Am 7. Mai 1866 geht eine Nachricht wie ein Lauffeuer durch Berlin: Auf den preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck ist Unter den Linden ein Attentat verübt worden. Fünf Schüsse wurden auf ihn abgefeuert, und wie durch ein Wunder blieb er unverletzt. Der Attentäter, der Student Ferdinand Cohen-Blind, ein Stiefsohn des im Londoner Exils lebenden badischen Revolutionärs von 1848/49, Karl Blind, nimmt sich nach seiner Verhaftung das Leben. In einem Abschiedsbrief hat er zuvor über sein Motiv Auskunft gegeben: Wenn Bismarck, dieser "Verräter an Deutschland", beseitigt werde, könne der Krieg zwischen Preußen und Österreich vielleicht noch abgewendet werden.

Tatsächlich kommt der Anschlag nicht überraschend. Denn Bismarck ist im Frühjahr 1866 der bestgehasste Mann weit und breit. Seit seinem Amtsantritt als preußischer Ministerpräsident im September 1862 lag der als stockreaktionär verschriene pommersche Junker in einem Dauerkonflikt mit der liberalen Mehrheit des preußischen Landtags, die ihm das Geld für eine Heeresreform verweigerte. Ihren Widerstand hatte Bismarck mit allen Mitteln zu brechen versucht. Er regiert verfassungswidrig, nämlich ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Haushalt. "Das gegenwärtige Ministerium ist in einer Art mißliebig, wie selten eines in Preußen war", stellt Gerson Bleichröder, Bismarcks Bankier, im Februar 1863 fest. Daran hat sich auch drei Jahre später noch nichts geändert.

Der Hass auf den "Konfliktminister" ist noch gestiegen, seit für jedermann erkennbar geworden ist, dass er es auf einen Krieg mit Österreich abgesehen hat. Kein Wunder, dass der Attentäter in der liberalen Öffentlichkeit vor allem Süddeutschlands viele Sympathien findet. "Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für einen schlechten Menschen zu erklären, der sein Leben daran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen Unhold zu befreien", ist im Parteiblatt der württembergischen Demokraten zu lesen.

Lange hat Bismarck auf die Auseinandersetzung mit Österreich hingearbeitet. Bereits als Gesandter am Bundestag in Frankfurt am Main zwischen 1851 bis 1859 ist es sein Hauptbestreben gewesen, Preußens Machtinteressen möglichst wirkungsvoll zur Geltung zu bringen, und das heißt, Österreich den Führungsanspruch im Deutschen Bund streitig zu machen. Im Dezember 1853 zieht er eine erste Bilanz: "Unsre Politik hat keinen anderen Exerzierplatz als Deutschland (...), und gerade diesen glaubt Österreich auch für sich zu gebrauchen; für beide ist kein Platz nach den Ansprüchen, die Österreich macht, also können wir uns auf die Dauer nicht vertragen. Wir atmen einer dem andern die Luft vor dem Munde fort, einer muß weichen oder vom andern 'gewichen' werden."

Das blieb das Ziel seiner Außenpolitik: Österreich musste aus Deutschland hinausgedrängt und Preußens Hegemonie etabliert werden. Dabei kalkuliert er von Anfang an den Krieg als Mittel seiner Politik ein. "Daß wir in nicht zu langer Zeit für unsere Existenz gegen Österreich werden fechten müssen", hatte er bereits im April 1856 unumwunden erklärt. Ein vorübergehendes Arrangement mit Wien ist damit nicht ausgeschlossen. Das gilt vor allem für den Streit um die Zukunft der Herzogtümer Schleswig und Holstein, die laut den Londoner Protokollen von 1850 und 1852 in Personalunion mit Dänemark verbleiben sollten. Der lange schwelende Konflikt ist im Herbst 1863 aufgebrochen, nachdem die dänische Krone angekündigt hatte, Schleswig unter Missachtung der Londoner Vereinbarungen zu annektieren.

Von Anfang an verfolgt Bismarck den Plan, die Herzogtümer in den preußischen Machtbereich einzubeziehen. Nach außen hin gibt er sich freilich betont friedfertig, indem er vorspiegelt, nur für die Erhaltung der internationalen Verträge über Schleswig-Holstein eintreten zu wollen. Dadurch gelingt es ihm nicht nur, die europäischen Großmächte über seine wahren Absichten zu täuschen, sondern auch Österreich als Bundesgenossen für einen Krieg gegen Dänemark zu gewinnen. Nach ihrer Niederlage werden die Dänen im Frieden von Wien vom 1. August 1864 gezwungen, alle Rechte an den beiden Herzogtümern zugunsten des preußischen Königs und des österreichischen Kaisers abzutreten.