Als eine Mutter der Reporterin Carolin Emcke in den Straßen von Bukarest ihr Kind entgegenstreckt, zum Verkauf für zehn Dollar, da schüttelt Emcke wortlos den Kopf, darum bemüht, dass der käufliche Junge dies nicht als Geringschätzung seiner Person auffassen möge. Aber später wird die Reporterin über die erbärmliche Wirklichkeit von Bukarest eine Geschichte schreiben, in der sie das moralische Dilemma zur Sprache bringt, unmöglich ein Kind kaufen zu können und dabei doch zu wissen, dass diesem Kind in der Kanalisation oder in den Bordellen von Bukarest weitaus Schlimmeres widerfahren wird, als von einer Berliner Journalistin gekauft zu werden. Carolin Emcke hat aus der Erfahrung und Artikulation dieses Dilemmas einen ihrer einprägsamsten Texte gemacht. Ausgehend von der offenen Wette, dass Worte nicht gleichgültig sind.

Nun wird Carolin Emcke für diese Wette ihres Werks mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Publizistin, die von 2007 bis 2014 auch Autorin der ZEIT war und heute eine wöchentliche Kolumne in der Süddeutschen Zeitung schreibt, steht durch die Entscheidung der Jury in einer Reihe mit den Preisträgern der Vorjahre, dem Chinesen Liao Yiwu, der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch und dem deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani: politischen Intellektuellen, die ihre Sprachkraft einsetzen, um den Verstummten, den Unterdrückten eine Stimme zu geben und dem Ungehörten, dem Unsagbaren einen Ausdruck. Es mag manchen leichtfallen, darüber zu spotten, dass mit diesem Friedenspreis die pure Moral geehrt werde, überhaupt alles Gute und Wahre, ganz prinzipiell. Aber dieser Spott geht ins Leere. Denn Carolin Emcke hat sich ihren Recherchen, ob im Irak, im Kosovo, in Gaza, unter Lebensgefahr ausgesetzt, und was sie in ihren Geschichten aus den verwüsteten Regionen zurückträgt, ist nicht anklagende Eindeutigkeit, sondern Skepsis, Ungewissheit, Mehrdeutigkeit, Ambivalenz.

Wenn die Jury ihre Entscheidung nun damit begründet, Emckes Werk beweise "analytische Empathie", dann würdigt sie die Erkenntnismethode, sich für Schrecknisse zu öffnen, ohne Begriffe, Argumente, Normen und ihre Dilemmata preiszugeben. In Carolin Emcke wird auch eine Philosophin geehrt, die wie Hannah Arendt der Auffassung ist, stumm sei nur die Gewalt; und die wie ihr akademischer Lehrer Jürgen Habermas denkt, dass Sprache den Menschen aus seiner Wehrlosigkeit politisch befreit. Emckes Texte halten die Frage lebendig, ob es gleichgültig ist, wenn Menschen übertönt werden und verstummen, während andere beredt ihre Macht ausüben. In Demokratien kann es niemandem gleichgültig sein: Wer von einer Entscheidung betroffen ist, soll an ihr auch beteiligt sein und gehört werden, anders als durch Gespräch entsteht Gerechtigkeit nicht. Sonst gedeiht Hass. Gegen den Hass heißt Carolin Emckes Buch, das im Herbst erscheint. Pünktlich zur Preisverleihung.