ZEIT: Und wenn man zu spät merkt, die falsche Wahl getroffen zu haben?

Becker-Stoll: Dann sollte man die Signale des Kindes unbedingt ernst nehmen. Weint das Kind immer schon, wenn man nur auf die Kita zugeht, dann herrscht Alarmstufe Rot. Und jeder Wechsel ist dann ein Wechsel zum Guten. Denn wenn ein Kind unglücklich ist, dann ist es das unendlich viele Stunden am Tag.

ZEIT: Eltern haben gelernt, wie wichtig der Betreuungsschlüssel ist, sie schauen auf die Höhe der Toiletten in den Waschräumen, auf die Außenanlagen und das Angebot an Büchern. Sagt all das denn nichts aus über die Qualität der Kita?

Kitas außer Kontrolle - ein Schwerpunkt auf ZEIT ONLINE über Missstände in Kindergärten und Krippen (Klicken Sie auf das Bild) © Sean Gallup/Getty Images

Becker-Stoll: Alles, was es an Rahmenbedingungen gibt, ist für die Qualität notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidend für eine positive Entwicklung des Kindes ist die konkrete Zuwendung, die es in der Kita erlebt. Wir Wissenschaftler nennen das "Beziehungs- und Interaktionsqualität". Dabei ist es völlig egal, ob die Kita in einem Problemviertel liegt, ob sie Kinder mit erhöhtem Förderbedarf betreut oder ob die Einrichtung die teuersten Möbel vom privaten Tischler hat. Am Ende kommt es auf das Fachwissen und die emotionale und soziale Kompetenz jeder Erzieherin an. Wenn die Fachkräfte nicht wissen, was sie tun, hilft es nichts, wenn sich besonders viele um die Kinder kümmern.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Becker-Stoll: Ich denke an eine private Einrichtung, die wir besucht haben; die Eltern müssen dort 1.000 Euro pro Monat bezahlen. Es gab viel mehr Personal als normalerweise üblich, die Erzieher waren zur Hälfte englische Muttersprachler mit einem hohen Ausbildungsniveau – aber den Kindern ging es überhaupt nicht gut. Es war furchtbar: Die Kinder wehrten sich verzweifelt dagegen, sich von ihren Eltern trennen zu müssen. Sie liefen danach weinend umher, ohne dass sich jemand um sie gekümmert hätte, sie wurden angeschrien. Ich habe in sieben Stunden nicht ein Mal gesehen, dass ein Kind von einer Erzieherin angelächelt wurde.

ZEIT: Warum hatte man Sie eingeladen?

Becker-Stoll: Die Einrichtung wollte uns ihre naturwissenschaftliche Bildung präsentieren. Das Wochenthema war Wasser. Die Erzieherin stellte einen Topf kochendes Wasser auf den Tisch, um zu zeigen, wie es verdampft. Den Kindern wurde gesagt, sie dürften sich nicht bewegen, weil sie sich sonst verletzen könnten. Sie saßen weinend um den Tisch herum, wurden harsch gepackt, wenn sie aufstehen wollten. Die Erzieherin aber absolvierte ihr Wasserprojekt und erkannte nicht, dass das völlig an den Bedürfnissen der Kinder vorbeiging und sie unter diesen Umständen nichts lernten.

ZEIT: Als nach den ersten Pisa-Ergebnissen in Deutschland der Bildungsnotstand ausgerufen wurde, gerieten auch die Kitas in den Fokus: Dort werde zu viel gekuschelt und zu wenig gelernt. Deshalb erhielt die Kita ebenfalls einen Bildungsauftrag. Überall stehen nun Forscherkisten und Experimentierkoffer. Haben wir bei alldem das Wohlergehen der Kinder aus den Augen verloren?

