Den Schlüssel zu "lebenslang strahlender Gesundheit" und "umfassendem Wohlbefinden" wollen sie gefunden haben. Dabei haben Ann Crile und Jane Esselstyn nicht etwa eine neue Wunderarznei entwickelt – sondern Kochrezepte gesammelt. In ihrem Buch Essen was das Herz begehrt präsentieren die amerikanischen Lehrerinnen 125 Speisen, die nicht nur lecker und vegan sein sollen, sondern auch: "lebensrettend". Donnerwetter. Das verspricht viel. "Eine ganze Menge zu viel", ärgert sich der Gesundheitspsychologe Toni Faltermaier von der Universität Flensburg. Für immer gesund dank Grünkohl oder Zitrus-Gazpacho? Für Wissenschaftler wie Faltermaier ist das Quatsch.

Dennoch liegt die Idee im Trend. In jüngster Zeit ist eine Flut an Büchern erschienen, die versprechen, dass sich mit einem bestimmten Speiseplan der Körper optimieren lasse. Die einen propagieren "die Anti-Stress-Ernährung", andere "Rezepte für ein gutes Bauchgefühl und ein starkes Immunsystem". Sogar das Bindegewebe lässt sich angeblich mit dem richtigen Essen stärken, verspricht der Ratgeber Richtig essen für die Faszien. Es geht in diesen Büchern nicht einfach um eine ausgewogene Kost oder einzelne "Superfoods", die angeblich viele Vitamine enthalten. Die Autoren behaupten vielmehr, dass sich mit der von ihnen empfohlenen Ernährungsweise ganz gezielt der Zustand bestimmter Organe und Organsysteme verbessern lasse. Die Vorstellung ist natürlich toll: mit gegrillten Ananas das Herz in Schuss halten, mit Ingwer und Knoblauch die Zellen gegen Stress wappnen – doch ist das wirklich so einfach?

Schon rein praktisch ist es schwierig, das zu untersuchen. Um testen zu können, welche Ernährung vor dem Auftreten gewisser Leiden schützt, müssten Forscher Gesunde über lange Zeit beobachten. "Es gibt solche Studien, aber sie sind aufwendig und teilweise problematisch. Wenn man für eine Studie die Ernährungsweise am Anfang erfasst, weiß man nicht, ob die Menschen in den 10, 15 Jahren danach genauso essen", sagt Johann Ockenga, Ernährungsmediziner am Klinikum Bremen-Mitte. "Und wenn tatsächlich herauskommt, dass nach 15 Jahren Menschen, die kein rotes Fleisch essen, seltener an Darmkrebs erkranken, dann hat man einen Zusammenhang, aber noch keine ursächliche Erklärung."

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Auch weil bei der Entstehung komplexer Leiden wie Krebs oder Arteriosklerose mehrere Faktoren zusammenwirken. Als Erklärung reichen die Essgewohnheiten nicht aus. "Bei vielen Krankheiten spielt Bewegungsmangel eine Rolle, die Gene, der Stress oder die nächtliche Schlafdauer – die ganze Lebensweise", sagt Faltermaier. Die Gesundheit eines Organsystems auf eine bestimmte Ernährungsformel zu reduzieren, werde dieser Komplexität nicht gerecht.

Die Wirkung einzelner Lebensmittel auf die Physis sei zudem schwierig zu untersuchen, sagt Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. "Die Ernährung stellt ein Gesamtkonzept für den Körper und seine Gesundheit dar." Einiges ist zumindest recht gut belegt: dass Omega-3-Fettsäuren die Cholesterinkonzentration im Blut und damit den Blutdruck senken – allerdings gilt dies für die in der Nahrung enthaltenen, nicht für jene in Nahrungsergänzungsmitteln. Und es gibt Hinweise darauf, dass man mit bestimmten Lebensmitteln die Darmflora beeinflussen kann: Laut einer im Mai im Magazin Science veröffentlichten Studie führt Buttermilch zu einem breiteren Spektrum der Darmflora, Vollmilch hingegen scheint die Mikrobenvielfalt im Verdauungskanal zu reduzieren.

Doch die Ratgeber begnügen sich meist nicht damit, von "Hinweisen" zu sprechen. Oft werden kühne Behauptungen aufgestellt, die gar nicht oder nur schlecht untermauert sind. Irgendeine Studie, die den Hauch von Wissenschaft verbreitet, auch wenn sie entsprechenden Kriterien nicht standhält, lässt sich für fast jede These finden. Einige Autoren sparen sich den Blick auf die Studienlage auch ganz und stützen sich einfach auf eine bereits bekannte und etablierte Ernährungsphilosophie, die sie dann – um überhaupt eine Rechtfertigung für ein neues Buch zu haben – um eigene Ideen ergänzen.

Etwa so haben es Uschi Eichinger und Kyra Hoffmann gemacht. Ihr Buch Die Anti-Stress-Ernährung basiert zu einem großen Teil auf der sogenannten LOGI-Methode. "LOGI" steht für "Low Glycemic and Insulinemic Diet". Die Idee dahinter: den Blutzucker- und Insulinspiegel möglichst konstant zu halten, um die Zellen wenig Stress auszusetzen. Den Hauptbestandteil dieser Diät bilden stärkearmes Gemüse wie Blumenkohl und Pilze sowie zuckerarmes Obst. Ob das funktioniert und ob der postulierte Stress überhaupt schädlich für die Zellen ist, ist nicht bewiesen. Dennoch gibt es inzwischen zahllose Bücher, die die Methode anpreisen. Das Buch von den Autorinnen Eichinger und Hoffmann geht noch einen Schritt weiter und identifiziert verschiedene "Stresstypen": Wer in belastenden Situationen mehr esse als sonst, aber gut schlafe, zähle zum "Adrenalinmangel-Typ" und solle darauf achten, ausreichend Tyrosin zu verzehren, die Vorstufe von Adrenalin. Besonders wichtig seien etwa Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Hülsenfrüchte. Menschen mit niedrigem Blutdruck und trockener Haut hingegen gehörten zum "Thyroxinmangel-Typ" und sollten genügend Selen zu sich nehmen, das für die Schilddrüse wichtig sei. So einleuchtend das vordergründig klingen mag – einen wissenschaftlichen Nachweis können die Autorinnen dafür nicht anführen. Bisher ist nicht einmal klar, ob Stress überhaupt in irgendeiner Form zu Mangelerscheinungen beiträgt, geschweige denn, ob er sich besser bewältigen lässt, wenn der Körper bestens mit allem versorgt ist.

Nun schadet es gewiss nicht, darauf zu achten, dass man ausreichend Vitamine, Nährstoffe und Mineralien zu sich nimmt. Doch manche Ernährungslehren bergen auch Gefahren. So kann eine radikale Low-Carb-Diät das Risiko für Herz-Kreislauf-Leiden steigern. "Jede Art von Diät birgt das Risiko, sich fehlzuernähren", sagt der Ernährungsmediziner Ockenga. Selbst eine auf den ersten Blick harmlose Low-Fat-Diät berge das Risiko, dass man nicht genug fettlösliche Vitamine aufnehme.

Die beste Methode, um seine Organe – und zwar alle – gesund zu halten, sieht Ockenga in der "mediterranen Ernährungsweise", die unter anderem viel Obst und Gemüse vorsieht sowie wenig Fleisch. Wer nach diesem Grundsatz isst, hat Studien zufolge ein geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Problemen und Krebs zu erkranken. Und muss nicht einen einzigen Ratgeber dafür lesen.

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