DIE ZEIT: Herr Said, seit wann gibt es eine islamistische Popkultur namens Anaschid?

Behnam Said: Der Begriff Naschid beschrieb ursprünglich eine Rezitation religiöser arabischer Poesie, eine Praxis, die lange Zeit vor allem Sufi-Orden ausgeübt haben. Erst in den 1970er Jahren fanden Anaschid Eingang ins islamistische Milieu und erfuhren dort einen Wandel zu einer Art Kampfgesang. Heute verbinden wir damit hauptsächlich dschihadistische Hymnen.

ZEIT: Manche Anaschid wirken auf westliche Hörer überraschend. Wieso besingen Terroristen ihre Mütter?

Said: Gesänge an die Mutter sind eine seit Langem bestehende Subkategorie der Anaschid. "Mutter, bleibe standhaft" ist ein gutes Beispiel dafür, wie deutsche Dschihadisten diese Tradition adaptiert haben. Das Lied richtet sich natürlich in Wahrheit gar nicht an die eigene Mutter. Es geht um eine Rechtfertigung für die Auswanderung ins Kampfgebiet, wobei die "Mutter" eine Art Projektionsfläche bildet. Andere Unterkategorien dschihadistischer Anaschid sind etwa Trauerlieder auf den getöteten Märtyrer oder Lieder über die Gefangenschaft.

ZEIT: Warum werden Anaschid a capella, also ohne instrumentelle Begleitung, gesungen?

Said: Die historischen Anaschid wurden oft von Handtrommeln begleitet. Aber der zunehmende Einfluss des Salafismus hat dazu geführt, dass sich strengere Regeln durchsetzten. Die salafistischen Gelehrten legten zum Beispiel fest, dass der Inhalt von Anaschid islamisch korrekt und moralisch einwandfrei sein muss, dass die Melodien weder westlicher noch arabischer Popmusik ähneln und keine Instrumente zum Einsatz kommen. Einzig Soundeffekte werden noch eingesetzt, etwa um Taktpausen auszufüllen.

ZEIT: Der IS benutzt oft das Geräusch von Explosionen oder Maschinengewehrsalven als Effekt.

Said: Genau. Aber wichtiger zum Verständnis ist noch etwas anderes: Für Dschihadisten sind Anaschid gar keine Musik, denn Musik gilt als billiger Zeitvertreib. Anaschid hingegen werden der religiösen Sphäre zugerechnet.

ZEIT: Werden die Anaschid als Teil des Gottesdienstes angesehen?

Said: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es finden auch nicht alle salafistischen Prediger Anaschid gut. Im dschihadistischen Gebrauch von Anaschid zeigt sich vielmehr ein Erbe der Muslimbruderschaft, die immer einen pragmatischen Umgang mit Kunst und Kultur pflegte: als Mittel zur Mobilisierung, aber auch als Zerstreuung.

ZEIT: In Ihrem Buch Hymnen des Jihads haben Sie mehrere Textbeispiele ins Deutsche übertragen. Nehmen wir den sehr bekannten Song bi-Dschihadina, in dem es heißt: "Durch unseren Dschihad lassen wir Felsen zerbröckeln und reißen den Tyrannen und den Unglauben in Stücke." Das klingt sehr martialisch und militärisch, aber nicht sehr religiös.

Said: Ja, und in diesem bellizistischen Sinne sind solche Kampfhymnen auch mit westlichen Soldatenliedern vergleichbar. Da werden Opferbereitschaft, Blutvergießen und Zusammenhalt besungen, und der Kampf wird gerechtfertigt. Anaschid haben allerdings meistens drei Ebenen: Die Tyrannei in den arabischen Staaten wird beklagt; es gibt einen Aufruf zum Widerstand und zur Mobilisierung; und als Lösung wird die Herrschaft mit dem Koran in der Hand besungen.

ZEIT: Der IS legt Wert darauf, sich als wahrhaft islamisch darzustellen, unter anderem durch das vermeintlich nahtlose Anknüpfen an den Frühislam und an die Lebzeiten des Propheten Mohammed. Gibt es das in Anaschid auch?

Said: Durchaus, und ironischerweise sind es ausgerechnet einige salafistische Gelehrte, die dem IS hier widersprechen, indem sie darauf hinweisen, dass das Phänomen des "islamischen Naschid" in der Frühzeit des Islams unbekannt war.