Am Vormittag des 17. September klickt Knaus auf seinem Notebook auf "Senden". Per E-Mail geht sein Aufsatz an europäische Regierungen, Beamte der EU-Kommission, Abgeordnete, Journalisten.

Gerald Knaus stammt aus einer Familie, der das europäische Drama in den Knochen steckt. Seine Großmutter, eine Russin, war einst nach Deutschland eingewandert. Kurz vor Kriegsende wurde sie von Soldaten der Roten Armee erschossen, weil sie mit einem Deutschen ein Baby hatte, Knaus’ Mutter. Das Mädchen wurde als Staatenlose von Versteck zu Versteck gebracht. Am Ende kam Knaus’ Mutter nach Österreich, wo dann auch Gerald aufwuchs – in einem Haus, in dem immer wieder Flüchtlinge aufgenommen wurden, Menschen, die ihre Heimat an den Krieg verloren hatten.

Gerald Knaus führt ein europäisches Leben, seit er 16 Jahre alt ist. Da zog er alleine nach Paris. Als die Mauer fiel, erkundete er Osteuropa. Er verliebte sich in eine Slowakin und in das Gefühl des großen Aufbruchs. Gerald Knaus studierte Politik und Wirtschaft in Oxford, Bologna und Brüssel. Seine Denkfabrik ESI entstand Ende der neunziger Jahre auf einer Caféterrasse in Sarajevo. Dort saß er mit ein paar Freunden. Sie blickten auf die zerschossene Stadt und träumten davon, eine neue Art der Politikberatung zu erfinden, eine, die nicht nur mit abstrakten Konzepten jongliert. Knaus’ erstes Projekt: die Rückkehr der Vertriebenen aus Bosnien. Knaus redete mit Bürgermeistern, mit kroatischen Extremisten, mit den Serben. Er lernte Bosnisch. Er suchte Flüchtlinge, die bereit waren, eine Rückkehr zu wagen. Er fand sie.

Später betrieb Knaus seine Denkfabrik mehrere Jahre in Istanbul. Dort wuchsen seine drei Töchter auf, die Türkei ist Knaus so vertraut wie kaum ein anderes Land. Das kommt ihm im Herbst des europäischen Sorgenjahrs 2015 zugute: Die türkischen Botschafter in Berlin und Brüssel sind alte Bekannte, auch ihnen schickt er sein Konzept. Die Diplomaten präsentieren dem Regierungsapparat in Ankara wenig später Knaus’ Argumentation: Die Türkei müsse den gemäßigt konservativen und sozialdemokratischen Regierungen in Mitteleuropa helfen. Sie könne kein Interesse daran haben, dass in Deutschland die AfD immer stärker wird, dass in Frankreich womöglich bald der Front National regiert, in Österreich die FPÖ. Dass antiislamische, prorussische Parteien in Europa den Ton angeben. Es sei im Sinne der Türkei, wenn die Merkel-Philosophie die Oberhand behält, nicht die Orbán-Philosophie.

Anfang Oktober, die Flüchtlingszahlen steigen weiter, verschickt Knaus einen zweiten Aufsatz, in dem er sein Konzept präzisiert. Kühn nennt er es den "Merkel-Plan". Dabei hat er Merkel nie getroffen.

Knaus’ Trick funktioniert. In der EU-Kommission wird der Plan diskutiert. In Berlin wird der Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt, der Knaus bei einer Konferenz erlebt, auf das Konzept aufmerksam. Am Ende findet der Text seinen Weg ins Kanzleramt. Dabei spielen persönliche Bekanntschaften zwischen Ministeriumsmitarbeitern eine Rolle, Parteifreundschaften, Kontakte zu Beratern aus dem Umfeld der Kanzlerin.

Am Abend des 7. Oktober sitzt Angela Merkel in der Talkshow von Anne Will. Die Kanzlerin sieht sich zu diesem Zeitpunkt wegen der steigenden Flüchtlingszahlen ersten massiven Angriffen aus den eigenen Reihen ausgesetzt. Jetzt sagt sie: "Wir müssen unsere Außengrenzen besser schützen. Aber das wird nur gelingen, wenn wir uns mit unseren Nachbarn, beispielsweise auch mit der Türkei, darüber einigen, wie man die Aufgabe der Versorgung von Flüchtlingen besser teilt. Das bedeutet: mehr Geld für die Türkei, die große Ausgaben wegen der Flüchtlinge hat. Das bedeutet auch, dass wir der Türkei eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen abnehmen, sodass nicht Menschenhändler und Schmuggler Geld verdienen."

Es ist der Moment, in dem aus dem "Merkel-Plan" von Gerald Knaus der Plan von Angela Merkel wird.

Angela Merkel ist die mächtigste Frau Europas, aber ohne Verbündete kann auch sie nichts durchsetzen. Der Plan von Angela Merkel muss zum Plan der EU werden.

Die EU-Ratspräsidentschaft wechselt jedes halbe Jahr. Zurzeit sind die Niederlande dran. Ein paar Wochen nach dem Auftritt der Bundeskanzlerin bei Anne Will reist Diederik Samsom, der Parteichef der niederländischen Sozialdemokraten, in die türkische Hafenstadt Izmir. Er fährt an die Küste mit den kleinen Stränden, wo Flüchtlinge, getrieben von Schleppern, nachts die Ziegenpfade herunterrennen, ein Schlauchboot aufblasen, mit dem Mund oder kleinen Luftpumpen, und dann ablegen. Die türkische Küstenwache könnte sie stoppen, aber die kann nicht überall gleichzeitig sein. In der Nacht von Samsoms Besuch legen 20 Boote ab. Am nächsten Tag wird ein Fotograf am Strand die Leichen zweier ertrunkener Kinder aufnehmen.