Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Rückblende in den Herbst 2008. Die Finanzwelt steht am Abgrund. Die "master of the universe" haben mit ihren wahnwitzigen Kasinospekulationen, ihren luschen Finanzprodukten, die sich als warme Luft entpuppten, und ihren Lohnexzessen zahlreiche Banken an den Abgrund getrieben. Die Regierungen müssen die Institute mit Steuergeldern vor der bösen Marktwirtschaft schützen, auch in Europa und der Schweiz. Weil sonst ein Dominoeffekt die Weltwirtschaft erfasst und flachgelegt hätte. Keine der ach so kompetenten Rating-Agenturen, keiner der ach so gut gebildeten Mainstream-Ökonomen hatte das vorausgesehen. Im Gegenteil.

Um ihre Banken zu retten, müssen sich viele Staaten massiv verschulden. Auf Kosten der Steuerzahler, auf Kosten der Rentner, auf Kosten der Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Arbeitslosigkeit schnellt auf neue Rekordhöhen, vor allem unter den Jungen. Eine ganze Generation wird ihrer Zukunftsperspektiven beraubt. Dort, wo es weniger Arbeitslose gibt, wie in Deutschland und Großbritannien, werden Millionen von Arbeitnehmern in prekäre, ungesicherte Jobs gedrängt.

Von den verantwortlichen Bankern aber landet keiner hinter Gitter. Kurz nach der Krise steigen die Boni wieder fröhlich, während der untere Mittelstand verarmt.

Die Finanzkrise trifft England mit Wucht. Den Boden dafür bereitete Margret Thatcher mit ihrem Credo "There is no such thing as society". Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen. Die Tories liberalisierten die Finanzindustrie, verlagerten Industriearbeitsplätze in billige Länder. Außer den Banken und Versicherungen in London und der Kreativindustrie in einigen Städten gibt es heute in Großbritannien kaum mehr zukunftsweisende Jobs. Und weil das Königreich weder flankierende Maßnahmen gegen Lohndumping kennt noch eine ordentliche Berufsbildung hat, werden Hundertausende Arbeiter aus dem Ausland geholt, die handwerklich gut ausgebildet sind und zu Hungerlöhnen schuften.

Unterdessen ist England wieder eine Klassengesellschaft wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Superreichen aus aller Welt werden mit Billigsteuern angezogen. Sie investieren ihre Milliarden in Immobilien, Schlösser und Land. "Ausverkauf der Heimat" würde man das in der Schweiz nennen. In London kann sich ein normal verdienender Mensch längst keine Wohnung mehr leisten. Geschweige denn ein Häuschen, wie es sich noch bis in die 1980er Jahre viele Arbeiter zusammensparen konnten.

Mit dem Finanzcrash zerbricht aber auch der Glaube an das neoliberale Wirtschaftskonzept. Der berühmte Trickle-down-Effekt kommt nie bei den normalen Menschen an. Ältere Briten haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt, denn sie haben am meisten verloren. Die Ökonomen warnten vor den wirtschaftlichen Folgen – ohne Erfolg. Ihre Glaubwürdigkeit war auf ein Minimum geschrumpft, wie die Sonnenscheindauer an einem englischen Regentag.

Nichts ist einfacher, als in unübersichtlichen Zeiten Ängste zu schüren: vor dem Bürokratiemonster Brüssel oder vor den Ausländern. Wenn das Menschen trifft, für die es jahrelang nur bergab ging und die kein absehbares Ende ihrer Misere erkennen, kann die Stimmung kippen. Das ist nicht neu, aber auch eine Lehre aus dem Brexit-Entscheid.

Freuen kann sich die rechte Internationale, die wieder forsch auftritt. Doch nicht nur die EU hat ein Problem, nicht nur Europa. Man darf beunruhigt gespannt sein, was im Herbst in den USA passiert. Merkt Hillary Clinton, dass die Geister der Reaganomics sie verfolgen – und sie einige Positionen von Bernie Sanders in ihr Programm aufnehmen muss? Wenn nicht, dann kann es auch in den USA ein fassungsloses Erwachen geben.