Am Morgen des regnerischen 3. Juli 1866 stapfte ein untersetzter Mann keuchend die steilen Treppen des Weißen Turms von Königgrätz hoch. 226 Stufen musste William Howard Russel, Kriegsberichterstatter der Times of London, überwinden, bis er in gut 60 Meter Höhe bei der Aussichtsplattform des gotischen Wahrzeichens der Festungsstadt angelangt war. Der Reporter zückte sein Fernglas und ließ seinen Blick über die hügelige Landschaft, die sich nordwestlich des Elbufers ausbreitete, schweifen. "Kein Panorama", schrieb er später "könnte einen Begriff von jener Szenerie vermitteln, in der eine halbe Million Mann über das Gelände hinwegwogt wie die Meeresbrandung oder eine Wolke im Wind." An diesem Tag, das war dem erfahrenen Journalisten aus England klar, würde das Ringen zwischen Preußen und Österreich um die Vormachtstellung in Deutschland entschieden werden – ein Ereignis, das für ganz Europa unabsehbare Folgen haben würde. Das Schicksal zweier Großmächte stand inmitten der nordböhmischen Hügel auf dem Spiel.

Der österreichische Feldzeugmeister Ludwig August von Benedek, Oberkommandierender der Nordarmee des Habsburgerreiches, hatte seine gesamten Truppen, insgesamt 215.000 Mann mit 650 Kanonen, im Halbrund auf eine Front von über zehn Kilometer Länge aufmarschieren lassen. Noch zwölf Stunden zuvor hatte niemand damit gerechnet, dass die Armeen der Österreicher und Preußen an diesem Tag aufeinanderprallen würden. Die Schlachtordnung hatte General Gideon Krismanic, der Chef der Operationsabteilung, der eigentlich seines Postens bereits enthoben war, eilig in der Nacht am Kartentisch entworfen, als die preußische Avantgarde überraschend zu dem späteren Schlachtfeld vorgedrungen war. Bei Tageslicht besehen, stellte sich die defensive Aufstellung als äußerst ungünstig heraus. Die Hauptmacht und die Reserven waren im Zentrum massiert, die Flanken ungenügend abgesichert und luden zu Umfassungsoperationen ein. Ein ersichtlicher Operationsplan existierte nicht, und die Korpskommandanten hatten keine Ahnung, welcher Taktik das Oberkommando folgen wollte. "Aus der gesamten Kriegsgeschichte", urteilt heute der deutsche Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm in seiner Monografie 1866 – Bismarcks Krieg gegen die Habsburger, "ist keine vergleichbar unglückliche Schlachtordnung bekannt."

Auf seinem Aussichtsturm beobachtete nun der englischen Reporter wie eine der größten Schlachten des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Kurz nach sieben Uhr drang das Grollen der Kanonen durch den Morgennebel. "Es war", schrieb er, ein "nasskalter und freudloser Morgen, es schien, als hätte man einen trüben englischen Novembertag mitten in den Sommer verlegt." Die Soldaten hatten in der Nacht unter freiem Himmel im Regen auf den durchnässten Feldern biwakiert, sie waren von den verlustreichen Rückzugsgefechten der vergangenen Woche entkräftet und entmutigt, viele erfahrene Offiziere waren bereits gefallen. Dennoch jubelten Infantristen, Kanoniere und Kavalleristen dem kaiserlichen Feldzeugmeister zu, als er mit seinem Stab die Reihen der Regimenter entlangritt. Es war ihr letztes Hurra.

Der "deutsche Bruderkrieg" in Nordböhmen hat für die Österreicher von allem Anfang an unter einem unglücklichen Stern gestanden. Entschlossen hatte der preußische Reichskanzler Otto von Bismarck die auch im eigenen Land umstrittene Auseinandersetzung mit den Habsburgern vom Zaun gebrochen (siehe auch das Bismarck-Porträt Habsburgs Nemesis auf Seite 30) und die Donaumonarchie in einen Zweifrontenkrieg manövriert. Zugleich mit den Preußen griffen auch die Piemonteser in Oberitalien an. Als Beute winkte ihnen Venetien.

Den Österreichern erschien das neue Zündnadelgewehr nicht verlässlich genug

Zu diesem Zeitpunkt galt das österreichische Kaiserreich noch als bedeutende Hegemonialmacht, seine Armee, vor allem Artillerie und Reiterei, flößten den übrigen Mächten auf dem Kontinent durchaus Respekt ein. Im Vergleich dazu galt die preußische Streitmacht als unerfahren und nach einer Heeresreform noch mitten im Umbruch begriffen. Kaum ein Militärexperte traute ihnen zu, die Soldaten des Wiener Kaisers in die Knie zwingen zu können.