Sturm, Flaute, Lepra

Habe meinem Sohn gerade Wolfsblut vorgelesen, einen von Jack Londons Knaller-Romanen aus der Eiseskälte Alaskas. Da kommt diese schöne Neuveröffentlichung gerade recht: Die Reise mit der Snark wärmt einen wieder auf, sie führt nämlich, passend zum Sommer, in die Südsee. Auch dort spielen ja, wie im grimmigen Alaska, gleich mehrere von Londons Büchern.

Dieses erzählt, in einer Reihe zusammenhängender Reportagen, von einer abenteuerlichen Fahrt, die London bald nach der Heirat mit seiner zweiten Frau Charmian unternahm. Im April 1907 brachen die beiden – er 31, sie 35 Jahre alt – mit der neu erbauten Jacht Snark und drei Mann Besatzung in San Francisco zu einer Weltumsegelung auf. Sieben Jahre sollte sie dauern, musste aber nach eineinhalb Jahren abgebrochen werden: zu viele Fieberattacken, offene Wunden, rätselhafte Schwellungen. London nannte die Snark inzwischen sein "Krankenhausschiff".

Trotzdem beklagt er sich kaum. Schließlich ist er als Abenteurer angetreten und hat, als Autor bereits berühmt, einen Ruf zu verlieren. Die Reise finanziert er mit den Reportagen, die er von unterwegs absetzt. Weshalb er den Lesern noch vor dem Auslaufen verspricht: "Nein, das Abenteuer ist nicht tot, trotz Dampfmaschine und Pauschaltourismus." Und natürlich wird er recht behalten. Auch weil er Ereignisse effektvoll zuzuspitzen und Komik, Spannung und Ernst klug miteinander zu verzahnen weiß. Nach Hawaii steuert die Snark die Marquesas an, dann Tahiti, Samoa, die Fidschi-Inseln, die Neuen Hebriden und die Salomonen. London kämpft gegen Stürme und ewige Flauten, entlässt drei Kapitäne (darunter den Onkel seiner Frau), lernt navigieren und surfen, besucht eine berüchtigte Leprakolonie und fällt – das darf nicht fehlen – fast einem Stamm von "Wilden" zum Opfer.

Er will kein Ethnologe sein mit ewig analytischem Auge, schreibt als überzeugter Sozialist aber doch oft genug mit kritischem Blick. Seine Partei riet ihm übrigens brieflich von der riskanten Fahrt ab: "Millionen geknechteter Opfer des Kapitalismus haben ein Recht auf Ihr Leben und Ihren Dienst." So selbstlos war er dann doch nicht. Zum Glück. Große, schmissige Unterhaltung!

von Merten Worthmann

Jack London: Die Reise mit der Snark

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann; mareverlag, Hamburg 2016; 352 S., 28,– €

Die heilende Sprache der Landschaft

Der Fluss hatte die Farbe von Milchschokolade." Mit Worten wandern: Darin hat es Robert Macfarlane, 39, in Cambridge lehrender Literaturwissenschaftler und Essayist, zu unerreichter Meisterschaft gebracht. "Nature writing" nennt sich diese Disziplin, auch wenn er selbst diesen Begriff zu altertümlich findet. Aus seinen Erlebnissen in der Natur hat dieser passionierte Wanderer preisgekrönte Bücher gemacht, darunter auch eines über das Verhältnis von Sprache und Landschaft, für das er 2.500, oft vom Aussterben bedrohte englische Wörter gesammelt hat, die Phänomene der Natur erfassen. Dieser Reichtum lässt sich auch in Alte Wege erleben. Macfarlane schaut genauer hin als andere, wenn er zu Fuß unterwegs ist. Er schildert seine Wanderungen, durch Südengland, durch Palästina, am heiligen Minya Konka, der anmutigen Bergpyramide in Tibet, durch das Watt an der Irischen See. Überall sammelt er Steine und Federn; er verabredet sich mit Gesinnungsgenossen vor Ort, liest jene Autoren der Vergangenheit, die es in die Natur zog. Macfarlane kennt auch das Camus-Wort vom Menschen, "der allein durch die eingehende Betrachtung einer Landschaft von seiner Zerrissenheit geheilt wird". Bei Macfarlane glaubt man sofort an diese Wirkung, denn seine nimmermüde poetische Kraft und stilistische Gewandtheit lässt alles sofort vor dem Auge des Lesers erstehen: die "vom Licht vergoldeten Pollenpartikel", das blasse, reglose Pferd auf dem Feld, das nach Norden starrt, die geheimnisvollen Fährten im heimatlichen Waldboden, Kreidefelsen, "gelb wie Eisbärenfell oder die Knie eines alten Mannes". Landschaft "ist ein ebenbürtiges Subjekt, das einen Buckel macht und sich vor uns, in uns auffaltet". Und wer zwischendurch aufschaut aus diesem schön gestalteten Buch und den Blick schweifen lässt, der will gleich selber hinaus, in jene Natur gleich nebenan. Dank Robert Macfarlane sehen wir die Welt mit völlig neuen, schärferen Augen.

von Alexander Cammann

Robert Macfarlane: Alte Wege

Aus dem Englischen von Andreas Jandl und Frank Sievers; Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2016; 400 S., 32,– €

