen, das sie geschrieben hat. Selbst in der Pfalz war sie schon. Es ist unübersehbar: Irgendwas scheint Deborah den Deutschen zu geben, und die Deutschen ihr. Nur was?

Lichtjahre ist Williamsburg von Darmstadt oder Göttingen entfernt. In Darmstadt beispielsweise wissen die Männer in der Hochzeitsnacht, was sie zu tun haben. Da perforieren sie nicht aus Unwissenheit den Dickdarm der Dame, bis der Notarzt kommt. Wahrscheinlich hat in Darmstadt auch noch nie ein Vater seinen Sohn mit der Stichsäge kastriert, weil der sich selbst befriedigt hat. In Williamsburg dagegen hat Deborah das alles erlebt, gesehen, gehört. Ihr Buch ist drastisch. Sie ist es auch. Dafür wird sie manchmal kritisiert. Doch das Leben in Parallelgesellschaften sei nun mal drastisch, sagt sie und zerlegt das Wortungetüm in Silben, die nur noch von den langen Pausen dazwischen zusammengehalten werden.

In der Parallelgesellschaft will jeder fromm sein oder wenigstens so tun. Niemand ist frei in ihr. Nicht einmal die Männer. "Nur wird ihnen die Unfreiheit mit Macht versüßt." Deshalb sollte man das Tragen eines Kopftuchs bei den Muslimen auch nicht mit Selbstbestimmung verwechseln. Das Kopftuch verhüllt nicht anders als die Perücke, die Deborah wie alle Frauen in Williamsburg tragen musste, damit keiner ihren aus Frömmigkeit rasierten Schädel sieht. Selbstbestimmung würde bedeuten, das Kopftuch ablegen zu können, und niemand würde sich stören daran. Doch irgendwer stört sich immer.

Täuschen lassen vom Kopftuch darf man sich aber auch nicht: Parallelgesellschaften sind wie Hosen. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Ausführungen: muslimisch, jüdisch, katholisch, evangelikal, alle Sekten und Volkswagen nicht mitgerechnet. Manchmal, erzählt Deborah, kommen nach einer Lesung gesetzte ältere Damen auf sie zu. Die Damen erzählen ihr dann, dass sie früher Ähnliches erlebt haben in der streng katholischen Welt der Fünfziger- und Sechzigerjahre – nicht so drastisch wie sie, mit Darm und Stichsäge, aber ähnlich im Prinzip. Wer so etwas erlebt hat, sagen dann die Gesichter, die ernst sind und traurig, wird es nicht mehr los. Nie mehr. Manche Dinge kann man halt nicht hinter sich lassen.

Eine kleine dunkle Wolke hält genau auf Deborah zu. Sie schaut nach oben: schöne Aussichten! Und steuert den nächsten Biergarten an. Schnell noch eine Apfelschorle vor dem Regen. Da sitzt sie in einer Ecke. Der Wind lässt Servietten tanzen um sie. Vermisst sie nichts? – "Was denn?" Ihre Familie, New York, das Gefühl, nicht allein zu sein auf der Welt? – Sie schüttelt den Kopf. Und Gott? – "Gott braucht keine Gemeinschaft, keine Kirchen, keine Priester, keine Rabbis." Dann glaubt sie also doch an Gott? – Schweigen. Und Deutschland, glaubt sie, dass es am Ende gut ausgeht mit Deutschland und ihr? – "Wenn ich die Staatsbürgerschaft bekomme … Wenn die AfD nicht in den Bundestag einzieht …" Und wenn doch? – "Dann gehe ich." Aber wohin? – "Irgendwohin." Unter der kleinen, grauen Wolke ist Deborah in diesem Moment der einsamste Mensch im Garten.

Es stimmt nicht, dass du nichts mehr verlieren kannst, wenn du alles verloren hast. Man hat immer etwas zu verlieren. Sein Handy zum Beispiel. Und das wäre schlimm. Denn genau jetzt klingelt es. Deborah geht ran, und da ist er wieder, der göttliche Smiley. Sie flötet Sätze ins Smartphone. Sie beginnen Deutsch und enden Englisch. Sie sagt, dass sie sich freut und "Darling" und legt schließlich auf. Es war ihr Freund, ein Pfälzer. Ausgerechnet. "Ich weiß, ich bin schwierig. In Gemeinschaften funktioniere ich nicht. Mit anderen Entscheidungen zu teilen fällt mir schwer." Aber mit ihm geht’s? – "Ja, mit ihm geht’s."

Die ersten Tropfen fallen in die Apfelschorle. Die Kellner hechten den tanzenden Servietten hinterher. Oben wird alles noch düsterer und grauer. Deborah rührt sich nicht, bleibt einfach sitzen, strahlt, als könne ihr nichts etwas anhaben, als umgebe sie eine Sicherheitszone. Sie lacht, sagt: Man solle sich keine Sorgen machen um sie. Der Pfälzer kommt gleich. Er rettet Deborah Feldman vor dem Regen.

Das Buch "Unorthodox" von Deborah Feldman ist im Secession Verlag erschienen.