Königgrätz wird gemeinhin als Entscheidungsschlacht bezeichnet. Doch was genau wurde damals entschieden? Und was hat diese Entscheidung mit unserer Gegenwart zu tun? Die Schlacht, die am regnerischen Morgen des 3. Juli 1866 beim Dorf Sadowa an der Bistritz in Nordböhmen begann, beendete einen der kürzesten Kriege, den es je gab. Er ging als "deutscher Krieg" in die Geschichte ein. Bei den Deutschen indes scheint er heute fast vergessen zu sein. Auch ein Zuviel an erlittener und verursachter Geschichte im letzten Jahrhundert kann zu Geschichtsvergessenheit führen. So ist es in gewisser Hinsicht paradox, dass im Wien von heute die Erinnerung an 1866 gegenwärtiger zu sein scheint als im heutigen Berlin. Denn das Verständnis, was Deutschsein bedeutet und wer Deutscher ist, bleibt auch heute noch immer untrennbar mit der Reichsgründung von 1871 durch Otto von Bismarck verbunden, und diese Reichsgründung wäre nicht möglich gewesen ohne Preußens militärischen Triumph über den Rest der deutschen Länder und eben das kaiserliche Österreich.

Nahe der Festung Königgrätz hatte damals der Generalstabschef Helmuth von Moltke einen gewaltigen Aufmarsch der von ihm befehligten preußischen Kräfte organisiert. Preußen siegte am Ende auch, weil sich Moltke der Segnungen der industriellen Revolution geschickt zu bedienen verstand.

Ludwig von Benedek, der österreichische Oberbefehlshaber, der mit der Geografie Italiens besser vertraut war als mit jener Nordböhmens, trat mit dem geschlagenen Heer den geordneten Rückzug an. Noch lehnte Preußen am darauffolgenden Tag das von Österreich überbrachte Waffenstillstandsgesuch ab, doch bald obsiegte höhere Einsicht. Bismarcks Devise, dass, wer gesiegt habe, sich mäßigen solle, ersparte eine vernichtende Niederlage: Sie war bestimmend für den Vorfrieden von Nikolsburg am 26. Juli und den endgültigen Friedensschluss in Prag am 23. August 1866.

Golo Mann sprach mit Blick auf Königgrätz einmal von der ersten deutschen Teilung. Ihr Ergebnis hat freilich beider Geschichten, Habsburgs wie Preußens, danach in eine andere Richtung gelenkt, als sie damals den Kriegführenden vor Augen stand. Mit dem kurzen Duell von 1866 war die Entscheidung zwischen großdeutsch und kleindeutsch gefallen. In einem einzigen Gefecht war entschieden worden, ob Deutschland künftig von Berlin oder von Wien aus regiert werden würde. Der Deutsche Bund verschwand von der Bildfläche, das 1806 aufgelöste Heilige Römische Reich wurde endgültig in die Tiefen der Geschichte versenkt.

Die Verfassung des aus dem Krieg hervorgegangenen Norddeutschen Bundes von 1867 glich in wesentlichen Zügen der Reichsverfassung von 1871 mitsamt ihren konstitutionellen Schwächen. Auf dem nordböhmischen Schlachtfeld war die europäische Ordnung, die 1815 am Wiener Kongress festgelegt worden war, zerbrochen. Bismarck konnte sich an seinem Sieg nicht recht freuen, seine Albträume kehrten wieder. Schon im Frühjahr 1866 hatte er prophezeit: Ist Preußens Macht erst einmal gebrochen, so werde Deutschland schwerlich dem Schicksal Preußens entgehen.

Österreichs Verhältnis zum Deutschen Reich aber befand sich seit Königgrätz in einem unauflösbaren Zwiespalt, der sich mit dem Begriff des Dualismus auf einen einfachen Nenner bringen lässt, aber doch eine höchst komplizierte Konstellation beschreibt. Kaiser Franz Joseph musste sich wohl oder übel mit dem neuen Zustand abfinden. Der Staat, der ihm eigentlich vorschwebte, war ein zentralistischer, geeinter Staat. Innenpolitisch aber war die im Ausgleich mit Ungarn festgehaltene Stellung der Magyaren – auch dies eine Konsequenz der vernichtenden Niederlage – nun so stark, dass jede Veränderung unterbleiben musste, und außenpolitisch legte die Rücksicht auf Ungarn die Monarchie auf einen antirussischen Kurs fest, der verhängnisvolle Konsequenzen haben sollte.

Manch einer ging in seinem Urteil so weit, zu behaupten, in Königgrätz sei das Todesurteil für die Habsburgermonarchie gefällt worden. Die künftige Ausrichtung des Donaustaates nach Südosten, wie sie auf den Ausgleich mit Ungarn von 1867 zurückgeht, war ohne Zweifel auch eine Abkehr von Zentraleuropa. Der Zweibund, den Bismarck 1879 mit Österreich schloss, konnte darüber nicht hinwegtäuschen. Eher verstärkte er die Probleme an der Peripherie und ließ sie zurückstrahlen ins Zentrum. Damit war zugleich das Grunddilemma des Verhältnisses des Habsburgerreiches zum Deutschen Reich berührt. Einerseits war die Donaumonarchie damals aus dem Zentrum vertrieben. Anderseits war das Deutsche Reich aber qua Vertrag an die Doppelmonarchie gebunden. Die Widersprüche eines immer komplizierter werdenden europäischen Staatensystems, das sich ins Globale ausweitete und bald darauf zerbrechen sollte, fanden im deutschen Dilemma, das immer auch ein österreichisches war, ihren Nukleus. Deshalb ist die Geschichte des preußisch-österreichischen Dualismus gar nicht losgelöst von der europäischen Geschichte zu betrachten.