Von Hamburg aus gesehen, ist ein Ratschlag aus London ein Rat aus der Zukunft. Hier ist er: Machen Sie Ihre Stadt weniger attraktiv!

Hamburg, die wachsende Stadt, alles wird größer, neuer, wichtiger – muss man das als Einheimischer nicht begrüßen? Was gibt es Tolleres, als da zu leben, wo es so viele andere hinzieht? Nun, mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Wer sich für die nähere Zukunft interessiert, der blicke nach München, wo die Miet- und Wohnungspreise den hiesigen um ungefähr sechs Jahre vorauseilen. Studenten zu dritt in einem Zimmer, Ältere, die wegziehen, weil die Renten mit den Mieten nicht Schritt halten – darauf sollten wir uns einstellen.

Die ferne Zukunft aber könnte dem heutigen London ähneln, der Stadt der Zwangs-WGs, der Vielbettzimmer im Souterrain und der Alleinerziehenden mit Vollzeitjobs – und neuerdings der Hauptstadt des Brexit. Darum hier, mit der Autorität einer Londoner Expertin, die dort seit Jahrzehnten den Wohnungsmarkt analysiert und an der renommierten London School of Economics lehrt, ein Hinweis.

Es gebe, sagt Kathleen Scanlon von der LSE, genau drei Wege, die Wohnungskosten zu senken: das Angebot erhöhen. Den Markt regulieren. Die Nachfrage verringern.

Das Angebot erhöhen, das heißt bauen. Hamburg tut es, London tut es. Hamburg will zehntausend neue Wohnungen im Jahr, das fünfmal so große London will 50.000 im Jahr. In beiden Städten streiten sie um die Frage, wo das möglich sein soll, und in beiden wissen die Fachleute, dass es am Ende an allem fehlen wird: am Platz, an der Akzeptanz neuer Bauvorhaben in der je eigenen Nachbarschaft, an der Bereitschaft, zur Not auch Grünflächen zu opfern.

Regulieren, das können sie in Deutschland besser als in Großbritannien. Die Mietpreisbremse dient der Regulierung, ebenso der soziale Wohnungsbau mit seinen Preisbindungen. Kann man sich mehr davon vorstellen? Natürlich. Kann man es durchsetzen? Fraglich.

Bleibt der dritte Weg. Wie verringert man die Nachfrage nach Wohnraum in einer Stadt wie Hamburg?

Um sich dem Problem anzunähern, muss man die Deutschlandkarte so betrachten, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos es tut: als Nebeneinander wachsender und schrumpfender Regionen, die Investoren unterschiedliche Chancen bieten. Was dann sichtbar wird, sind die Zonen des Wachstums im Süden, um München, Stuttgart, Frankfurt. Im übergroßen Rest des Landes aber, zwischen Köln und Frankfurt an der Oder, zwischen Emden, Rügen und Flensburg, ragt ein einziger Wirtschaftsstandort weit über alle anderen hinaus: Hamburg.

Berlin? Für Investoren ähnlich attraktiv wie die Gegend um Bad Segeberg. Hannover? Schon besser, könnte mit dem Kreis Stormarn mithalten. Bremen, Kiel, Lübeck, das Ruhrgebiet – wirtschaftlich gesehen, nicht der Rede wert.

Wenn die Karte von Prognos, die ausdrücklich als "Zukunftsatlas" zu verstehen ist, dem Geld als Wegweiser dient, dann wird Hamburg in einer Region von der Größe Englands in ähnlicher Weise das Kapital aufsaugen, wie London es dort tut. Geld erzeugt Chancen, Chancen ziehen Menschen an, Menschen müssen irgendwo wohnen.