Oliver Decker besitzt keine Yuccapalme. Irgendwie möchte man das einmal festhalten. Auf dem Blog Tichys Einblick stellt sich ein Autor, der die Arbeit des Forschers Oliver Decker kritisiert, nämlich vor, dass vermutlich eine Yuccapalme in Deckers Institut an der Uni Leipzig stehe und dass der Soziologe und seine Kollegen an "abgewetzten Resopaltischen in aufgeräumten Instituten mit diesen hochfrequentierten Rauchereckchen" säßen. Dass sie also, kurzum, irgendwie links-grüne, weltfremde Menschen seien. Deckers Studie, liest man in dem Blog-Eintrag, sei nichts als eine "pseudowissenschaftliche Ausarbeitung".

Das sind harte Worte – und das sind nur einige wenige der vielen heftigen Sätze, die Oliver Decker in der vergangenen Woche über sich lesen durfte. Denn der Extremismus-Forscher und seine Kollegen von der Universität Leipzig haben wieder ihre "Mitte"-Studie veröffentlicht, in der sie rechtsextreme Einstellungen in Deutschland untersuchen. Sie tun das alle zwei Jahre, insgesamt seit nun 14 Jahren. Die Studie wird stets breit diskutiert. Aber diesmal war etwas anders als sonst. "Dass so heftige Kritik kommt, hat keiner erwartet", sagt Decker. Er ist mit einer Studie, die er im Grunde in alter Routine angefertigt hat, in politischste Zeiten geraten.

Decker ist Vorstand und Sprecher des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Uni Leipzig. Im Kern beschäftigt sich seine Mitte-Studie mit der Frage, wie weit Ressentiments und Vorurteile in die Mitte der Gesellschaft hineinragen. Und da haben sich die Ergebnisse, zu denen Decker und sein Team kommen, in den vergangenen Jahren kaum geändert.

Zum Beispiel gehört es zu den Ergebnissen seiner Untersuchung, dass sich jeder zehnte Deutsche eine Führer-Figur wünsche, die das Land mit starker Hand regiert – was nach nicht allzu viel klingt. Oder dass knapp ein Viertel der jungen Ostdeutschen ausländerfeindlichen Tendenzen nachhänge – was schon schlimmer klingt. Oder dass 50 Prozent der Befragten sich angesichts vieler Muslime manchmal wie Fremde im eigenen Land fühlten – zum Vergleich: 2014 hatte diese Zahl noch bei 43 Prozent gelegen. Ist das jetzt ein Beleg für eine "enthemmte Mitte", stützt das also den plakativen Titel von Deckers Studie? Oder bedeutet so eine Aussage allein noch gar nichts?

Anfangs, am Tag der Veröffentlichung der Studie, sind sich die Zeitungen und TV-Stationen weitgehend einig: Das Medienecho ist groß, die Untersuchung schafft es bis in die Tagesschau. Die Leipziger Forscher kommen unter anderem zu dem Schluss, dass zwar der Anteil von Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild auf niedrigem Niveau verharrt – dass es jedoch rechtsextrem eingestellte Gruppen gibt, die Gewalt als Mittel der Interessendurchsetzung deutlich stärker befürworten als bei der letzten Erhebung. Decker sagt, gerade dieses Resultats wegen habe er sich zu dem Titel Die enthemmte Mitte entschlossen. Spiegel Online stellt die Studie unter der plakativen Überschrift Deutschlands hässliche Fratze vor.

Dann plötzlich dreht sich der Wind. Zuerst meldet sich in einem Radiointerview der Politologe Klaus Schroeder von der FU Berlin zu Wort. Er bezeichnet Deckers Ergebnisse als "belanglos", der reißerische Titel sei völlig ungerechtfertigt: Denn nur ein einstelliger Bevölkerungsanteil stimme in Deckers Studie den meisten rechtsextremistischen Thesen zu, die Mitte drifte nicht nach rechts. Schroeder kanzelt auch die Methodik von Deckers Forschung ab. Häufig seien die Fragen suggestiv gestellt. Schroeder unterstellt indirekt, dass die Leipziger ein bestimmtes Ziel vor Augen gehabt haben: die Mitte der Gesellschaft in finsteren Farben zu zeichnen.

In den Tagen darauf kassiert Decker nun kritische Kommentare, unter anderem in der Welt . In der FAZ erscheint ein Text, der sich besonders entschieden gegen die Leipziger Forscher richtet: Die enthemmten Wissenschaftler. Darin heißt es: "Leipziger Forscher sehen die deutsche Gesellschaft alle zwei Jahre am Rande des Faschismus." Auf Twitter bewundert CDU-Politikerin und Ex-Familienministerin Kristina Schröder, die FAZ habe "ziemlich cool" die Mitte-Studie "zerlegt".

Ein zentraler Vorwurf: Die Studie sei purer Alarmismus. "Ein Bärendienst für die Glaubwürdigkeit des Journalismus" sei es gewesen, Deckers Ergebnisse ungeprüft weiterzuverbreiten, kommentiert der Medien-Branchendienst Kress, "denn ein genauerer Blick auf die Untersuchung zeigt: Sie hält bei Weitem nicht, was sie verspricht."

Decker sieht gelassen aus, wenn man ihn darauf anspricht. Aber er sagt auch, dass ihn die Art und Weise der Kritik geärgert habe.

Tatsächlich war die Titelwahl der Studie nicht ganz glücklich. Denn die Wissenschaftler beziehen sich damit nur auf ein Teilergebnis ihrer recht umfangreichen Untersuchung. "Man kann durchaus sagen, dass der Titel nicht sehr leise daherkommt", sagt Decker. Aber er sei gedeckt durch den Befund, dass es in bestimmten Bevölkerungsgruppen durchaus eine Radikalisierung gebe. Dass sich die Kritik am Begriff der Mitte entfacht, wundert ihn nicht. "Die Mitte hat eine hohe ideologische Bedeutung in Deutschland", sagt Decker. "Die Idee ist immer, dass es die Mitte gebe, die den Hort bilde, der die Demokratie vor den Extremen verteidigt." Er habe schon immer gesagt: "Das stimmt so nicht", denn: "Die Mitte selbst ist etwas Hochfragiles." Die Debatte um den Titel der Studie, um ihre Interpretation, kann er dabei verstehen. Was ihn wirklich wurmt: dass seine Kritiker den Eindruck erwecken, die Studie sei insgesamt unhaltbar und voller Mängel. Dass Decker und seine Kollegen fragwürdige Methoden angewandt, unwissenschaftlich und unsauber gearbeitet hätten.