Als am 16. April in Ecuador die Erde bebte, saß die zwölfjährige Silvia gerade mit ihren beiden kleinen Brüdern vor dem Fernseher und sah sich eine Bastelsendung an. Ihre Mutter stand in der Küche und bereitete das Abendessen zu: gebratenen Fisch. "Auf einmal fing das Haus an zu wackeln, und das Licht ging aus", erinnert sich Silvia. In der Dunkelheit klammerten sich die Geschwister aneinander, während um sie herum alles zu Boden fiel, Glas zersprang und die Wände einrissen. "Ich hatte so große Angst", sagt Silvia, "ich dachte, die Welt geht unter."

Das Erdbeben, das vor gut zwei Monaten den Westen Ecuadors erschütterte, war das schwerste im Land seit 37 Jahren. Mehr als 660 Menschen kamen ums Leben, unzählige wurden verletzt. Ein paar Tage lang waren in allen Zeitungen und im Fernsehen Bilder von zerstörten Häusern, Straßen und Städten zu sehen. Mittlerweile wird kaum noch über das Unglück berichtet. Doch wie geht es den Menschen in Ecuador jetzt?

Silvias Familie hatte Glück im Unglück: Abgesehen von ein paar Kratzern ist keinem von ihnen etwas passiert. Aber ihr Haus ist eingestürzt, dort kann niemand mehr wohnen. So geht es vielen Ecuadorianern, mehr als 80.000 haben durch das Beben ihr Zuhause verloren. Zwar hat die Regierung große Zeltlager errichtet und versprochen, beim Wiederaufbau zu helfen, doch so einfach ist das nicht. Denn wer Unterstützung bekommen will, muss zuerst beweisen, dass ihm das Haus, in dem er vorher gelebt hat, wirklich gehörte.

"Vielen Menschen ist das nicht möglich, weil sie keine Papiere über ihren Besitz haben", erklärt Rüdiger Schöch. Er ist Katastrophenexperte, kommt aus Deutschland und war vor Kurzem für die Kinderhilfsorganisation Plan International in Ecuador. "Gerade auf dem Land ist es normal, dass die Menschen ihre Grundstücke einfach von ihren Eltern übernehmen."

Auch in Rocafuerte, der Gegend, aus der Silvia kommt, ist das so. Ihr Vater hatte das Haus der Familie selbst gebaut, beweisen kann er das nicht. Darum lebt die Familie nun seit vielen Wochen in einem notdürftigen Unterschlupf aus Bambusrohren und Plastikplanen, den sie in der Nähe ihres zerstörten Hauses aufgestellt hat. "Nachts ist es hier sehr kalt", sagt Silvia, "und tagsüber viel zu heiß."

Auf seiner Reise durch das Katastrophengebiet hat Rüdiger Schöch viele Menschen getroffen, die wie Silvias Familie lieber in selbst gezimmerten Hütten schlafen, als in ein Zeltlager der Regierung zu gehen. "Obwohl sie dort besser versorgt wären, trauen sich viele nicht, ihre Grundstücke zu verlassen", sagt Schöch, "sie haben Sorge, dass man sie ihnen ganz wegnimmt."

Hier springen Hilfsorganisationen wie Plan International ein: Sie verteilen Plastikplanen und anderes Baumaterial und kümmern sich darum, dass die Obdachlosen in ihren Dörfern mit Wasser und Essen versorgt werden. In vielen Orten haben die Helfer Kinderzonen eingerichtet, wo sich Kinder wie Silvia und ihre Brüder von ihrem Schrecken erholen können. In großen Zelten spielen sie mit Lego, malen Bilder und sprechen mit Betreuern über ihre schlimmen Erlebnisse.

"Vielen steckt die Angst noch in den Knochen", erzählt Schöch. Manche Kinder trauen sich zum Beispiel nicht in die Schule, weil sie fürchten, bei einem erneuten Beben dort verschüttet zu werden. Tatsächlich hat es seit dem 16. April immer wieder Nachbeben gegeben. Bei einem besonders starken spielte Silvia gerade in einer der Kinderzonen, während ihre Mutter unterwegs war. "Da habe ich mir riesige Sorgen um sie gemacht", sagt das Mädchen.

Die Regierung von Ecuador rechnet damit, dass es mindestens drei Jahre dauern wird, das Land wieder aufzubauen. Wann Silvias Familie geholfen wird, ist völlig unklar. So lange müssen sie wohl noch zu fünft in ihrer winzigen Hütte leben. Die Zwölfjährige macht trotzdem Pläne für ihre Zukunft: "Ich wäre gerne jemand, der andere Menschen schützen und ihnen helfen kann", sagt sie, "vielleicht werde ich Ärztin."