Dass es die EU überhaupt noch gibt, ist ein reines Wunder. Würde ein Mensch oder ein Staat auch nur annähernd so falsch und so schlecht über sich selbst reden, wie es die EU mit wachsender Wirrnis tut, er wäre schon vereinsamt oder zerbrochen.

Zugegeben, auch andere große Mächte erzählen eine Geschichte von sich selbst, die nur lose mit der Realität verbunden ist. Allen voran die USA. Aber die reden sich – jedenfalls wenn es ums Grundsätzliche geht – groß, schön, stark und erhaben. Nicht so die EU, sie liefert zurzeit sicher die am schlechtesten erzählte Geschichte der Welt.

Beispielsweise die Sache mit dem Brexit. Da hat eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU gestimmt, und schon verfällt Europa in tiefe Selbstzweifel, fragt sich, was es alles falsch gemacht haben könnte, spricht nicht allein über die Probleme der EU, sondern über die EU als Problem.

Wer die EU-Politiker in diesen Tagen reden hört, der fragt sich, ob sie ihr Handwerk auf Lummerland gelernt haben oder auf Saltkrokan. Wieder wird angesichts einer offenkundig eher mäßigen Beliebtheit der EU geklagt, dass die Politiker in den Hauptstädten immer alle Schuld auf Brüssel schieben. Ja Gott. Wenn in Berlin etwas schiefläuft, dann schiebt es die CSU auf die CDU, die SPD auf beide und alle zusammen auf den Bundesrat. Oder eben auf Brüssel. Dieses blame game aber ist weder ein Webfehler der europäischen Verfassung noch eine spezifisch gegen die arme EU gerichtete Gemeinheit, es handelt sich schlicht um das offene Geheimnis der repräsentativen Demokratie, die nicht nur, wie es das Schulbuch sagt, den Willen des Volkes wirksam machen, sondern noch viel mehr die Wut des Volkes unwirksam machen soll: Aggressionsabfuhr nach oben statt gegeneinander oder gegen Minderheiten. Die EU sollte froh sein, Teil dieses zivilisatorischen Prozesses zu sein, statt jetzt wieder rumzuhühnern.

Ohnehin ist noch nicht mal sicher, ob die Briten bei ihrer Abstimmung über die EU wirklich über die EU abgestimmt haben oder doch über etwas ganz anderes. Denn in Österreich beispielsweise würde man jederzeit eine Mehrheit für die EU bekommen, doch ob bei einer möglichen Wiederholung der Präsidentenwahlen der FPÖ-Mann Hofer, das alpenländische Pendant des Pub-Politikers Farage, noch einmal knapp unterliegen würde, muss bezweifelt werden.

Dass man durchaus für die EU sein kann und zugleich für eine nationalistische Regression, für den Rückzug in die kleinste denkbare Einheit, zeigen in diesen Tagen nicht zuletzt die Schotten. Auch in den USA tritt ja ein Mann als Präsidentschaftskandidat an, der sich mit Boris Johnson, Marine Le Pen, Alexander Gauland und Norbert Hofer politisch und kulturell ganz ausgezeichnet versteht. Und Trump will vielleicht aus der Wirklichkeit austreten, aber bestimmt nicht aus der EU.

Offensichtlich ist etwas Größeres im Gange, etwas, wovon der Brexit nur ein Ausdruck ist, etwas, unter dem die EU zwar leidet, das sie aber nicht verursacht. Das jedoch kann sich in Europa, insbesondere in Brüssel, kaum jemand vorstellen: Dass nicht die EU die Ursache sein könnte für die Probleme der EU.

Und doch, es gibt sie noch, die Außenwelt, die Wirklichkeit, und in der geht etwas vor, das die sogenannte Krise der EU erklärt: Die Mauer zwischen Erster und Dritter Welt ist dabei zu fallen. Die Globalisierung ist an ihrem dialektischen Punkt angekommen, sie geht nicht mehr nur in eine Richtung, von Norden nach Süden, sie kommt jetzt auch zurück: in Gestalt von wirtschaftlicher Konkurrenz wie auch in der von Flüchtlingen und von Terrorismus.

Zugleich hat dieselbe Globalisierung die realen und erst recht die gefühlten Unterschiede zwischen Arm und Reich in den westlichen Ländern zuweilen bis ins Obszöne hinein vergrößert. Zwei Gerechtigkeitsfragen kommen jetzt zusammen, nein, sie prallen brutal aufeinander.