Lügenpresse 1931

Wollen Sie etwas über die Lügenpresse lesen? Lesen Sie Gabriele Tergits Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm, von 1931. Es ist alles noch aktuell. Die Handlung spielt im Milieu der Berliner Zeitungen, kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Lassen Sie sich nicht von dem Bleisatz befremden, in dem damals gedruckt wurde. Ob Bleisatz oder Online-Journalismus heute, es herrscht der gleiche intellektuelle Selbsterniedrigungstrieb. Käsebier ist ein mäßig begabter Bänkelsänger aus der Hasenheide (der Amüsiermeile des proletarischen Neukölln), wird aber über Nacht zum Genie, zum Star der Zukunft ausgerufen. Berühmte Theaterkritiker werfen alle Maßstäbe, alle Bildung, ihren hochgezüchteten Geschmack fort, um sich vor dem Kind des Volkes, dem Zauber des Unverbildeten und Albernen zu verbeugen. Es gibt Käsebierpuppen, Käsebierzigaretten, Käsebierzahnbürsten, es wird sogar ein Käsebiertheater gebaut. Man hatte schon damals viel hysterisches Merchandising. Alle Firmen wollen einen Werbevertrag mit Käsebier. Es ist mit der singenden Eintagsfliege des Romans wie mit den Bloggern des Internets, die über Nacht zu Autoritäten ausgerufen und mit Sponsorengeldern überschüttet werden. Es handelt sich, mit einem Wort, um Pop. Pop waren, wie der Roman zeigt, auch die Nazis. Ihnen gingen die Nazi-Intellektuellen voraus – Schriftsteller und Journalisten, die sich vor dem Massenerfolg winselnd in den Staub warfen. Lobhudeln nicht auch heute die Feuilletons den windigsten Bestsellern und Publikumsstars, nur weil sie Bestseller und Stars sind? Bürgerlicher Selbstüberdruss, bürgerliche Feigheit, bürgerlicher Selbstverrat sind das große Thema des Romans. Gabriele Tergit, eigentlich Elise Hirschmann, entstammte der jüdischen Bourgeoisie (ihr Vater war Gründer der Deutschen Kabelwerke) und wurde zu einer berühmten Feder der zwanziger Jahre, vor allem als Gerichtsreporterin des Berliner Tageblatts. Sie floh noch vor der Machtergreifung ins Exil. Die Frage, ob die Nazis zu fürchten seien, musste sie sich nicht stellen: Die Nazis hatten sie schon als Feindin ausgeguckt. Sie lebte bis zu ihrem Tode 1982 in London und hat die Wiederentdeckung ihres Romans um 1977 noch miterlebt. Er gilt zu Recht als einer der bedeutendsten der Weimarer Republik.

von Jens Jessen

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm.

Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2016; 400 S., 24,95 €, als E-Book 19,99 €

Rasante Diebe

Das Wunderbare an diesem Text: Die Helden schuften, man selbst kann sie lesenderweise bei der Arbeit begleiten. Und weil der Job, den die titelgebenden fünf schrägen Vögel ausüben, ein illegaler ist – sie stehlen einen Smaragd aus einem New Yorker Museum –, sind ausreichend Thrill und Spannung im Spiel.

Donald Westlake, der Autor dieses von der ersten bis zur letzten Seite wie ein rasant swingendes Bebop-Stück davoneilenden Kriminalromans, dieser Westlake gehört zu den großen Entdeckungen der letzten Jahre. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 schrieb er Hunderte von Romanen; elf Pseudonyme setzte er zeitweise in Umlauf, darunter Richard Stark. Unter diesem Namen verfasste er die sogenannten Parker-Bücher, Krimis über einen eiskalten Berufsverbrecher, dessen Präzision Westlake regelmäßig Fanpost aus Amerikas Gefängnissen einbrachte: "Ich kann noch eine Menge lernen von Ihren Büchern."

Tonlage und Personal der Fünf Schrägen Vögel sind versöhnlicher; Chefgangster John Archibald Dortmunder und seine Kumpane sind keine Killer, sondern Auftragsdiebe mit Macken und Spleens. Der Safeknacker liebt Modelleisenbahnen, der Fluchtfahrer lauscht in der Freizeit Motorengeräuschen vom Band. Diese Profikriminellen sind tatsächlich die verzerrten Bürger, die ihr Talent nur auf der falschen Seite zur Anwendung bringen. Für den Leser ist es die genau richtige Seite, denn stellvertretend für uns, die im Normalen eingehegten Bourgeois, subvertieren diese Männer die gesellschaftliche Ordnung. Das muss ein Glück sein: kleine Ausnahmezustände (Einbruch, Diebstahl, Verfolgungsjagd) souverän selbst herzustellen.

Dortmunder ist, Organisationstalent hin oder her, ein notorischer Zweifler. Man kann das verstehen: Der Smaragd muss insgesamt fünfmal geklaut werden. Immer wieder kommt er der Truppe abhanden – die Pointe am Ende erweist dieses Genre-Glanzstück deshalb als sehr schlüssige Parabel auf den in die Mühlen des Kapitals eingespannten Menschen.

Tim Jung hat den aus Chandler-Lakonie und Hemingway-Schnoddrigkeit gemischten Sound perfekt ins Deutsche übertragen. Man freut sich schon auf die nächste Folge von Dortmunders Arbeitsleben.

von Daniel Haas

Donald Westlake: Fünf schräge Vögel

Aus dem Englischen von Tim Jung; Atrium Verlag, Zürich 2016; 288 S., 19,99 €, als E-Book 14,99 €