Man muss sich Böheimkirchen auf nicht ganz halbem Weg zwischen Malibu Beach und dem Wiener Zentralfriedhof denken: ein niederösterreichischer Marktflecken, in dem dreitausend unverwechselbare Originale leben. In Böheimkirchen wurde vor 67 Jahren Manfred Deix geboren. In der väterlichen Gastwirtschaft zapfte der Bub das Bier und studierte aufmerksam die Gesichter der Gäste. Er entdeckte, dass sich allabendlich ein ganz spezieller, eigenartiger Menschenschlag an den Krügelgläsern festklammerte: stierende Kugelaugen, volle rote Wangen, kurze Stupsnasen und beim Lachen auffällig viel Zahnfleisch.

Das hat sich Deix eingeprägt. Als die wilden sechziger Jahre hereinbrachen, die in Böheimkirchen "Roaring Sixties" hießen, gründete Deix eine Rockkapelle, die er Top Secret nannte. Ein Filmdokument zeigt den lässigen Stenz, wie er mit seinen Kumpanen über die Hauptstraße spaziert und Surfin’ USA singt. Insgeheim fühlte Deix nämlich, dass er der "sechste Beach Boy" war. Nach eigenem Bekunden wollte er damals ein "kalifornischer Küsserkönig" werden.

Weil er wusste, dass es daheim in Böheimkirchen "wahrscheinlich nur zum Fleischhauer" langen würde, sagte er schweren Herzens: "Böheimkirchen, tschüss! Baba! Auf Wiedersehn!" Und weil der West-Coast-Intercity nach L.A. Verspätung hatte, bestieg er den Orientexpress nach Wien. In der Provinz genoss Wien vor fünfzig Jahren den legendären Ruf, die Stadt der Sünde zu sein. "An jeder Ecke wohlfeile Weiber", erinnerte sich Deix. Er musste freilich bald erkennen, dass es allem Anschein nach lauter Böheimkirchnerinnen waren, die gemeinsam mit ihren Gespielen Wien die Aura einer "Metropole der Erotik" verliehen. So war es unausbleiblich, dass Manfred Deix das wilde Treiben zu Papier brachte; hatte er doch schon in jungen Jahren manches Frauenbildnis geschaffen und auch (dank der großen Brüste) an seine Dorfschulkameraden verkaufen können.

In Wien ansässig, begann er, die Sittenchronik der Stadt zu zeichnen: schamlose Fleischberge, süchtig nach nackter Haut und hemmungslos perversen Spielen verfallen. Sie stülpen sich ein Ganzkörperpräservativ über, kriechen kopfüber unter fremde Röcke, grabschen in die Lederhose, saugen einander lüstern an den Nasen, lecken, lechzen, schnüffeln, hecheln und fallen im nietenbeschlagenen Lederkorsett übereinander her. "Ich bin ein großer Stauner", sagte Deix. "Wenn diese Leute mit ihren dicken Wangen winseln und stöhnen, das fasziniert mich."

Seit den Tagen der Pestprediger hat niemand mehr diesem triebhaften Volk so unbarmherzig den Spiegel vorgehalten. Deix entlarvte Kinderschänder und Kameradschaftsbündler; Kanzler und Kirchendiener beraubte er ihres Scheins und ihrer Heiligkeit. Dergestalt hat sie der Rubens aus Böheimkirchen verewigt: wie sie leiben und leben und zu wollüstigem Fleisch geworden sind.

Deix hatte sich zusammen mit seiner geliebten Marietta und 99 schnurrenden Katzen in ein stilles Haus außerhalb von Wien zurückgezogen: "Mein Lebensziel ist es, eine Katze zu werden: den ganzen Tag fressen, saufen und schmusen." Am Samstag vergangener Woche wurde im Katzenhimmel ein neuer Besucher begrüßt.