Der Erzählfluss hat die machtvolle Breite des Ganges, in ihm strudeln dahin: eine indische Großfamilie in den verschiedenen Stadien ihrer Dekomposition, also ein Greisenpaar und seine fünf Kinder, ein Mädchen und vier Brüder sowie deren Frauen und sechs Enkelkinder, alle versammelt in einem Familien-mansion, Location Kalkutta, inklusive eines Heers von Dienstboten. In bollywoodesker Farbigkeit wird gehurt, gezetert, geheult, geliebt, krepiert, ein Industrieimperium von dieser Familie Ghosh zuerst aufgebaut und verloren. Zeitfenster: ein halbes Jahrhundert. Eine Ära, in der sich der indische Subkontinent in qualvollen Konflikten wand, angestachelt durch separatistische Bewegungen und Aufstände Entrechteter, was Mukherjee auf einer zweiten Erzählebene im Tagebuch eines der Enkel entfaltet, Supratik, der sich aus der Villa seiner Sippe davon stiehlt und im Urwald als Führer einer kommunistischen Zelle das Leben der Bauern teilt. Was seiner Mutter das Herz bricht, erzähltechnisch aber die eindrücklichste Schilderung der Maloche in Reisfeldern ermöglicht, das Elend der Landbevölkerung wird entfaltet, im Augenspiegel des Studenten, der sich seiner Herkunft schämt.

Neel Mukherjee, 1970 in Kalkutta geboren, Rhodes-Stipendiat in Oxbridge und jetzt in London lebend, schreibt mit analytischer Brillanz über fäkalorientierte Praktiken im Hurenviertel so gut wie über einen primzahlensüchtigen Schüler. Der Autor entwickelt die narzisstische Störung eines wegen ihrer dunklen Hautfarbe als Gattin unvermittelbaren Mädchens so einfühlsam wie den Horror einer Folterszene unter der Regie provinzieller Polizeibeamter. Geschwisterliebe, Vetternwirtschaft, Lynchmord oder der psychische Zusammenbruch eines hungernden Familienvaters – mehr Themen sind nicht in einem Buch unterzubringen. Mit dieser Lektüre kommt man durch die Ferien, selbst wenn man zu Hause auf dem Sofa bleibt.

von Susanne Mayer

Neel Mukherjee: In anderen Herzen. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini; Verlag Antje Kunstmann, München 2016; 640 S., 26,– €, als E-Book 22,99 € 

Zwei Zöpfe im Bett neben Luther

Und plötzlich beginnt dieser ferne Kontinent zu atmen, der Teufel lauert an jeder Ecke, Ewigkeiten ist sie her, diese Lutherzeit, doch auf einmal kommt sie hautnah: jene Epoche, in der zarte sechsjährige Jungen in die dunklen Stollen der Mansfeldschen Silberminen krabbeln mussten, die waren circa 60 Zentimeter hoch, so ließ sich der kostbare Rohstoff am besten bergen. Kinder gab es genug. Noch eine kurze Weile nur, dann fing die Neuzeit an. Und jetzt, ein halbes Jahrtausend später, rechtzeitig zum Sommer und bevor die Reformationsjubiläumsfeiern beginnen, gibt es ein Buch für das Vorstellungsvermögen. Bruno Preisendörfer hat das Porträt der Epoche geschrieben, die Lutherzeit heißt. Handfester, reicher, kundiger kann ein Buch kaum sein. Es liest sich wie ein historischer Atlas, in dem jeder Ort lebt, egal wo man aufschlägt, man kann in jedem Kapitel ansetzen, alle thematischen Abschnitte liegen auf einer Karte nebeneinander: Kosmos, Macht, Sprache, Geld, Leiblichkeit, Häuslichkeit, und alle rufen handelnde Menschen vor Augen. "Götz von Berlichingen entführt Nürnberger Kaufleute", "Die Tuchmacher von Görlitz revoltieren", "Im Haushalt der Katharina von Bora": Schon das Inhaltsverzeichnis erzählt pure Geschichte. Preisendörfer verwandelt ferne Gepflogenheiten und Gefühle in einen Cranachschen Garten des Menschlichen, für alle Sinne, es riecht, es wird gekocht (zum Leichenschmaus kredenzt man dicke Soße aus gekrümeltem Roggenbrot, Blut, Zimt und Pfeffer, und das Rezept einer Hühnersuppe gibt genau an, wie außer den Federn und Knochen fast alles verwertbar ist), man sucht, wo der Pfeffer wächst. Und der frisch verheiratete Doktor Martinus Luther wundert sich über die Ehe: "Wenn er über Tisch sitzt, so denkt er: Vorher warst du allein, jetzt aber bist du selbander. Im Bett, wenn er erwacht, siehet er ein Paar Zöpfe neben ihm liegen, das er vorher nicht sah." Preisendörfer hat sich mit seinen Büchern über den Reisenden Seume und die Goethezeit als Experte fürs historisch Konkrete bewiesen, nun holt er die Zeit um 1500 zu uns zurück. Verteufelt gut.

von Elisabeth von Tadden

Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde. Reise in die Lutherzeit. Galiani Verlag, Berlin 2016; 496 S., 24,99 €, als E-Book 21,99 €

