Der Hoonicorn ist ein Monster von einem Auto. Es kommt daher in Gestalt eines Ford Mustang, in der federleichten Bauweise eines Karbongestells und mit der Wut von 850 PS in einem Sechs-Liter-V8-Motor. Für jeden echten Drift-Fan, der seine Wochenenden an Autorennstrecken verbringt, auf denen übermotorisierte Wagen mit höllischer Geschwindigkeit um die Kurven rasen, ist dieses Biest die Krone der Rennwagenschöpfung. Aber nicht jeder begreift, welche Kunst dahintersteckt, zu rasen, bis der Asphalt brennt.

Während der jüngsten Dreharbeiten für die BBC-Autoshow TopGear donnerte der Hoonicorn einen Sonntag lang so laut durch das Londoner Regierungsviertel, dass sich selbst Finanzminister George Osborne per Twitter über den Krach beschwerte. Als das Monstrum dann noch um das nationale Ehrenmal des unbekannten Soldaten kreiselte und damit die Würde der gefallenen Weltkriegssoldaten mit Lärm und Dreck beschmutzte, war der Skandal perfekt. Tief beschämt entschuldigte sich BBC-Intendant Sir Tony Hall bei den Briten für das rüpelhafte Benehmen seiner Mitarbeiter. Insgeheim aber waren die Schlagzeilen für ihn ein Geschenk des Himmels. Denn von TopGear werden Skandale erwartet. Damit haben die Moderatoren Jeremy Clarkson, James May und Richard Hammond seit 2002 aus einem braven Automagazin eine globale Fernsehsensation geschaffen. Bei ihnen machen Autos Spaß. Wer interessiert sich schon ernsthaft dafür, dass die Kleinwagen von Ford oder Toyota immer sparsamer werden. Lieber freuen sich Zuschauer daran, wie sich drei ungehobelte Kerle aufführen wie kleine Jungs, wenn sie mit dem Bugatti Veyron durch die arabische Wüste fegen. Anstand und politische Korrektheit hatten Sendepause. Beleidigungen wurden dagegen zu einer Kunstform, an der die BBC über 630 Millionen Euro aus Lizenzverträgen verdiente. Im vergangenen Jahr ging Clarkson dann aber einen Schritt zu weit: Er verprügelte einen Mitarbeiter aus dem Produktionsteam, weil es kein Steak gab. Nachdem auch May und Hammond die Show verlassen haben, muss TopGear beweisen, dass das Format auch mit frischen Moderatoren funktioniert.

Die Grundstruktur ist geblieben. TopGear soll "Fernsehen für die Magengrube" sein, sagt Produzentin Lisa Clark. Neu dagegen sind die Galionsfiguren, BBC-Moderator Chris Evans und der amerikanische Schauspieler Matt LeBlanc. Evans ist ein Veteran der guten Laune. Seit 30 Jahren unterhält er die Nation mit diversen Radio- und Fernsehshows, und je älter er wird, desto mehr setzt er dabei auf seinen jungenhaften Schalk. Er ist ein Autonarr, der viele Millionen in seine Oldtimer-Sammlung gesteckt hat. An seiner Seite ist Matt LeBlanc, besser bekannt als der liebenswerte Dummkopf Joey Tribbiani aus der US-Serie Friends, die in den Neunzigern weltweit Kultstatus erreichte. Lisa Clark war sich sicher, dass er "und der quirlige Evans sich perfekt ergänzen".

Für ihre Sendungen stehen den beiden eine Reihe autofanatischer Sidekicks zur Seite. Dazu gehören der ehemalige Formel-1-Boss Eddie Jordan und Sabine Schmitz.

Die 46-jährige Rennfahrerin hat durch ihre Auftritte bei TopGear im Laufe der vergangenen Jahre mindestens so viel zum guten Image der Deutschen in Großbritannien beigetragen wie die Fußball-Nationalmannschaft. Die ungebändigte Leidenschaft, mit der Schmitz einen Ford Transit mit 130 PS über die Nordschleife des Nürburgrings jagte, machte sie in England zu einer kleinen Sensation. Und es passte so gar nicht zu dem Klischee von den steifen, bierernsten Deutschen. In der neuen Staffel knüppelt sie einen Audi R8 V10 über die Rennstrecke, bis Beifahrer Evans um eine Notbremsung fleht und sich dann vor laufender Kamera übergibt.

Vier Wochen nach Beginn der neuen Staffel zeigt sich aber, dass die Gebührenzahler der BBC offenbar ihren alten Idolen nachtrauern. Die offiziellen Einschaltquoten gehen Woche für Woche weiter nach unten. Die Twitter-Gemeinde will, dass man Evans und LeBlanc absetzt. Allerdings richtet sich die BBC mit der größeren und bunteren Neubesetzung nicht mehr allein an die Zuschauer im eigenen Land, sondern auch an die mehr als 350 Millionen Zuschauer im Rest der Welt, die das Spektakel über den Abosender Netflix sehen können. "Wir machen die erste wirklich globale Unterhaltungsshow", sagt Lisa Clark, und sie ist sich ganz sicher, dass TopGears Zuschauerpotenzial "längst noch nicht erschöpft ist". Vor allem die Lizenzvereinbarung mit Netflix, das nach eigenen Prognosen bis 2020 über 100 Millionen Streaming-Abonnenten haben wird, soll dazu beitragen, die Show noch populärer zu machen. Gerüchtehalber haben sich die BBC-Bosse auf ein Budget von umgerechnet etwa 83.000 Euro pro Folge eingelassen. Nicht zuletzt, weil der Neuaufguss ab Herbst gegen die Urbesetzung bestehen muss. Clarkson, May und Hammond haben bei Amazon Prime angeheuert, wo man ihnen für ihre neue Autoshow im alten TopGear- Format das gigantische Produktionsbudget von etwa 200 Millionen Euro zugesagt hat.

Wer den Wettkampf um die globalen TV-Konsumenten gewinnt, ist den Zuschauern egal: Solange jemand im Ariel Nomad, einem Offroad-Buggy mit 235 PS, durch die Dünen von Marokko holpert, bis er in der Sandwolke beinahe erstickt, ist gute Unterhaltung garantiert. Wenn bei TopGear die Reifen quietschen, verstummt die Vernunft.