An sehr vielen heiligen Orten kommt der Kuppel eine wichtige Rolle zu. Die Kuppel ist das Dach der Welt, der prunkvoll ornamentierte Himmel – im Dom wie in der Moschee. Die alles umspannende göttliche Macht zeigt sich in der Wölbung. Nicht umsonst fürchteten die Germanen, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Der Weltuntergang ist zuvörderst ein architektonisches Statikproblem – das gottgefällige Leben ein Balanceakt.

Ein Bild aus Istanbul: Muslimische Frauen beten in Sommermänteln und Kopftüchern in der Moschee. Die Kamera bleibt auf Distanz. Im Bildvordergrund: pralle Plastiktüten, Modeeinkäufe, tägliche Besorgungen. Sie stehen für den hektischen Alltag: Die Haltung der Frauen im Gebet zeigt, sie haben sich selbst herausgenommen für einen Moment. Eine kurze Auszeit, ein Boxenstopp in dieser rasenden Welt. Ein anderes Bild aus Rom: Der sonnenbebrillte Herr in den besten Jahren, mit dem Schutzgelderpressercharme, betet allein in einer Kirche. Auch er ist ganz bei sich wie der Israeli, der Kopf und Kippa an die Jerusalemer Klagemauer lehnt. Was unterscheidet ihn vom betenden buddhistischen Mönch? Sie alle proklamieren ihr Recht auf Entrücktheit, die sie wieder ins rechte Lot zu rücken scheint.

Sandra Then arbeitete zuweilen auch als Hochzeitsfotografin in Bonn. Der am meisten aufgeladene Glücksmoment im Leben zweier Menschen soll im Hochzeitsporträt diese irreale Aufladung festhalten. Der Glanz dieses behaupteten Glücks muss über den Tag hinausreichen, weil er als Wegzehrung für schlechte Tage benötigt wird. Das ist überall gleich: Die arabische Braut im weißen Schleier in Rückenansicht, den Brautstrauß im Rücken haltend, stellt sich den Knipsern in der Familie. Das buddhistische Hochzeitspaar bei seiner streng wirkenden Teezeremonie scheint noch erhaben über die Zeit, die später über es hinweggehen wird. Ein indisches Brautpaar wird von einem Hindu-Priester getraut – ein Fest in tiefem berauschendem Rot, ein Schwelgen in einem Meer von Farben.

Und dann die rationale Seite: lesende Frauen in einer religiösen Welt, in der nur männliche Schriftgelehrte zugelassen sind. Mit welcher Konzentration sie den Koran, Bibel und Thora studieren – Beflissenheit und Versunkenheit scheinen da keine Gegensätze mehr zu sein. Sinnlich, wie Then sie zeigt: wie sie sich die Lehre aneignen – ja noch einmal – sich anverwandeln, sich über die Sprache einen Begriff machen. Orthodoxe junge Jüdinnen und arabische Mädchen eint bei allen religiösen Spannungen dieses gemeinsame Vertieftsein – das der Tiefe der Existenz auf der Spur ist. Dahinter steckt aber auch eine zutiefst emanzipatorische Eroberung – die Bildung eröffnet ihnen hier Räume der Freiheit.

Ebenso lichtet Sandra Then auf ihrer Spurensuche falsche Götter ab. An einer Pagode in China prangt ein Gemälde des großen Führers Mao Tse-tung. Ist es das Mausoleum? Hier erscheint der Personenkult als Perfidie, im wahrsten Sinne gottlos mit allen daraus resultierenden fürchterlichen Folgen. Gerade der sich verneigende Mensch wirkt in Thens Bildern aufrichtig und aufrecht, vor Altar und Schrein, von Rangun bis Rom. Selbst die Weiber an der Klagemauer klagen nicht allein über ihre eigenen Malaisen, sondern beschwören die Einheit, die mit der Diaspora verloren gegangen ist.

Die japanische Geisha in der Hochglanzlimousine setzt einen weiteren Akzent in Thens Bilderopus. Tradition und Zukunft sind hier ihres Anachronismus völlig entledigt. Man ahnt, die Geisha wird es auch noch in 100 Jahren geben, die Luxuskarosse wird dagegen andere Formen angenommen haben. Die Legende, dass Religion immer eine rückwärtsgewandte Gegenwelt darstellt zur vorwärtstreibenden globalisierten Welt, die wechselnde Eintagsikonen anbetet, scheint hier widerlegt. Religion kann einen Rückzugsraum bieten, ein Refugium, das allzu leicht mit Eskapismus, mit Weltflucht, verwechselt wird. Schon manch einer hat aus purer Erschöpfung zu seinem Schöpfer gefunden.

Eine wichtige Rolle in der Inszenierung des Religiösen spielt das Licht. Der Lichteinfall in der Grabeskirche zur blauen Stunde wirkt wie ein blauer Laserstrahl, direkt von Gott gesandt. Das ist kein Budenzauber. Die Architekten waren Meister. Gottes strahlendes goldenes Auge, als Sonne gemalt, dessen Leuchten erwidert wird von einem Kristallkronleuchter. Then zeigt ihn als menschliche Antwort, als Anspruch des Menschen auf die Ebenbildlichkeit Gottes.

"Das ist ja nicht mehr feierlich", sagen selbst jene so leicht daher, die einer religiösen Feier nichts mehr abgewinnen können. Wenn etwas aus der Form gerät, entgleist, nicht mehr gebunden ist an einen religiösen Ritus. Dies spielt sich nicht nur in Räumen ab, sondern zeichnet sich ab in den verwitterten, windgegerbten Gesichtern eines eseltreibenden Beduinen etwa oder eines buddhistischen Mönchs, die Gottesfurcht und Menschenweisheit gleichermaßen ausstrahlen. Auch hier scheint im Profanen das Heilige auf. Die alte japanische Geisha im grauen Kimono, deren Lächeln nicht von dieser Welt ist, strahlt zugleich Weltzugewandtheit aus.

Für ihr Fotoprojekt "Eine Welt, viel Gott" ist die Fotografin Sandra Then nach Rom, Japan, Israel und in die Türkei gereist.

Sandra Then zeigt uns schöne Menschen in intimen Momenten. Ihren Impuls, von der Schönheit dieser Erde erzählen zu wollen, statt sich politisch zu positionieren, könnte man ihr zum Vorwurf machen. Aber gerade das macht den Reiz von Thens Arbeiten aus, dass sie nicht das Trennende, sondern das Gemeinsame betont. Ein Politikum bleibt dennoch, an welchen Stätten dieses Fotoprojekt gezeigt wird. Die "katholische Pfarreiengemeinschaft – Zwischen Rhein und Ennert" in Bonn zeigte die Ausstellung im März dieses Jahres. Auch in einer Moschee waren Thens Bilder zu sehen, jedoch waren dort der Besuch und die Reaktion eher verhalten. Die nächste Ausstellung wird in Haan stattfinden, einer Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Wuppertal gelegen. Eine evangelische und eine katholische Kirche werden die Bilder hängen, auch ein öffentlicher Pavillon und zwei Familienbildungsstätten beteiligen sich vor Ort. Im Oktober wird das Theater Basel "Eine Welt, viel Gott" beherbergen, ein kulturelles Rahmenprogramm ist geplant. Ins Theater? Da gehört Religion auch hin, mag sich so mancher denken, der von beidem nichts versteht. Sonst müsste er merken, dass Sandra Thens Fotoprojekt dadurch eminent politisch ist, dass es die politische Diskreditierung der Religionen verweigert.