Wolfgang Thielmann:

Als ich fünf war, habe ich einen Satz aus der Bibel gelernt, aus dem Jakobusbrief: Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Zum Beweis erzählt der Autor vom Propheten Elia. Der hat darum gebetet, dass es nicht regnete, und es blieb in Israel dreieinhalb Jahre lang trocken. Dann betete Elia wieder, und der Himmel gab Regen und die Erde brachte Frucht. Mir wurde damit in jungen Jahren beigebracht, wir könnten durch unser Gebet Gott beeinflussen. Also: Er handelt, wenn wir beten. Und nur wenn wir beten. Das glaube ich nicht. Nicht mehr.

Angela Rinn:

Für ein Kind im Kindergartenalter ist der Jakobusbrief ziemlich anspruchsvolle Kost! Zumal in Kombination mit dem Propheten Elia! Haben dir deine Erziehungsberechtigten auch die Sache mit den von Elia erschlagenen Baalspropheten erzählt? Die Auswirkungen dieser biblischen Texte auf kindliche Seelen könnte eine interessante psychologische Forschungsaufgabe sein! Mir haben sie damals in diesem zarten Alter beigebracht, dass der liebe Gott mir überall und immer zuhört. Ich habe mir diesen kindlichen Glauben auch als erwachsene Pfarrerin und Privatdozentin für Praktische Theologie bewahrt. Glücklicherweise! Sie haben mir damals aber auch gesagt, dass Gott nicht jedes Gebet erfüllt. Das habe ich sogar schon mit fünf Jahren durch eigene praktische Erfahrung begriffen. Der Silberring, den mir meine Tante geschenkt hatte und den ich im Spiel im Sandkasten verbuddelt habe, den habe ich trotz Beten nicht wiedergefunden. Gott ist kein Prayomat, der meine Wünsche erfüllt. Und ich werde sehr misstrauisch, wenn Beten verzweckt wird. Beten hat einen Wert in sich.

Wolfgang Thielmann:

Ich weiß noch, dass wir auf einen Stuhl gestellt wurden und auswendig aufsagen mussten. Die Vorschulkinder bekamen nur fünf Bibelverse auf, die älteren mehr. Und bei den Geschichten von Elia fiel mir erst später auf, wie blutrünstig sie sind. Damals fand ich gerecht, dass sich Gott und mit ihm das Gute durchsetzte. Bei dem Satz aus dem Jakobusbrief war es das "ernstlich", das sich in meinem Kopf verhakt hat. Aber seit dem Studium frage ich mich, was das Gebet des Gerechten vermag. Und bei wem. Was und wen verändert es? Geht der Lauf der Dinge anders, wenn ich bete? Hängt das Schicksal anderer davon ab, dass ich bete? Und was heißt "ernstlich"? Bleibt ein oberflächliches, ein eigensüchtiges Gebet folgenlos? Lutheraner und Katholiken glauben, dass ein Sakrament "ex opere operato" wirkt, dass es also auf den Vollzug ankommt und nicht auf die Glaubensstärke auf der nach oben offenen Richterskala. Juden glauben, dass der Vollzug des Gebets wichtig ist und nicht so sehr die Haltung, die ich dazu einnehme. Dass ich es tue – darin liegt meine Verantwortung. Aber ich entscheide damit nicht über andere.

Angela Rinn:

Kann es sein, dass du mit gebremstem Schaum betest? Dass du deinem Gebet von vornherein nicht wirklich etwas zutraust? Mir fehlt bei deinem Ansatz die Leidenschaftlichkeit! Vielleicht liegt es daran, dass du mit dem Jakobusbrief den Einstieg ins Beten gefunden hast. Wenn ich mich ständig fragen muss, ob mein Gebet wirklich ernsthaft geschieht, verliere ich möglicherweise das Selbstverständliche im Gespräch mit Gott. Die Gefahr ist dann groß, dass ich mich selbst beim Beten zensiere.

Für mich ist das Beten die einzigartige, wundervolle, berauschende Möglichkeit, mit Gott zu sprechen – wie mit einem Freund oder einer liebevollen Mutter. Manchmal ist das auch nur ein Stoßseufzer, ein kurzer Dank dafür, dass ich meinen Tag gut überstanden habe. Manchmal ist es ein leidenschaftliches Bedrängen, wenn ich für mich oder mir liebe Menschen unbedingt etwas erreichen will. Als mein bester Freund todkrank war, habe ich so gebetet. Ich hätte es unerträglich gefunden, wenn ich in dieser Zeit nicht hätte beten können.

Mein Freund selbst hat auch so heftig gebetet, dann verzweifelt, als er spürte, dass unsere Gebete sich nicht erfüllen. Zuletzt hat er darum gebetet, sterben zu dürfen. Ich bin mir sicher, dass unser Schicksal von unserem Beten abhängt, einfach, weil es mich und andere verändert – und damit auch unser Schicksal.

Wolfgang Thielmann:

Gebremster Schaum? Vielleicht. Manchmal denke ich tatsächlich, dass Gott Wichtigeres zu tun hat, als meinen schwankenden Gefühlen den Wellengang zu nehmen. Natürlich bete ich, wenn meine Angehörigen in Gefahr geraten, wenn ich von Flüchtlingen höre, die ertrinken, oder wenn es ungerecht zugeht. Und ich danke ihm auch für kluge Politik, wenn mir eine Reportage gelingt oder sich Dinge freundlich entwickeln. Auch da ist mir wichtig, dass ich es tue, um mich zu erinnern, dass Gott dahintersteht. Deshalb bete ich auch bei Tisch, und nicht bloß zu Hause, sondern auch im Restaurant.

Zum Glück hat Gott mich mit einer Grundheiterkeit ausgestattet, die mich noch nie verlassen hat. Ich weiß bis heute nicht, ob das Glaube ist oder einfach ein sonniges Gemüt. Es ist jedenfalls ein großes Geschenk. Ob mich deshalb nichts berauscht, wenn ich bete? Ich konnte auch nie die Unbefangenheit evangelikaler Freunde teilen, die Buch führen, wann und wo Gott ihre Gebete erhört hat. Für sie ist Gebetserhörung, wenn es gut ausgeht. Die sagten, dass wir mit unserem Gebet den Arm Gottes bewegen. Am Wichtigsten finde ich deinen Satz, dass Beten mich selber verändert. Da bin ich bei Herbert Grönemeyer: "Wir sind verlegen und wir lachen, und ein bisschen tut’s auch weh, und ich wünsch dir Glück. Ich bin einverstanden, so wie es ist, ist es gut." Das ist für mich das Ernstliche am Gebet: nicht dass Gott fügt, sondern dass ich lerne, mich zu fügen. Warum soll denn Gott andere verändern, wenn ich bete? Das finde ich ja fast schon übergriffig. Vielleicht wollen sie das gar nicht.