Nachdem die EU als Großstaat im Wartestand gescheitert ist, weil sie das Interesse der kleinen Leute an politischer Kontrolle des kapitalistischen Fortschritts nicht einlösen konnte, gehört die Zukunft möglicherweise kleinen, wendigen, zu selbstverantwortlichem Handeln und frei ausgehandelter Kooperation fähigen, nischensuchenden und -füllenden politischen Einheiten. Einen Vorgeschmack könnten die kleinen europäischen Nationalstaaten von heute geben, ob in der EU oder nicht, Dänemark, Schweden, Norwegen, die Schweiz und die Niederlande, Länder, in denen kollektive Güter, kollektive Identitäten und kollektiv gebildeter Wille konkreter, greifbarer und erstreitbarer sind als in einem europäischen Superstaat. Vielleicht war der – von Berlin sofort ausgebremste – Versuch des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers, mit seinem Bundesland dem Benelux-Vertrag beizutreten, doch nicht so absurd, wie viele damals geglaubt haben?

Gibt es einen realistischen Weg zu einem Europa der variablen Geometrie, der selbstbestimmten und flexibel anpassbaren Kooperation zwischen kleinen staatlichen Einheiten, ohne Schulz und Juncker als Paten? Die mit London jetzt auszuhandelnden Ablösungsverträge könnten zur Konstruktion einer "EU light" genutzt werden, einer zweiten, atmenden EU unterhalb der Vollmitgliedschaft im Brüsseler ever closer union -Apparat, als Plattform gleichberechtigter lateraler Zusammenarbeit über zwischenstaatliche Verträge und Konventionen, nach einem zur Abwechslung einmal ernst genommenen, der Verwässerung durch die Brüsseler Funktionäre entzogenen Subsidiaritätsprinzip, "autonomieschonend und gemeinschaftsverträglich" (Fritz Scharpf) zugleich: ohne Europäisches Parlament, das keines ist, ohne Europäischen Gerichtshof als freischöpfender und unkorrigierbarer Verfassungsgesetzgeber, ohne undurchsichtige Gipfelbeschlüsse, ohne öffentliche und geheime Politikauflagen der Europäischen Zentralbank.

Ein solcher Rahmen könnte auch für viele derzeitige Vollmitglieder attraktiv sein und sollte deshalb als Auffanglager einer geordneten Auswanderung aus der alten, gescheiterten EU allen offenstehen, nicht nur den Briten. "Brüssel" fürchtet das wie der Teufel das Weihwasser – weshalb seine Repräsentanten folgerichtig darauf drängen, den britischen Austritt so schnell wie möglich abzuwickeln, damit zum Nachdenken über eine zweite, zeitgemäße europäische Integration, am besten einschließlich eines flexibel erneuerten Währungssystems, keine Zeit bleibt.

Wird die EU, wird die deutsche Führungsmacht die in der britischen Entscheidung liegenden Chancen für eine Umgründung Europas erkennen und nutzen? Die Brüsseler Funktionäre und ihre Anhänger in den Nationalstaaten, nicht zuletzt in der integrationskonformistischen deutschen Öffentlichkeit, wollen ein Exempel statuieren: London abstrafen, wo immer es geht, und damit den Dänen, Niederländern, Ungarn und so weiter zeigen, was eine Harke ist, sodass sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen. So soll verhindert werden, dass der britische Austritt die unterdrückte Debatte über die finalité der europäischen Integration – darüber, was eigentlich an deren Ende stehen soll – endlich doch noch zum Ausbruch kommen lässt. Ein Superstaat für alle, ein einheitliches politisch-ökonomisches Regime von Hammerfest bis Agrigent, in dem nach Bekunden stolzer Integrationseuropäer schon jetzt achtzig Prozent der geltenden Gesetze in Brüssel gemacht werden und die Nationalstaaten mit der marktkonformen Pflege ihres kulturellen Erbes zufrieden sein müssen? Wenn diese überfällige Frage nicht so beantwortet wird, wie die neuen Verhältnisse es verlangen, und das ist zu befürchten, wird die Verrottung des zunehmend desintegrierten Europas weitergehen. Die Neubauten sind ins Rutschen geraten, und wenn nicht bald mit ihrer kontrollierten Sprengung begonnen wird, werden sie Europa erschlagen.