An Mäusen wirkt Cathomens HIV-Therapie schon. Hier konnten Cathomen und seine Kollegen die Andockstelle der HI-Viren ausschalten, ohne dass die Stammzellen ihre sonstige Funktion verlieren. Nun muss er beweisen, dass, was im Nager funktioniert, auf den Menschen übertragbar ist. Aber der Schweizer ist optimistisch. In zwei, drei Jahren werde man die ersten klinischen Studien an HIV-Positiven wagen.

Eingriff in die Evolution

Aussätzige heilen und Gelähmte aufstehen lassen – das gibt es in der Bibel. Heute wenden sich Patienten direkt an Forscher wie Emmanuelle Charpentier. Jede Woche erreichen sie hoffnungsvolle E-Mails. "Das zeigt mir, dass Crispr-Therapien für schwere Generkrankungen dringend benötigt werden", sagt Charpentier. "Aber ich bin keine klinische Forscherin und leite die Mails an Experten weiter."

Die Verantwortung für ihre Entdeckung jedoch kann sie nicht weiterleiten. Keine Preisverleihung ohne das Thema, kein Interview ohne die Frage: Wie tief darf die Genschere ins menschliche Erbgut einschneiden? Soll der Mensch seinen genetischen Code auch auf Dauer verändern? Droht der Homo crispr? Auch den Deutschen Ethikrat treibt das um. In China, Großbritannien und Schweden erproben Forscher Crispr schon an Embryonen, aus denen theoretisch Säuglinge reifen könnten. Erstmals scheinen auch gezielte Änderungen am Erbgut plausibel, die heutige Patienten an ihre Kinder und Kindeskinder weiterreichen würden – ein Eingriff in die sogenannte Keimbahn, das genetische Band zwischen den Generationen. Nimmt der Mensch seine Evolution jetzt selbst in die Hand?

Vom "Menschen nach Maß" ist wieder die Rede und von einer "Genokratie", in der demnächst eine genetisch optimierte Elite über das naturbelassene Proletariat herrscht. Doch weder in Großbritannien noch im chinesischen Guangzhou will man bisher den "neuen Menschen". Keine Frau soll die manipulierten Embryonen austragen. Sie dienen der Grundlagenforschung, um mehr über die Entstehung von Erbkrankheiten und das Wachstum von Embryonen zu erfahren. Die echten bioethischen Probleme sehen Experten vielmehr bei der Gentherapie am einzelnen Menschen: "Die größte Gefahr ist, dass man die Technik einsetzt, obwohl sie noch nicht reif ist", sagt Sigrid Graumann, Mitglied im Ethikrat.

Zwar steuert der Crispr-Sucher sein Ziel genauer an als alle Laborwerkzeuge der Mikrobiologen zuvor – völlig treffsicher ist er aber noch nicht. In seltenen Fällen zerschneidet die DNA-Schere versehentlich auch Gene, die sie nicht verändern soll. Es funktioniert wie bei der Textverarbeitung am Computer: Einen seltenen Begriff auszutauschen ("Genschehre" durch "Genschere") ist kein Problem. Zielt man dagegen auf häufige Buchstabenkombinationen ("Son" gegen "Sohn"), verändern sich plötzlich zahlreiche Wörter: Sohnnenschein, Sohnderurlaub, Sohnde. Der Text wird nicht verbessert, sondern zerstört.

Off-target nennt sich das: danebengeschossen. Im schlimmsten Fall verursacht die vermeintlich rettende Therapie dann Krebs. Als die chinesischen Forscher aus Guangzhou ihre Crispr-manipulierten Embryonen später untersuchten, fanden sie Genveränderungen vor, die nicht geplant waren. Im Labor nicht tragisch, im Versuch an Menschen katastrophal. Hier muss die Treffsicherheit bei fast 100 Prozent liegen. Lieber mit HIV leben, als durch Crispr sterben.

Wer verdient?

Der Erfolgsdruck wächst. Es droht ein Wettlauf um die erste gelungene Heilung. Jahrelang bewegte die Forscher die Lust am Entdecken, an der reinen Erkenntnis. Und dann, von einem Tag auf den anderen, begann der Crispr-Kommerz. Eine Datenrecherche von ZEIT und ZEIT ONLINE zeigt: Seit 2010 wurden bis Mai 2016 ganze 72 Patente im Zusammenhang mit Crispr erteilt, weitere 774 Patente sind beantragt (unter zeit.de/crispr-statistik finden Sie eine grafische Auswertung). Start-ups haben sich gegründet, gerade ist das vierte Unternehmen an die New Yorker Technologie-Börse Nasdaq gegangen. Die großen Pharmafirmen Novartis, Bayer oder Pfizer sind mit im Rennen.

Auch die Grundlagenforscherinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna sind zu Investorinnen geworden. Beide haben Firmen mitgegründet – und liegen schon mit dem Genforscher Feng Zhang von der Harvard University im Patentstreit. Zhangs Unternehmen hat für das kommende Jahr eine Therapie gegen eine seltene Augenkrankheit angekündigt. Und Charpentier wollte ihre wörtlichen Zitate für diesen Artikel nicht nur selbst gegenlesen, sondern diese auch von ihrem Anwalt prüfen lassen. Große Hoffnungen, großer Ehrgeiz, großes Geld – sie treiben die Wissenschaft an. Und können sie zerstören.

Welche Erwartungen Crispr erfüllen kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Für die Grundlagenforschung ist es schon heute unersetzlich. "Erfahrene Kollegen sagen zu mir: In den nächsten fünf Jahren kann ich so viel erreichen wie zuvor in meinem gesamten Forscherleben", berichtet Max-Planck-Forscher Rudi Amann. Der komplette DNA-Satz vieler Organismen ist zwar bekannt, die vollständige Funktion der meisten Gene bleibt aber weiterhin ein Geheimnis. Crispr hilft, sie zu entschlüsseln. Denn nun kann man im Labor leicht einzelne DNA-Bausteine in Zellen ein- und ausschalten – und hoffentlich eines Tages Leiden von Alzheimer bis zur Zuckerkrankheit enträtseln. "Das ist das erste Ziel von Crispr: Es soll die Forschung für Biologen leichter machen", sagt Emmanuelle Charpentier.

Eine halbe Stunde war vereinbart, am Ende hat Charpentier vier Stunden geredet. Kein Kaffee, kein Tee, kein Leitungswasser – auch nicht für die Gäste. Ist es das, was ihre Weggefährten meinen, wenn sie Charpentier als "intensiv" bezeichnen? In ihrem Büro stapeln sich noch immer Umzugskisten. Gerade hat sie einen neuen Aufsatz in Nature über Crispr veröffentlicht, um das Instrument weiter zu verbessern.

Ihr Vorbild? Marie Curie. Die hat den Nobelpreis gleich zweimal bekommen.

Mehr zum Schwerpunkt "Crispr – Evolution zum Selbermachen" lesen Sie unter anderem in der ZEIT Nr. 27 vom 23.6.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.