Dann, endlich, kommt ein Mann den Schotterweg zum Verwaltungstrakt herunter. Aus dem offenen Hemd blitzt ein Goldkettchen, eine Sonnenbrille verdeckt seine Augen. Er geht auf Knaus zu, auf den Lippen ein abschätziges Lächeln, als wolle er sagen, jede Kritik an der Arbeit der griechischen Behörden sei unangebracht.

Die beiden Männer sprechen kurz. Es sei zu laut hier im Lager, zu unruhig, sagt der Grieche. Sie verabreden sich für den Abend in einer Taverne am Hafen.

Vier Stunden später sitzen sie sich gegenüber. Knaus könnte jetzt Vorwürfe erheben, Wut in die Stimme legen, ein Kräftemessen riskieren, aber das ist nicht seine Methode. Lächelnd sagt Knaus zu dem Griechen: "Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, welche Art Hilfe Sie bekommen sollten."

Der Grieche könnte den freundlichen Gerald Knaus für einfältig und ahnungslos halten. Aber jetzt legt Knaus einen mehrere Kilo schweren Papierstapel auf den Tisch, obenauf das Blatt mit den exakten, tagesgenauen Zahlen darüber, wie viele Mitarbeiter die griechischen Behörden auf die Inseln schicken, wie viele Flüchtlingsfälle sie bearbeiten. Es sind vertrauliche Informationen, die griechische Regierung veröffentlicht sie nicht, ein hochrangiger Beamter hat sie Knaus am Abend zuvor in Athen zugesteckt.

Auf den griechischen Inseln befinden sich derzeit 8500 Flüchtlinge, aber für sie sind nur 16 griechische Beamte zuständig, so steht es auf dem Papier. Eigentlich müssten die Flüchtlinge zügig erfasst und in die Türkei zurückgebracht werden, so sieht es das Abkommen vor. Aber bisher wurden gerade einmal einige Hundert Fälle bearbeitet. Wenn es bei dem Tempo bleibt, wird es bis nächstes Jahr dauern, bis alle Fälle geprüft sind.

Ein paar Stunden vor dem Treffen in der Taverne hat Knaus die Zähigkeit der Flüchtlingspolitik selbst erlebt. Nach seinem Besuch im Lager Moria war er zurück in den Hauptort Mytilini gefahren, als auf einmal eine Gruppe von vielleicht 50 Flüchtlingen vor ihm auf der Straße stand. Einer schlug kurz und wütend auf das Auto. Knaus hielt an, stieg aus, zog einen Notizblock aus der Tasche. Er, der es geschafft hat, die europäische Flüchtlingspolitik mitzubestimmen, redet nicht sehr oft mit Flüchtlingen.

"Woher kommen Sie?", fragte Knaus.

"Pakistan", antwortete einer der Männer.

"Wie lange sind Sie schon hier?"

"Drei Monate", sagte einer. "Vier Monate", ein anderer.

"Wohin möchten Sie?"

Sie antworteten alle dasselbe. "Deutschland."

Überall auf Lesbos begegnet man Flüchtlingen. Sie gehören zu jenen, die länger als 23 Tage auf der Insel sind. Von diesem Zeitpunkt an erhalten die Flüchtlinge einen Passierschein und dürfen das Lager tagsüber verlassen. Abends sollen sie wieder zurückkehren. Wohin diejenigen verschwinden, die nicht zurückkommen, weiß keiner. Wahrscheinlich bleiben manche illegal im Land, und andere versuchen, sich nach Mitteleuropa durchzuschlagen.

Noch eine Szene auf dem Weg zur Taverne: Gerald Knaus steht im Nordosten von Lesbos am Ufer der Ägäis. Die Wellen schlagen an die Felsen, man sieht die türkische Küste, sie ist nur zehn Kilometer entfernt. Es wirkt, als könne man hinüberschwimmen, aber das schafft keiner. Die Griechen haben an dieser Stelle einen Berg von Schwimmwesten aufgetürmt. Der Berg wirkt wie ein gespenstisches Mahnmal: Große Westen, kleine Westen und Schwimmflügel für Kinder liegen in der Sonne, zurückgelassen von Flüchtlingen nach ihrer Überfahrt. Knaus steht da und schweigt und lässt die Kamera seines Handys über das Bild gleiten.

Man kann diese beiden Szenen, die Flüchtlinge an der Straße und die Schwimmwesten am Ufer, leicht in Zusammenhang bringen. Man kann sich ausrechnen, was es bedeutet, wenn die Bootsflüchtlinge nicht in die Türkei zurückgebracht werden: Knaus’ Konzept für das Flüchtlingsabkommen folgt einer klaren Logik, wie ein Schachspiel. Wenn die Griechen jeden Neuankömmling zügig zurückschicken und wenn sich gleichzeitig ein sicherer, legaler Weg von der Türkei nach Europa öffnet, finden die Schlepper keine Kunden mehr. Wenn aber in den Lagern in der Türkei bekannt wird, dass es den Bootsflüchtlingen doch irgendwie gelingt, in Griechenland zu bleiben, dass sie es womöglich sogar bis nach Deutschland schaffen, dann fahren die Schlauchboote bald wieder. Und dann sind vielleicht in Passau die Turnhallen wieder voll, stehen vor den Ämtern in Berlin wieder Syrer und Afghanen Schlange und werden in Hamburg wieder Zelte aufgebaut.

Es sind diese Zukunftsaussichten, die Knaus im Kopf hat, wenn er jetzt in der Taverne mit dem Mitarbeiter des Flüchtlingslagers spricht. Knaus hört zu, fragt nach, zeigt Verständnis. Da geschieht etwas Erstaunliches. Das abschätzige Lächeln verschwindet aus dem Gesicht des Griechen. Er nimmt die Brille ab, und Knaus sieht, dass ihm die nackte Angst in den Augen steht.

"Moria ist 45.000 Quadratmeter groß", sagt der Grieche mit gepresster Stimme. "Es gibt immer mehr Ecken, in die sich nachts kein Wächter mehr traut. Da finden Drogenhandel, Prostitution, Gewalt und Menschenschmuggel statt. Die Mitarbeiter einer griechischen Hilfsorganisation haben das Lager schon verlassen – aus Angst vor Überfällen. Frauen trauen sich nachts nicht auf die Toiletten, und von den wenigen Polizisten, die es hier gab, sind uns auch noch welche abgezogen worden."