Becker-Stoll: Wir haben immer noch keinen gesellschaftlichen Konsens darüber, was für Kinder in den ersten Lebensjahren wichtig ist. Damit meine ich die Beziehungen, die sie erfahren, und nicht die Experimente, die sie mit drei oder vier Jahren machen. Der überzogene Bildungsanspruch führt dazu, dass wir zu wenig über die Art des Aufwachsens reden. Noch immer werden Kinder zum Essen und Schlafen gezwungen oder zur Strafe auf einen "heißen Stuhl" gesetzt – es gibt Eltern, die das mittragen, weil ihre Kinder "nicht verzärtelt werden" sollen. Es gibt Einrichtungen, die noch nicht einmal eine Eingewöhnung anbieten, weil sie Angst haben, das könne die Trennung von den Eltern noch schwerer machen.

ZEIT: Die frühkindliche Bildung soll aber auch soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen.

Becker-Stoll: Aus Studien wissen wir zum Beispiel, dass zweijährige Kinder mit Migrationshintergrund im Hinblick auf ihre sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung nur vom Besuch einer Kita profitieren, wenn die Qualität sehr gut ist. Gehen diese Kinder in eine mittelmäßige oder gar schlechte Kita, schadet das ihrer Entwicklung. Dann ist es besser für sie, zu Hause zu bleiben.

ZEIT: Kinderbetreuung ist zu einem riesigen Geschäftsmodell geworden. Die Zahlen werden gefeiert, die Qualitätsdebatte wird vermieden. Warum?

Becker-Stoll: Weil die frühe Bildung in der Verantwortung der Kommunen liegt. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz vom ersten Geburtstag des Kindes an hat die Kommunen sehr unter Druck gesetzt. Die Länder geben ihnen das Geld in der Hoffnung, dass sie damit eine ordentliche Betreuung auf die Beine stellen. Aber keiner kontrolliert, was wirklich passiert: ob man für das Geld große Tagesmütterstellen schafft, mit Langzeitarbeitslosen als Angestellten, oder eben ordentliche Kitas mit gut ausgebildetem, teurem Personal.

ZEIT: Und die Ansprüche der Eltern steigen.

Becker-Stoll: Ja. Da ist zum Beispiel der Wunsch nach 24-Stunden-Kitas, wo man sich entscheiden kann, ob man das Kind nach einer Dienstreise nach Paris abends noch abholt oder lieber erst am nächsten Morgen. Mein Eindruck ist, dass manche Eltern gar nicht so genau wissen wollen, wie es ihrem Kind in der Kita geht, Hauptsache, es funktioniert im Takt der eigenen Leistungsanforderungen.

ZEIT: Wie kann der Staat in dieser verfahrenen Lage das Beste für die Kinder erreichen?

Becker-Stoll: Zunächst müssten wir uns auf Qualitätsstandards einigen und diese dann evaluieren. Berlin hat über 1.000 Kitas und überprüft sie alle fünf Jahre. Das könnte auch ein Modell für andere Bundesländer sein.

ZEIT: Es gibt also Fortschritte?

Becker-Stoll: Es bleibt dabei, dass jedes Bundesland seine eigenen Regeln hat. Wir haben 16 verschiedene Bildungssysteme, die nicht aufeinander abgestimmt sind. Wir haben 80 bis 100 Studiengänge für Kleinkind- und Elementarpädagogen geschaffen, ohne angemessen bezahlte Stellen in den Kitas für diese Studienabgänger zu haben. Wir müssten einen Zeitpunkt nennen, an dem alle Kita-Leitungen Akademiker sein sollten. Danach könnte man die Quote ausweiten auf die Fachkräfte, die in den Gruppen mit den Kindern arbeiten. Aber solange ich von Politikern immer noch höre, "mittelmäßige Kitas sind kein Problem", habe ich wenig Hoffnung. Die gleichen Leute behaupten in ihren Sonntagsreden, Kinder seien unsere Zukunft. Wenn sie das ernst meinten, wüssten sie, dass die beste Qualität für die Bildung und Betreuung der Kinder gerade gut genug ist –und dass das Geld kostet und richtig teuer wird.