Die Soldaten sind hier, um der polnischen Armee dabei zu helfen, feindliche Artilleriestellungen zu zerstören. Dazu errechnet ein Radar aus der Anflugbahn eines Geschosses den Standort des gegnerischen Geschützes und leitet die Daten an eine Haubitze weiter, die daraufhin das Gegenfeuer ausrichtet. Im Idealfall sind Radar und Haubitze über eine Digitalleitung miteinander verbunden. Im Fall der polnischen und amerikanischen Geräte sind sie es nicht. Die Polen müssen den Amerikanern die Koordinaten der Geschützstellung per Telefon oder Mail durchgeben, diese wiederum müssen sie per Hand in den Haubitzencomputer eingeben. Bis das geschehen ist, kann die gegnerische Stellung schon längst wegbewegt worden sein – die Nato würde ins Leere feuern.

Hodges’ nächste Mail gilt dem Tankstutzen-Problem. US-Tanklaster können zwar polnische, kanadische und litauische Fahrzeuge befüllen, nicht aber deutsche, französische, britische, italienische oder ungarische. Also müssen Adapter-Sets her. Die US-Armee besitze 36 dieser Sets, meldet eine Logistikerin Hodges zurück, die übrigen Länder hätten – außer Frankreich – keine eigenen. Was Hodges aber die größte Sorge bereitet, ist die Kommunikationstechnik: "Weder Funk noch E-Mail sind sicher. Ich gehe davon aus, dass alles, was ich von meinem Blackberry aus schreibe, mitgelesen wird."

Wer immer all diese Mails in den letzten Wochen in Moskau heimlich mitgelesen hat, wird nur noch schwerlich an eine Einkreisung Russlands durch den imperialen Aggressor Nato glauben.

Die westliche Allianz schafft es auch nach fast zwanzig Jahren gemeinsamer Auslandseinsätze nicht, wie eine Truppe zu operieren. Sie bleibt ein Bündnis aus nationalen und technischen Inseln – und damit schon strukturell im Nachteil gegenüber einer zentralistisch organisierten Militärmacht wie Russland.

Artikel 5 des Nato-Vertrags, wonach "ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere (der Vertragsparteien, d.Red.) in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird", wurde vor 67 Jahren geschrieben, von Politikern einer anderen Generation, mit anderen Erfahrungen, in einer anderen Welt. Wäre dieser Beistandsschwur heute noch politisch einlösbar? Die Bundesregierung hat sich am Ende bereit erklärt, ganze 400 Soldaten für das Anakonda-Manöver nach Polen zu schicken – es durften allerdings keine Kampftruppen sein, sondern nur Brückenbauer. Die wirken nicht bedrohlich, sondern schaffen nur schöne Bilder.

Beim Ort Chełmno an der Weichsel reiht das Panzerpionierbataillon 130 aus Minden dreißig amphibische Ponton-Fahrzeuge, jedes so groß wie ein Doppel-Lkw, zu einer 350 Meter breiten Flussquerung aneinander. Nach gut einer halben Stunde ist die Brücke passierbar, und der polnische Präsident, der eigens angereist ist, findet anerkennende Worte. Doch so eindrucksvoll das technische Spektakel war, es ist das einzige, das die Nato hinbekommt. Es gibt keine zweite Schwimmschnellbrücke in Europa. Und um die schweren Amphibienfahrzeuge überhaupt nach Polen schaffen zu können, musste sich die Bundeswehr passende Flachwagen bei der tschechischen Eisenbahn ausleihen. Die Deutsche Bahn besitzt nicht mehr genügend.

Kopfschütteln löst in den Planungsstäben auch der umfangreiche Papierkram aus, der erledigt werden muss, bevor sich irgendetwas Olivgrünes in Richtung Osten bewegen darf. Die US-Truppen mussten ihre Laster und Container erst durch den Zoll bringen; anschließend galt es für alle Trecks, Durchfahrtgenehmigungen von Ländern und Landkreisen einzuholen. Für Nato-Truppen gilt kein Schengen. Noch so ein Nachteil gegenüber der Russischen Föderation.

In General Hodges’ Stab tröstet man sich mit dem Gedanken, dass es sich schließlich nur um ein Manöver gehandelt habe. Alles würde bestimmt schneller und entschlossener laufen, "when the shit hits the fan", wie einer seiner Vertrauten den Angriffsfall nennt. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere: Wenn schon ein Manöver solche Pannen aufweist, welche Blößen gibt sich das Bündnis erst im Ernstfall?

Wenn Putin in den vergangenen Tagen genau zugeschaut hat, weiß er, dass es womöglich nur eine minimale Provokation, nur einen kleinen Schubs braucht, um den Glauben der Nato an sich selbst zu zerstören.