Zum Teil sind die Probleme der EU die logische Folge davon, dass es Europas Institutionen an einem kohärenten Zusammenwirken mangelt. Regiert wird die EU von einem merkwürdigen Vierkammersystem, dessen einzelne Organe schwer auseinanderzuhalten sind: Europäische Kommission, Europäischer Rat, Rat der Europäischen Union und Europäisches Parlament. Jedes Gremium verfügt über einen eigenen Präsidenten. Es ist ein übertrieben komplexes System, das selbst die leidenschaftlichsten Europhilen verwirrt.

Auch aus diesem Grund wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel als Regierungschefin des größten Mitgliedsstaats durch die jüngsten Ereignisse in die Rolle der De-facto-Premierministerin Europas gedrängt. Aber wenn es auf EU-Ebene an Institutionen-Einigkeit fehlt, wie soll die Kanzlerin dann ihre nationale Rücksicht ablegen und tun, was am besten für Europa ist?

In dieser Rolle hat Merkel dennoch in mancher Hinsicht bewundernswerte Arbeit geleistet. Sie hat aber auch Fehler begangen, was vor allem daran liegt, dass ihre Rolle als EU-Premier in Konflikt zu ihren innenpolitischen Prioritäten steht. Um nationale Befindlichkeiten zu bedienen, hat sie unklugerweise gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy 2009 der Türkei erklärt, sie könne eine Aufnahme in die EU vergessen. Inzwischen bedauert Merkel diese Haltung – und Europa bezahlt einen höheren Preis für die Kooperation der Türken.

Doch auch die beiden anderen Supermächte dieser Welt, die USA und China, müssen sich mit Fehleinschätzungen und institutionellen Defiziten herumplagen. Die USA haben viele bewundernswerte Eigenschaften, aber auch sie leiden unter Zuwanderungsdruck, wachsender Ungleichheit und einem kaum mehr tragfähigen sozialen Netz. International verfügt Präsident Obama noch immer über viel Macht – allerdings weniger als frühere Präsidenten. Und ihr Gebrauch scheint die Dinge manchmal nur zu verschlimmern. NSA-Schnüffelei und übertriebener Überwachungseifer haben ebenso wie die Folterung von Gefangenen in Abu Ghraib zu Bush-Zeiten die gepriesenen Werte beschädigt und Amerikas Ansehen geschadet. Die US-Innenpolitik ist in einem Ausmaß gelähmt, das geradezu europäisches Niveau erreicht hat. All dies hat das Phänomen Donald Trump hervorgerufen.

Unterdessen bleibt Chinas Zwitter eines "kommunistischen Kapitalismus" ein autoritäres Rätsel voller gewaltiger Widersprüche. Die Mittelklasse wächst, ist aber immer noch sehr klein im Vergleich zur armen Bevölkerungsmehrheit. Gleichzeitig gedeihen Korruption und Vetternwirtschaft.

Es hat sich gezeigt: Wer viel Macht hat, kann auch große Fehler begehen. Eine Supermacht zu sein ist weder immer super noch etwas für schwache Nerven. Insofern schneidet die EU im Vergleich gar nicht mal so schlecht ab.

Und trotzdem stecken die Europäer fest in ihrer hochgradig selbstkritischen Mentalität. Sie sehen sich, wie früher im Kalten Krieg, immer noch als ein Juniorpartner, der vom Rücksitz aus zusieht, wie Amerika den Wagen lenkt. Es hat auch seine Vorteile, hinten zu sitzen: Man muss nicht die Verantwortung für die Fahrtrichtung übernehmen und kann heikle Manöver notfalls dem Fahrer überlassen. Jetzt aber sind die USA dank Trump kurz davor, den Wagen über die Klippe zu steuern. Deshalb ist es an der Zeit, dass Europa seine eigene Version von Führung und Vision mutiger vertritt. Dafür braucht es jedoch einen stärkeren Zusammenhalt der Institutionen und mehr Kompetenz. Es sind dies Qualitäten, die sich in der Regel langsam und über Jahrzehnte hinweg entwickeln.

Um Europas Gegenwart und Zukunft besser begreifen zu können, muss man sich die Vergangenheit vor Augen führen – und zwar die der jungen Vereinigten Staaten von Amerika. 1789 war die Nation zerrissen. Es gab regionale Spannungen, und die Mitgliedsstaaten pochten auf Eigenständigkeit. Sie begehrten auf gegen eine Zentralregierung und eine immer engere Einbindung in die Union.

Anfangs hatte das junge Amerika keine eigene Währung, jeder Staat und sogar einzelne Banken arbeiteten mit ihrem eigenen Geld. Derart groß war der Argwohn der Amerikaner gegenüber einer Zentralregierung, dass sich Präsident George Washington, immerhin ein Kriegsheld, nicht traute, Mittel für ein stehendes Heer zu beantragen. So sehr lehnten die Bürger den Föderalismus ab, dass die erste landesweite Steuer, eine Abgabe auf Whiskey, in Pennsylvania zu offener Rebellion führte. Präsident Washington musste Truppen entsenden.

Volle 70 Jahre nach der ersten Regierungsbildung trug Amerika einen blutigen Bürgerkrieg um die Rechte der Staaten aus – es ging um die Frage, ob eine Zentralregierung bei einem so explosiven Thema wie der Sklaverei die Mitgliedsstaaten überstimmen konnte. Kurzum: Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich die USA zu einer Nation zusammenfanden. Während dieser Zeit durchlitt die Wirtschaft mindestens sieben Bank- und Finanzkrisen, gegen die die aktuellen Euro-Probleme gering erscheinen. Bis heute wirken diese zentrifugalen Spannungen nach.

Der Vergleich ist aufschlussreich, aber er hinkt natürlich auch. Die Europäische Union weist Spaltungen auf, die Jahrhunderte zurückreichen. Es ist schon ein Wunder, dass die Integration überhaupt so weit gekommen ist.

Und dennoch: Wenn Sie das nächste Mal die Überschrift "Europa stirbt" lesen, denken Sie daran, dass das "alte Europa" eigentlich ziemlich jung ist. Die EU kann die Kapriolen von David Cameron und Viktor Orbán ebenso überleben wie einige Millionen Flüchtende, radikalen Islamismus und eine übertriebene Sparpolitik – immer vorausgesetzt, dass Europas Lust auf eine Union ungebremst bleibt.

Die Europäische Union ist, um Winston Churchill zu zitieren, nicht am Ende, sondern nur am Ende ihres Anfangs.

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