Die verleugnete Arbeiterklasse

Ein Mann kehrt, nachdem sein verhasster Vater gestorben ist, in die Kleinstadt Reims in Nordfrankreich zurück. Seine Mutter zeigt ihm Fotos der Familie, und ihm wird klar, warum er Vater und Brüder seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Plötzlich hat er wieder "dieses Arbeitermilieu vor Augen, dieses Arbeiterelend, das aus den Physiognomien der Häuser im Hintergrund spricht, aus den Inneneinrichtungen, aus den Klamotten, aus den Körpern selbst". Die Scham über seine Herkunft hat Didier Eribon den Kontakt mit der Familie meiden lassen, von der er sich durch Hochschulabschlüsse und ein offen schwules Leben weit entfernt hatte. Nun muss er sich fragen, wie ausgerechnet er, der Gesellschaftskritiker, den eigenen "Klassenstandpunkt" so verdrängen konnte. In Rückkehr nach Reims erzählt er die von Armut, Ausbeutung und Weltkriegen zerklüfteten Lebensgeschichten seiner Eltern und Großeltern. Er zeigt, dass Bildung in ihrer Schicht nichts Wünschenswertes war. Er summiert die ökonomischen Kosten seines Aufstiegs und auch die emotionalen Kosten, die sein Bruch mit der Familie bedeutet. Er analysiert, wie er sich mit marxistischen Theorien ein Wunschproletariat zurechtgedacht hat, das mit wirklichen Leuten nichts zu tun hatte. Die Verleugnung der Arbeiterklasse deutet er aber auch als politisches Symptom. So beantwortet er die Frage, wie aus Wählern linker Parteien Wähler des Front National werden konnten. Durch den Abbau des Sozialstaates und indem man vergaß, die Arbeiter als solche anzusprechen, habe man ihre Schicht atomisiert. Die Kommunistische Partei hätten sie aus Stolz über ihren Status gewählt, die Rechten wähle jeder für sich aus Protest und aus dem Gefühl heraus, vergessen worden zu sein. Eribons einflussreichen Essay von 2009 gibt es in einer fabelhaften Übersetzung jetzt endlich auf Deutsch. Ob das dazu führt, dass man auch hier wieder über Klassenunterschiede reden kann, ohne für einen verwirrten Sozialkundelehrer gehalten zu werden? Anfangen kann man ja mal.

von Marie Schmidt

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. A. d. Frz. v. Tobias Haberkorn; Suhrkamp, Berlin 2016; 240 S., 18,– €, als E-Book 17,99 €

Hinter dem Mond in Brooklyn

Dies ist eine unglaubliche Geschichte, die man atemlos liest, weil das Fremde, völlig aus der Zeit Gefallene gleich nebenan wohnt – nämlich mitten im Hipsterbezirk von Brooklyn, in Williamsburg. Hier wuchs Deborah Feldman, geboren 1986, in der geschlossenen Welt der chassidischen Sekte Satmar auf. Den Holocaust betrachten deren Anhänger als Strafe Gottes für die Assimilation der Juden. Das soll nicht noch einmal passieren. Damit sie nichts vom gesetzestreuen Leben ablenkt, reduzieren sie alle Berührungspunkte mit der Welt auf ein Minimum. Man spricht mitten in New York Jiddisch und kleidet sich wie im osteuropäischen Schtetl des 19. Jahrhunderts. Weltliche Literatur ist verboten, aber selbst der Talmud gilt als verderblich, wenn man ihn in englischer Übersetzung liest. Deborah Feldman erzählt in ihrem Memoir Unorthodox, wie sie in dieser hermetischen Welt aufwuchs, in der die Frauen sich die Haare abrasieren und eine Perücke tragen, damit sie nicht das Begehren eines Mannes wecken. Trotz des strengen Verbots schleicht sich Deborah in die Stadtbibliothek und liest Jane Austen. Das Gift wirkt. Kurz nach ihrer arrangierten Hochzeit bricht sie aus und sucht das Weite. Es ist unfassbar, wie umfassend eine Gemeinschaft die Welt um sich herum ausschließen kann, ohne sich dafür auf den Mond zurückziehen zu müssen. Jeder Blickkontakt auf der Straße ist zu vermeiden, denn er könnte die Mauer zum Bröckeln bringen. Sexualität ist derart tabuisiert, dass es dem Paar in der Hochzeitsnacht nicht gelingt, die Ehe zu vollziehen. Und doch hat Deborah Feldman auch zarte Töne für ihre Herkunftswelt, dann scheint etwas von der spirituellen Kraft und der talmudischen Gelehrsamkeit ihrer Großeltern auf. Die Großmutter hat Bergen-Belsen überlebt, aus dem Holocaust rettet sie sich in die Orthodoxie: Für sie ist die Schoah nur eine weitere Prüfung, die der Herr seinem auserwählten Volk auferlegt hat.

von Ijoma Mangold

Deborah Feldman: Unorthodox. Aus dem Englischen von Christian Ruzicska; Secession Verlag, Zürich 2016; 319 S., 22,– €