Da hat Frank-Walter Steinmeier zu Missverständnissen geradezu eingeladen. "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" kann man der Nato nicht vorwerfen. Auch wenn das Auswärtige Amt erklärt, seine Äußerungen in der Bild am Sonntag hätten nicht dem Großmanöver in Polen gegolten: Man konnte Steinmeier nicht anders verstehen, als dass er dem Bündnis Scharfmacherei vorwirft.

Eine Militärallianz muss üben dürfen, und die Nato kündigt ihre Manöver langfristig an, russische Beobachter werden eingeladen und nehmen auch teil. Umgekehrt hat Russland in jüngster Zeit immer wieder unangemeldete Manöver mit einer gewaltigen Zahl von Soldaten durchgeführt. Mit dem Säbel rasselt eher Putin.

Eine Provokation sind auch nicht die vier Bataillone, die das Bündnis in den baltischen Staaten und Polen stationieren will. Russland weiß genau, dass von den knapp 4000 Soldaten nahe seiner Grenze keine Bedrohung ausgeht.

Das eigentliche Problem ist der Vertrauensverlust zwischen dem Westen und Russland als Folge von Wladimir Putins Aggression gegen die Ostukraine und seiner Annexion der Krim. Seither ist der Sicherheitsdialog zwischen beiden Seiten fast vollständig zum Erliegen gekommen. Russland fühlt sich ausgegrenzt und gedemütigt, selbst durch den Ausschluss seiner gedopten Leichtathleten von den Olympischen Spielen, auch wenn der mit Politik nichts zu tun hat.

Russland wird auf die Beschlüsse des Warschauer Gipfels hart reagieren

In diesem Klima tagt am 8./9. Juli der Nato-Gipfel in Warschau. Die Beschlüsse dort, vor allem zur Stationierung der vier neuen Bataillone, werden in Moskau als ein weiteres Ausgreifen der Nato in Richtung Osten interpretiert werden. Schon jetzt scheint klar zu sein: Russland wird auf die Beschlüsse von Warschau sehr hart reagieren. Darauf stellt sich die Nato jedenfalls ein.

Zwei Reaktionen gelten als möglich. Die eine wäre eine Stationierung von – nuklearfähigen – Iskander-Kurzstreckenraketen in der Region Kaliningrad. Über eine solche Stationierung wird schon lange gemunkelt, manche Experten vermuten, Raketen dieses Typs stünden längst in der russischen Exklave zwischen Litauen und Polen. Die Nato sagt dazu nichts.

Die andere, bedrohlichere Reaktion wäre ein Ausstieg Russlands aus dem INF-Vertrag. Im Jahr 1987 von Ronald Reagan und Michail Gorbatschow unterschrieben, verbietet er den Besitz und das Testen von Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 Kilometern. Dieser Vertrag ist in akuter Gefahr.

Wir erinnern uns: Anfang der achtziger Jahre gingen in Deutschland Hunderttausende gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen und Cruise-Missiles auf die Straße. In jahrelangen Verhandlungen einigten sich die USA und die Sowjetunion schließlich, auf den Bau von Mittelstreckenraketen zu verzichten.

Der INF-Vertrag ist eine der bedeutendsten Abrüstungsvereinbarungen überhaupt: Erstmals wurde eine ganze Familie von Raketen auf null reduziert. Seit drei Jahren aber werfen die USA nun Russland vor, es verletze das Abkommen, weil es neue bodengestützte Marschflugkörper produziere. Wo sind die Beweise?, fragen die Russen und greifen ihrerseits die Nato wegen deren Raketenabwehrsystemen in Osteuropa an.

Es ist diese sicherheitspolitische Düsternis, die Steinmeier veranlasst haben könnte, Alarm zu schlagen. Im Auswärtigen Amt hieß es schon vor Wochen, Sorge bereite nicht die offizielle Agenda des Warschauer Gipfels, sondern was sich im Hintergrund abspiele, vor allem die Entwicklung neuer Trägersysteme für Atomwaffen.

Jahrelang war die Nukleardebatte verstummt, jetzt kehrt sie zurück, und zwar mit Wucht. Die neuen Waffen, an denen Amerikaner und Russen arbeiten, sind kleiner, präziser und verführen leichter dazu, eingesetzt zu werden. Im Abschlusskommuniqué von Warschau wird das Thema Atomwaffen daher nach oben rücken.

Wenn nicht alle höllisch aufpassen, könnte ein neues atomares Wettrüsten beginnen. Es drohte dann ein zweiter Kalter Krieg. Das, so scheint es, treibt den deutschen Außenminister um. Die Bundesregierung hat in der Allianz stets darauf gedrungen, den Gesprächsfaden nach Moskau nicht abreißen zu lassen. Andere – in Polen, in den baltischen Staaten, in den USA, bei der Nato selbst – plädieren für einen viel härteren Ton. Sie würden ihn am liebsten auch in Warschau anschlagen. Putin wartet nur darauf.

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