Frage: Und das in einer Zeit, in der fast jeder irgendwelche Unverträglichkeiten hat.

Grossmann: Ja, oder außergewöhnliche Essgewohnheiten. Andauernd exotisch zu sein kostet viel Kraft.

Frage: Und das wäre unter Juden einfacher?

Grossmann: Da gäbe es die Fragen nicht. Freunde aus Israel sagen, wenn hier wieder etwas hochkocht: Komm doch nach Israel, da hast du deine Ruhe. Das ist schon verlockend. Aber ich hoffe ja, dass wir das überstehen und in einer Generation endlich ein normales Verhältnis dazu und zueinander finden. Außerdem ist Israel nicht mein Land.

Frage: Wann dachten Sie das erste Mal darüber nach, Deutschland zu verlassen?

Grossmann: Im letzten Urlaub haben wir das erste Mal konkret Länder aussortiert. Seither spreche ich mit meinem Freund, der kein Jude ist, immer wieder darüber.

Frage: Welche Länder kämen denn infrage?

Grossmann: Seltsamerweise fiel uns zuerst Norwegen ein, aber das war uns zu dunkel. Dann dachten wir über Südamerika nach und sind bei Kanada gelandet. Bis aufs Wetter wäre Israel nicht das richtige Land für mich. Auch wenn ich dort endlich keine Exotin mehr wäre.

Frage: Sie sind ja auch in Deutschland aufgewachsen, Ihre Eltern kommen von hier, Ihre Vorfahren.

Grossmann: Das ist der Punkt. Wir wollen ja nicht weg. Freiwillig weggehen, um etwas anderes zu sehen, das habe ich hinter mir. Ich war einige Zeit in den USA. Dort war mein Jüdischsein auch kein Problem. Mich hat es aber wieder nach Deutschland gezogen. Ich hatte Heimweh.

Frage: Wonach hatten Sie Heimweh?

Grossmann: Ich hatte Heimweh nach Berlin, nach den entspannten Leuten, nach Freiheit, nach weniger Oberflächlichkeit. Und, wir lebten dort in geschlossenen jüdischen Kreisen. Das war nicht mein Ding. Und der Rassismus in den USA hat mich erschüttert. Dann bin ich zurückgegangen und habe noch einmal neu angefangen.

Frage: Aber Sie sitzen nicht auf gepackten Koffern?

Grossmann: Nein, überhaupt nicht. Ich besitze nicht viel. Würde es akut, wüsste ich, dass ich erst mal nach Israel könnte – nicht nur rechtlich, sondern auch, weil ich viele Freunde dort habe. Ich könnte auch wieder in die USA. Das ginge vom einen auf den anderen Tag.

Frage: Was müsste passieren, was würde Sie veranlassen, das Land zu verlassen?

Grossmann: Ich habe mich oft gefragt: Wann ist es eigentlich zu spät? Es hat ja auch in den Dreißigern niemand geahnt. Wenn es wieder direkt gegen Gebäude ginge, wäre für mich eine Grenze erreicht. Also nicht ein paar Schmierereien. Da bin ich abgestumpft. Aber wenn Fenster zu Bruch gingen, würde ich gehen. Aber ich habe ja auch meine Mutter hier. Mit ihr habe ich noch nie darüber gesprochen. Sie macht sich Sorgen, aber sie findet gut, dass ich sage, wenn mich etwas stört.

Frage: Denken Sie manchmal, Sie seien paranoid?

Grossmann: Das dachte ich schon häufiger, ja. Sehe ich zu viel? Bin ich zu ängstlich? Ist vielleicht alles gar nicht so schlimm? Aber ich bin eben Historikerin und sehe die Parallelen. Vor einigen Jahren fand eine Ausstellung statt, da wurden Briefe an den Zentralrat der Juden gezeigt. Da wurde mir der Hass zum ersten Mal bewusst. Wenn ich so etwas jeden Tag kriegen würde! Andere Juden sagen dagegen, ich sei noch viel zu entspannt. Aber ich will mir das Leben vom Hass auch nicht kaputt machen lassen. Ich hoffe, ich halte durch.

Frage: Werden Sie oft als entweder Deutsche oder Jüdin deklariert? Bekommen viele nicht zusammen, dass Sie beides sind?

Grossmann: Das ist selbst in jüdischen Kreisen ein Problem. Da ist man entweder das eine oder das andere. Aber ich bestehe darauf, dass ich Jüdin und Deutsche bin. Beides hat seine Geschichte. Auch das ist ein Grund für mich, zu bloggen, auf Deutsch über das Jüdischsein zu schreiben.

Frage: Es gibt sehr wenige jüdische Blogger oder Twitterer.Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven, die Online-Quoten-Jüdin zu sein?

Grossmann: Nein, ich mache sehr gute Erfahrungen. Leute trauen sich durch meine Präsenz im Netz, Fragen zu stellen. Sie freuen sich mit mir an Chanukka, lernen etwas über das jüdische Leben. Viele wissen ja wirklich auch das Geringste nicht. Das sollte viel mehr Teil der Schulbildung sein. Die Juden sind ja nicht erst kurz vor dem Holocaust nach Deutschland gekommen. Warum spricht man im Geschichtsunterricht beim Mittelalter nicht auch über Worms? Oder statt immer nur Kant, wie wär’s mit Mendelssohn? Das Interesse ist jedenfalls groß.

Frage: Aber der Hass äußert sich vor allem im Blog und Sie erleben ihn weniger im Alltag?

Grossmann: Als ich im Jüdischen Museum gearbeitet habe, war ich öffentlich noch erkennbar. Sonst sieht man mir mein Jüdischsein ja nicht an. Aber selbst an meinem jetzigen Arbeitsplatz, im Dokumentationszentrum Zwangsarbeit, gibt es verrückte Szenen. Da beschwert sich jemand über die nicht gefegten Fußwege, schiebt aber in verständnisvollem Ton nach, wir hätten ja das Geld nicht, weil wir Entschädigungen an die Juden zahlen müssten. Im Jüdischen Museum war das noch verrückter. Da meinen Leute, die Juden würden sich rächen, indem sie Leute zur Garderobe schicken, um ihre Jacke abzugeben.

Frage: Gibt es Themen, über die Sie nicht mehr schreiben?

Grossmann: Nicht grundsätzlich, aber zu zwei Themen habe ich nichts geschrieben: Hier in Neukölln gab es eine Ladenbesitzerin, die Roma den Zutritt verwehrt hat. Menschen pauschal abzuweisen, das geht nicht. Das zweite war das jüngste Attentat in Tel Aviv und die doch recht stillen Reaktionen darauf. Ich habe es erst gar nicht mitbekommen. Wäre das in Paris, Berlin oder London passiert, es wäre ganz anders besprochen worden. Ich hätte etwas schreiben sollen, aber ich hatte einfach nicht die Kraft.

Frage: Was hielt Sie ab?

Grossmann: Die zu erwartenden Kommentare.

Frage: Sie haben lange anonym gebloggt, seit zwei Jahren schreiben Sie unter Klarnamen. Inwiefern hat das Ihr Schreiben verändert?

Grossmann: Ich bin vorsichtiger geworden. Aber ich merke auch einen positiven Effekt. Die Leute verbinden mit einem Gesicht und einem Namen mehr als mit den beiden Granatäpfeln, die ich vorher als Logo hatte.

Frage: Und sind die Reaktionen härter geworden?

Grossmann: Die Reaktionen haben insgesamt zugenommen, auch die positiven. Viele bedanken sich auch für mein Schreiben. Das hilft.