Fukushima, Japan, im Mai. Vor fünf Jahren sind hier nach einem Tsunami die Kernreaktoren explodiert, haben die Gegend verstrahlt und in Deutschland das endgültige Aus der Atomkraft besiegelt. Bis heute dürfen nur handverlesene Besucher in das Sperrgebiet. Barbara Hendricks darf. An einem sonnigen Morgen sitzt die deutsche Umweltministerin in Jeans und Jackett im Sonderbus der Betreiberfirma Tepco und schaut aus dem Fenster. Über die Hände musste sie weiße Baumwollhandschuhe ziehen, über die Schuhe Plastikhüllen. In der Brusttasche ihrer Schutzweste trägt sie ein Messgerät. Das soll bei zu hoher Strahlung piepsen.

Die Fahrt führt vorbei an verfallenden Häusern, verwilderten Reisfeldern und Polizeisperren. Dann biegt der Bus am Ende eines steilen Abhangs um eine Kurve, und plötzlich sind sie zu sehen, die Reaktoren. Im ersten klafft noch das Loch der Explosion, zerfetzte Stahlträger ragen in den Himmel. Draußen laden Arbeiter Werkzeug von einem Laster. Sie tragen trotz der heißen Mittagssonne feste Schutzanzüge, Bleigürtel und Atemmasken. Noch mindestens 40 Jahre, so erzählt ein Tepco-Mitarbeiter der Ministerin, müsse hier aufgeräumt werden. Sie schweigt. Später legt sie, begleitet vom Bürgermeister eines verlassenen Dorfes, einen Kranz nieder, spricht ein paar vorbereitete Beileidsworte und schaut dann über die Ebene, in der Tausende von Plastiksäcken mit verstrahlter Erde lagern. Als sie aber gefragt wird, ob das alles ihr Herz berühre, sagt sie trocken: "So habe ich es mir nicht vorgestellt." Und: "Es ist aufgeräumter als in Tschernobyl." Und: "Wir haben uns in Deutschland für einen anderen Weg entschieden."

"Man muss nicht immer trommeln, um etwas zu erreichen"

Solche Sätze machen keine Schlagzeilen. Barbara Hendricks passiert das häufiger. Die Ministerin tritt zwar oft auf, aber darüber berichtet wird wenig. Längst hat sie den Ruf, blass zu sein, sie gilt als graue Maus im Kabinett. Eine, die jenseits des politischen Berlins kaum jemand kennt, weil sie ihre Botschaften nicht klar formuliert, Kameras und Mikrofonen wenig bietet. Und daraus schließen dann wiederum viele: Die Hendricks, die bewegt in der Politik nichts.

Am Abend, beim Bier in der Bar eines japanischen Hotels, lacht Barbara Hendricks, als sie das hört. Mit niederrheinischem Singsang in der Stimme sagt sie: "Man muss nicht immer trommeln, um etwas zu erreichen." Sie ist jetzt so locker wie den ganzen Tag über nicht. Ihr Blick, der bei öffentlichen Terminen oft suchend umherschweift und ein Gefühl permanenter Unsicherheit transportiert, ist jetzt geradeheraus: "Unterschätzen Sie nicht die Arbeit hinter den Kulissen. Ein stiller Kompromiss bringt oft viel mehr als eine laute Inszenierung. Oder ein harter Satz."

Das alles klingt, als stecke hinter Hendricks’ öffentlicher Verhuschtheit eine Strategie. Sie ist nun kaum zu stoppen, als sie die Themen aufzählt, bei denen sie so etwas in Gang gesetzt habe: Der Hochwasserschutz an den fünf großen deutschen Flüssen werde künftig länderübergreifend organisiert. Endlich suche eine parteiübergreifende Kommission nach Kriterien für ein Atomendlager, auch die Lagerung der Castoren sei friedlich geregelt. In Brüssel habe sie durchgesetzt, dass es die EU-Naturschutz-Richtlinien weiterhin gibt und dass Deutschland den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen verbieten kann. Besonders stolz sagt sie, dass sie als SPD-Ministerin vom CDU-Finanzminister Schäuble mal eben "500 Millionen Euro extra für die Baupolitik bekommen" habe.

All das sind tatsächlich echte und zugleich stille Erfolge. Und sie werden die Ministerin nicht berühmt machen: weil sie Probleme verhindern, von denen im besten Fall keiner etwas mitbekommt – wie beim Hochwasserschutz. Weil sie Streit befrieden – wie sich an diesem Montag zeigt, als die Endlagerkommission zu gemeinsamen Empfehlungen kommt, und zwar über Parteigrenzen hinweg.

Und doch, je länger die Liste wird, desto offener stellt sich eine Frage: Reicht das?

In ruhigen Zeiten mag Politik so funktionieren. Heute aber geht es bei Hendricks’ Job um nicht weniger als die Zukunft des Landes, wenn nicht gar der Welt. Um den Klimawandel. Die rasante Zerstörung der Artenvielfalt. Den ökologischen Umbau der Wirtschaft und der Städte, manche sagen sogar, um die Transformation der Gesellschaft. Das alles wird nur zu schaffen sein, wenn die zuständige Ministerin weit jenseits ihrer offiziellen Zuständigkeiten und Haushaltslinien agiert. Wenn sie den Wirtschaftsminister, die Energiekonzerne und die Gewerkschaften, den Verkehrsminister und die Autoindustrie, den Landwirtschaftsminister und die Bauern antreibt – damit das Land weniger CO₂ produziert und weniger Ressourcen verbraucht. Und wenn sie die Bürger daran erinnert: Leute, wir haben ein Problem, das wirklich alle angeht.