Die Hitze hatte ihren Würgegriff um Hamburg ein wenig gelockert, aber man wollte trotzdem raus aus der Stadt am vergangenen Samstag. Die Harley Days und Hundstage hinter sich lassen. Knapp eine Stunde Autofahrt Richtung Norden gibt es zum Glück ein Fenster zurück in die eigene Kindheit, zurück zu den schönsten Stunden damals, jenen im Wilden Westen. Die Karl-May-Spiele feierten Premiere in Bad Segeberg.

Gründe, endlich einmal hinzufahren: Das 65. Jubiläum, da wird natürlich Der Schatz im Silbersee gegeben, der größte Winnetou-Old-Shatterhand-Klassiker. Außerdem Besucherrekord im vergangenen Jahr. Und man hat noch die Nachrufer auf Pierre Brice im Kopf, die sich einig zeigten: Mays Werk und seine Adaptionen, das ist deutscher Exotismus, deutsche Sehnsucht, deutscher Mythos.

Aber warum Bücher, Filme, Hörspiele und Parodien nicht ausreichen, um Winnetou und seine Gefährten zu erfassen, das lässt man am besten die Experten erklären. Blonde Grundschuljungs, die aufgeregt den Weg vom Parkplatz zum Bad Segeberger Karl-May-Platz entlangrennen. Es sei, weiß einer der Jungs, schon "sehr geil", wenn die dort mit Platzpatronen schössen. Am besten aber werde es, wenn Winnetou mit seinem Tomahawk "so zwanzig Leute auf einmal plattmacht".

Noch bevor die erste Patrone platzt, versteht der Debütant, was gemeint ist: Die Freilichtbühne ist ein wahr gewordener Kindertraum, als hätten Zahnfee und Weihnachtsmann endlich den sehnlichen Wunsch erfüllt, die kleine Playmobil-Westernstadt zu Lebensgröße aufzupumpen. Der steile Kalkberg mit seinen weißen Flecken stellt die dramatische Kulisse fürs Westernörtchen namens Sheridan. Auf drei Ebenen am Hang breitet sich alles aus, was Westmänner – so heißen die Trapper und Abenteurer der frontier bei May – brauchen: Saloon, Jail, Telegrafenstation, Büro der Eisenbahngesellschaft.

Auftritt eines anderen Experten, Torsten Albig, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Er trägt Bolotie, Karohemd, schwarzen Hut und Doppelpistolengürtel. Als Drittklässler sei er zum ersten Mal hier gewesen und seitdem Fan, sagt er zur Begrüßung und zielt mit den Spielzeugrevolvern auf die Moderatorin. Er darf auch die ersten Platzpatronen abfeuern, allerdings in Richtung einer großen 2016, die dann funkensprühend und rauchend die Spiele eröffnet. "Meine Güte", ruft Albig fröhlich, als es knallt und bumst. Am Eingang hängt der Warnhinweis: "Während der Vorstellung achten Sie bitte darauf, dass die Kinder nicht mit ihren Pistolen schießen."