Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet und die Moskitos einfallen, riecht es in der Savanne plötzlich nach frischem Beton. Scharen von Männern in neongelben Westen laufen auf die halb fertige Staumauer. Spätschicht am "Großen Damm der Äthiopischen Wiedergeburt", Afrikas kolossalstem, umstrittenstem, waghalsigstem Bauprojekt.

Hier am Blauen Nil, in Äthiopiens einsamem Westen, entsteht der mächtigste Staudamm des Kontinents. Er soll die 95 Millionen Äthiopier mit Elektrizität versorgen. Und das arme Agrarland in eine moderne Industrienation verwandeln: die erste, die ihren Strom nur aus erneuerbaren Energien gewinnt. Wer sieht, wie in Deutschland Großvorhaben scheitern und wie lange die Energiewende braucht, der kommt aus dem Staunen nicht heraus. Wie will es ausgerechnet Äthiopien schaffen: hier im Nirgendwo, drei Stunden Rüttelpiste entfernt von einer asphaltierten Straße?

Förderbänder spucken nassen Beton auf die Dammkrone, er stammt von den computergesteuerten Mischwerken im Tal. Bulldozer verteilen die graue Masse, Dampfwalzen pressen und glätten sie. Dutzende Arbeiter wuseln im grellen Scheinwerferlicht hin und her zwischen den tonnenschweren Fahrzeugen, klauben Steine aus dem Beton, ehe er sich verfestigt. Zwei-, dreimal müssen die Maschinen hart bremsen, um die Menschen nicht zu überrollen. Und mitten im Chaos steht Semegnew Bekele, das Smartphone am Ohr, und telefoniert, telefoniert, telefoniert.

Ingenieur Semegnew, wie ihn hier alle nennen, ist der Verantwortliche für Äthiopiens Wiedergeburt. Nicht weniger als ein neues Zeitalter des Wohlstandes und der Industrialisierung soll GERD (Great Ethiopian Renaissance Dam) dem Entwicklungsland bescheren. So verkündet es das autoritäre Regime, das dieses Prestigeprojekt beschlossen hat und nun Milliarden von Dollar für den Bau fast ohne ausländische Hilfe auftreiben muss. So verbreiten es die staatlich kontrollierten Medien. So erhoffen es Millionen propagandabeschallter Bürger ohne Stromanschluss.

Richten soll es Ingenieur Semegnew, Mitte 50, untersetzt, grau melierter Bart, Lesebrille auf der Nasenspitze. Zwei Staudämme habe er schon für seine Nation erbaut, erzählt er, als er den Jeep mit einer Hand durch den Staub zurück zu seinem Containerbüro steuert. Aber GERD habe eine andere Dimension. "Dieses Projekt", sagt Ingenieur Semegnew pathetisch, "ist ein modernes Weltwunder." Dabei hat der Betonklotz noch nicht eine einzige Kilowattstunde Elektrizität erzeugt.

Monumental ist schon jetzt, was die rund 10.000 Leute hier in Äthiopiens malariaverseuchtem wilden Westen erschaffen. Eine fast 150 Meter hohe, 1780 Meter lange Betonmauer zieht sich quer über einen Talausgang. Bald wird sie dem Blauen Nil den Weg in den Sudan versperren, den wichtigsten Quellstrom des Nils auf gut 240 Kilometer Länge aufstauen, Tal um Tal fluten. Dreimal so groß wie der Bodensee soll der künstliche See werden. Und wenn das Wasser dann durch die Turbinen des Kraftwerks bergab schießt, soll es bis zu dreimal so viel Strom erzeugen wie Ägyptens berühmter Assuan-Staudamm, der größte in Afrika. "Wir werden mit diesem Damm die Armut ausrotten", verkündet Ingenieur Semegnew. Doch wenn das pharaonische Projekt schiefgeht, kann es das Land auch ruinieren.

GERD ist das Herzstück einer kühnen Wette auf massenhaft Regen. Ganz Äthiopien will die Regierung binnen zehn Jahren elektrifizieren, in die Moderne katapultieren – und das ausschließlich mit Grünstrom. Wasser- und Geothermiekraftwerke, Windräder und Solarmodule sollen nicht nur den gesamten Strombedarf von künftig 100 Millionen Bürgern und Tausenden Fabriken stillen. Sie sollen dazu auch eine Reihe von Nachbarstaaten mit überschüssiger Elektrizität versorgen, die leere Staatskasse mit Devisenmilliarden wieder auffüllen – und Äthiopien zum Vorbild machen für Entwicklungsländer der ganzen Welt.

Ob Indien, Nigeria, Bangladesch: Überall wollen und müssen Regierungen ihr Land elektrifizieren. Aber woher soll der Strom für Hunderte Millionen Menschen kommen? Aus Kohlekraftwerken, Atommeilern oder aus regenerativen Energiequellen? An dieser Frage hängt die Zukunft unseres Planeten.

Afrika zählt heute etwa 1,2 Milliarden Menschen, die Hälfte von ihnen hat Strom. 4,4 Milliarden Afrikaner wird es zur Jahrhundertwende geben, prognostizieren die UN, und alle werden Strom fordern. Äthiopien, dem die UN fast 250 Millionen Bürger vorhersagen, will vormachen, dass es geht: Industrialisierung ohne fossile Brennstoffe. Ausgerechnet Äthiopien, das berüchtigte Hungerland.