Es war eine Stimmung wie bei der Zeugnisvergabe, wenn gute Zensuren zu erwarten sind. "Ein Tag zum Stolzsein" sei das, sagte die eine, "das haben wir uns verdient" ein anderer. Und wie um die Bedeutung des Moments zu beweisen, waren alle gekommen: Bürgermeister Olaf Scholz, die Senatorinnen Dorothee Stapelfeldt und Melanie Leonhard, die Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen, Andreas Dressel und Anjes Tjarks.

Und natürlich, so wirkte es jedenfalls, die Schüler: die Vertreter der Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek, die sich nun das Ergebnis ihrer wochenlangen Verhandlungen abholen durften.

Das Zeugnis ist ein sogenannter Bürgervertrag, so steht es auf dem Deckblatt des acht Seiten langen Schriftwerks. Das Dokument soll der erste Schritt sein auf dem Weg zur Befriedung des heikelsten politischen Konflikts der Stadt: des Streits um die Flüchtlingsunterkünfte. Ironischerweise einigt sich nun ebenjene Initiative zuerst mit den Verhandlern der Koalition, die ihre Abneigung gegen Parteipolitik explizit im Namen stehen hat: "Nein! zur Politik – Ja zur Hilfe!"

Der Vertrag war ein Deal, den die Bürgerinitiative kaum ablehnen konnte. Statt wie ursprünglich geplant gut 3.000 Flüchtlinge sollen nun nur 1.500 in den Stadtteil einquartiert werden. Und um die Integrationsbedingungen zu verbessern, verspricht der Senat zusätzliches Geld für Schulen, Ärzte, Polizei und Jugendarbeit.

Die Vereinbarung soll nur der Auftakt zu einem noch größeren Verhandlungsabschluss sein. Der Vertrag habe "Modellcharakter", sagen Dressel und Tjarks. In den kommenden Tagen sollen ähnliche Vereinbarungen mit weiteren Initiativen getroffen werden. Bis zum 7. Juli könnten damit, läuft es nach Plan, alle Konflikte befriedet sein – inklusive des Volksentscheids, mit dem der Dachverband "Hamburg für gute Integration" droht. "Der Volksentscheid soll überflüssig werden, das ist natürlich das Ziel", sagte dessen Sprecher Klaus Schomacker.

Wie die sanfte Lösung des einst heftigen Konflikts möglich wurde? Zum einen half den Verhandlern, dass die Zuwanderungszahlen zurückgehen. Erst vorige Woche verkündete der Senat: Statt der einst erwarteten 40.000 Flüchtlinge für 2016 rechne man jetzt nur noch mit gut 14.000. Damit schrumpft auch die Unterbringungsanforderung, fast alle Unterkünfte können verkleinert werden.

Das Geheimnis des Erfolgs sei aber auch, sagte Grünen-Fraktionschef Tjarks: "Wenn man redet, kommt man voran." Das führt zur Frage, die bei der Vertragspräsentation niemand wirklich beantwortete: Was genau wurde geredet, und wer durfte wann und wie mitsprechen?

Die Kritiker des Bürgervertrags stehen schon auf dem Plan. Er begrüße die Einigung ja grundsätzlich, sagt etwa der Harburger SPD-Fraktionschef Jürgen Heimath. Aber erstens sei die Bezirkspolitik erst an den geheimen Gesprächen beteiligt worden, als das Ergebnis praktisch festgestanden habe. Und zweitens: Was solle er bitte den Leuten in Sinsdorf sagen oder in der Harburger Innenstadt? Sinsdorf hat rund 3.500 Einwohner, dort sollen 1.000 Flüchtlinge untergebracht werden. Neugraben-Fischbek hat 25.000 Einwohner und nimmt 1.500 Flüchtlinge auf.

"Wir haben immer versucht, einen Konsens zu finden", sagt Heimath. "Dieser Vertrag bringt uns in ernsthafte Argumentationsschwierigkeiten." Deshalb habe er nicht unterschrieben. Auch Heimaths Koalitionskollege, der CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer, sieht den Vertragsabschluss kritisch. Bürgerinitiativen hätten kein allgemeines politisches Mandat. "Sie maßen sich aber an, nicht nur bei der Unterbringung von Flüchtlingen, sondern bei allen Themen des Bezirks mitreden zu können", sagte er dem Onlinemagazin harburg-aktuell.de.

Was Fischer andeutet: Laut Bürgervertrag erhält die Bürgerinitiative einen Sitz in einem sogenannten Quartiersbeirat, der keineswegs nur über Belange von Flüchtlingen zu entscheiden hat. Insofern gehe eine gefährliche Botschaft vom ersten Bürgervertrag des Flüchtlingsstreits aus, sagt SPD-Mann Heimath: "Wer am lautesten schreit, der wird als Einziger gehört."