Er selbst sieht sich als "Opfer" und hält die Anschuldigungen für eine "fatale Mischung" aus Lüge und Irrtum. Die Gerichte sagen, der in Deutschland lebende Tunesier Sami A. sei Ende 1999, Anfang 2000 in einem Terrorlager in Afghanistan gewesen und gefährde darum die öffentliche Sicherheit. Seit zehn Jahren ist er zur Ausreise verpflichtet, doch darf er nicht abgeschoben werden, weil er in seiner tunesischen Heimat verhaftet und unter Folter verhört werden könnte. Soeben hat das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ein neues Abschiebeverbot verhängt.

"Skandal!", rufen die einen, Deutschland übertreibe es mit den Menschenrechten und sei nicht einmal in der Lage, Terroristen loszuwerden. Fälle wie dieser trieben der rechtspopulistischen AfD die Wähler in die Arme.

Andere dagegen sehen im Abschiebeverbot den Sieg des Rechts. Tunesien sei immer noch ein Folterstaat und dürfe darum auch nicht, wie es die Bundesregierung jetzt plane, zu einem "sicheren Herkunftsland" erklärt werden. Zu einem Land also, aus dem niemand fliehen müsse.

Wenige Fälle erregen derart die Gemüter. Und wenige Fälle zeigen so deutlich, wie kompliziert das Ausländer- und Asylrecht ist, wie strikt das Folterverbot die deutschen Behörden bindet und warum Terrorverdacht oft so schwer zu beweisen ist.

Ein Terrorist? Er sei doch viel zu klein, argumentiert der rundliche Mann

Nein, nie sei er in Afghanistan gewesen, nie in einem Ausbildungslager von Al-Kaida, und nie habe er dem Terrorchef Osama bin Laden als Leibwächter gedient. "Wie auch, mit meinen gerade einmal 1,65 Metern?", sagt der rundliche Mann mit dem schwarzen Bart und der sanften Stimme. "Alles erfunden." Eigentlich wollte Sami A. nicht mit Journalisten reden, denn die würden ja nur alles verdrehen und ihn als einen Terroristen beschreiben. Doch er ist gekommen, sitzt in der Kanzlei seiner Anwältin in einer beschaulichen Wohnstraße am Rande von Bochum und streitet alles ab, was über ihn behauptet wird.

Salafist? Nein. Mitglied des radikalislamistischen Vereins Tablighi Jamaat? Nein. Fundamentalistischer Prediger, zu dessen Schülern zwei junge Männer gehörten, die sich im Mittleren Osten dem Dschihad angeschlossen haben sollen? Die kenne er gar nicht. Nie sei er ein Prediger gewesen und habe auch nie zur Gewalt aufgerufen.

"Gefährlich soll ich sein?", lächelt er und schaut zu seiner Anwältin auf der anderen Schreibtischseite, "ich werde doch von morgens bis abends überwacht und muss mich seit zehn Jahren täglich zwischen 10 und 12 Uhr auf der Polizeiwache melden." Sieben Tage die Woche, 365-mal im Jahr. Diesen Druck, diesen Stress ertrage er nur dank seines Glaubens. Er wolle mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Bochum ein normales Leben führen. Niemand danke es ihm, dass er seit fast 20 Jahren seine Glaubensbrüder im Ruhrgebiet in persönlichen Gesprächen dazu anhalte, ein rechtschaffenes Leben zu führen, keinen Alkohol zu trinken und einen Beruf zu erlernen.

Behörden und Gerichte des Landes Nordrhein-Westfalen zeichnen ein anderes Bild von Sami A. Für sie ist er eine schwere Sicherheitsbedrohung. Die Reise nach Afghanistan ist der Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation.

Im September 1997 reist der damals 21-jährige Sami A. zum Studium nach Deutschland ein und erhält eine Aufenthaltsbewilligung, die regelmäßig verlängert wird. An der Fachhochschule Niederrhein in Krefeld belegt er zunächst das Fach Textiltechnik, dann technische Informatik und schließlich Elektrotechnik. Einen Abschluss macht er nicht. Er zieht nach Köln und Anfang 2004 nach Bochum. Über ihn ist wenig bekannt.

Doch 2005 wird er im Al-Tawhid-Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf als Zeuge geladen. Es geht dabei um die Vorbereitung eines Terroranschlags in Deutschland, mit der Sami A. nichts zu tun hat. Doch einer der Angeklagten, der Kronzeuge in diesem Verfahren, berichtet, er sei Ende 1999, Anfang 2000 gemeinsam mit dem Tunesier und drei anderen Männern von Deutschland aus über Saudi-Arabien nach Pakistan gereist. Er und Sami A. seien weiter nach Afghanistan gefahren, A. habe sich dort militärisch ausbilden lassen und danach einige Monate lang für Osama bin Laden gearbeitet.

Organisiert wurde diese Reise von der sunnitisch-islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat (TJ). Laut einem Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz aus dem Jahre 2006 neigt sie zum islamischen Radikalismus, einzelne Mitglieder von terroristischen Organisationen hätten den Verein zu Reisezwecken genutzt. Allerdings ist TJ nicht verboten.

Die Richter halten die Aussage des Kronzeugen für glaubwürdig. Seither steht trotz gegenteiliger Beteuerungen des Zeugen Sami A. gerichtlich fest: Er war bei Al-Kaida in Afghanistan und ist darum eine Gefahr.