Lieber Homer,

ich war der faulste Klavierschüler Deutschlands, aber ich hatte mit Dir den besten Klavierlehrer der Welt. Ohne Dich hätte ich als Kind nie angefangen, Imagine von John Lennon zu spielen, hätte nie den Text genauer durchgelesen und kapiert, was für ein cooler Song das ist – der heute wieder so aktuell klingt wie zu der Zeit, als er geschrieben wurde.

Ich glaube, Du hast mich das Lied spielen lassen, weil Du wusstest, diese Melodie kriegt selbst der blödeste Schüler hin. Du hast wirklich versucht, aus mir einen besseren Klavierspieler zu machen. Erst über Klassik, dann über Jazz, Du hast mir erzählt, wer dieser Gershwin und was für ein krasser Typ Chopin war. Du wolltest mich damit motivieren. Was Dir nicht geglückt ist. Erst bei Pop und John Lennon habe ich mich ein bisschen angestrengt.

Weißt Du, ich hatte keine Lust, Noten auswendig zu lernen, aber das Klimpern am Klavier hat mir gefallen. Ich hatte immer Schiss, bevor ich für meinen wöchentlichen Unterricht zu Dir kam. Eine Stunde ehe ich die Wohnung verließ, habe ich angefangen zu üben. Ich hätte mich aber nie getraut, mit den Stunden aufzuhören. Das war keine Option. Nicht wegen meiner Eltern, sondern Deinetwegen. Ich habe Dich Woche um Woche enttäuscht, aber Deine Worte hatten Gewicht. Du warst ein Jazzpianist aus Rumänien, Du kanntest die Welt, Du konntest von ihr erzählen.

Ich hatte das Gefühl, Du wolltest mich ein bisschen erziehen. Disziplin sei manchmal wichtig im Leben, sagtest Du. Eine Deiner Methoden war, mir Bücher zu geben, um meinen Charakter zu formen. Ich erinnere mich an Der Pate, Der Steppenwolf und an Papillon von Henri Charrière. Du hast mir die Aufgabe gestellt, das Buch auf einer DIN-A4-Seite zusammenzufassen. Das war vor YouTube und Wikipedia, ich musste das Ding wirklich lesen – und irgendwann fand ich es richtig gut.

Es geht darin um einen zu Unrecht verurteilten Mann, der eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Im Gefängnis herrschen furchtbare hygienische Zustände, manchmal muss er Kakerlaken essen, um zu überleben. Er versucht ein paar Mal zu fliehen, und als er ein alter Mann ist, schafft er es endlich. Wenn ich heute eine Sache durchziehen muss, flasht es in meinem Kopf. Ich denke an diesen Typen, der nie aufgegeben hat. Dieser Papillon spornt mich an, wieder neu anzufangen, wenn ich mich innerlich verrannt habe. Das habe ich Dir zu verdanken, Homer. Vielen Dank!

Dein Mark

Mark Forster, 32, ist Sänger und Songwriter. Von ihm stammt der EM-Song "Wir sind groß"