Für weitere Artikel zur Serie "Stimmt's?" klicken Sie auf dieses Bild. © Jeff J. Mitchell/Getty Images

Die Augenklappe gehört zum Piraten-Klischee wie das Holzbein, der Haken als Hand-Ersatz und der Papagei auf der Schulter. Und es gibt gleich mehrere Theorien dafür, warum die Freibeuter früher eine schwarze Klappe überm Auge getragen haben sollen.

Die nächstliegende Erklärung: Sie verloren ihr Auge bei einer der vielen Säbelfechtereien. Aber warum ausgerechnet das Auge und nicht etwa das Ohr? Eine andere Erklärung zitiert der Fragesteller dieser Woche in seiner E-Mail: Die Steuerleute hätten damals beim Blick durch den Sextanten manchmal unbeabsichtigt direkt in die Sonne geschaut, so sei auf die Dauer ein Auge erblindet.

Und dann gibt es noch die Leute, die sagen: Unter der Klappe verbarg sich in Wirklichkeit ein gesundes Auge. Beim Entern von Schiffen habe der Kampf mal auf Deck und mal unter Deck getobt. Wenn der Pirat vom Hellen ins Dunkle kam, hätte er schnell die Klappe abgenommen. Während der Gegner noch eine halbe Minute brauchte, um seine Augen an die Dunkelheit zu adaptieren, habe der Pirat sich sofort orientieren können und so einen Vorteil gehabt. Dass der Trick tatsächlich funktioniert, wurde einmal in der Fernsehsendung Mythbusters demonstriert.

Doch alle diese Erklärungen setzen voraus, dass die Augenklappe unter Piraten weit verbreitet gewesen wäre. Das aber kann man getrost bezweifeln. Sicherlich gab es einzelne Fälle von Seeräubern, die ein Auge verloren, sei es im Kampf oder auch durch eine Krankheit. Der eine oder andere von ihnen mag auch eine Klappe getragen haben. Es gibt jedoch keine zeitgenössischen Darstellungen von beklappten Piraten aus dem Goldenen Zeitalter der Piraterie, das um 1730 endete. Das Stereotyp entstand erst 100 Jahre später, und richtig populär wurde es durch die Cartoons des 20. Jahrhunderts.

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