Zeitgenossen fühlten sich an Waterloo erinnert: Als sich am 3. Juli 1866 der Pulverdampf nahe dem nordböhmischen Königgrätz, dem heutigen Hradec Králové, legt, ist nicht nur eine blutige Schlacht geschlagen; fast 8.000 Tote und 14.000 Verletzte blieben zurück. Der deutsch-deutsche Krieg hat mit der verheerenden Niederlage Österreichs gegen die preußische Armee auch politisch Weichen gestellt.

Königgrätz war ein weltgeschichtlicher Einschnitt. Umso erstaunlicher ist es, dass er in Deutschland weitgehend vergessen ist. Die preußischen Sieger schrieben in der Folge ihre eigene, kleindeutsche Geschichte. Mit ihr geriet aus dem Bewusstsein, dass Österreich vor 1866 ganz selbstverständlich zu Deutschland zählte und die Habsburger, die über Jahrhunderte die deutschen Kaiser gestellt hatten, seine zumindest historisch legitime Führungsmacht waren. In Österreich ist die Erinnerung daran noch wach und Königgrätz bis heute traumatisch aufgeladen.

Der vor 150 Jahren geführte Krieg verdient unsere Aufmerksamkeit auch aus einem anderen, aktuellen Grund. Denn während Schlachtenverlauf, Bündnisse und militärgeschichtliche Aspekte, etwa die kriegsentscheidende Wirkung des preußischen Zündnadelgewehrs, oft erörtert wurden, ist kaum bekannt, welch extreme Rhetorik den Krieg begleitete. Beide Seiten griffen auf religiöse Gefühle zurück, die als Mittel der Kriegspropaganda ausgeschlachtet wurden.

Die Zeitgenossen hatten hellsichtig die epochale Bedeutung der Schlacht von Königgrätz erkannt. "Casca il mondo!", die Welt stürzt ein, soll der römische Kardinalstaatssekretär Giacomo Antonelli ausgerufen haben, als er von ihrem Ausgang erfuhr. Die in München erscheinenden Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland konkretisierten: "Das Neue hat definitiv gesiegt über das Alte; das besiegte Alte aber datirt nicht erst von 1815 herwärts, sondern bis auf Karl den Großen zurück. Die Reichs-Idee ist gefallen und begraben; und wird das deutsche Volk je wieder in einem Reiche vereinigt werden, so wird es ein Reich seyn, das nicht eine tausendjährige, sondern nur eine dreihundertjährige Geschichte hinter sich hat." Das war klug beobachtet, auch wenn erst Jahrzehnte später ein österreichischer Gefreiter die exhumierte Reichsidee endgültig in den Orkus der Geschichte beförderte, als er die Entscheidung von 1866 revidierte, seine Heimat "heim ins Reich" holte und skrupellos ein neues tausendjähriges Reich anstrebte – das nach nur zwölf Jahren in einer beispiellosen Katastrophe unterging.

Die Ursache für den Krieg von 1866, der drei Wochen nach der entscheidenden Schlacht von Königgrätz endete, bildete der schwelende Wettstreit Preußens mit Österreich um die Führungsrolle im Deutschen Bund. In dem waren seit der politischen Neuordnung durch den Wiener Kongress 1815 die deutschen Einzelstaaten zusammengeschlossen. Der Zwang zu einer gewaltsamen Entscheidung, den Otto von Bismarck im jahrzehntealten preußisch-österreichischen Dualismus angelegt sah, machte einen "gründlichen inneren Krieg" aus seiner Sicht alternativlos. Später bekannte der Generalstabschef Helmuth von Moltke: "Es war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf, nicht um Ländererwerb, Gebietserweiterung oder materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machterweiterung."

Als Anlass diente Bismarck ein Konflikt um die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein. Ihretwegen hatten Preußen und Österreich 1864 noch vereint einen Feldzug gegen Dänemark geführt. Doch der Sieg war schnell in die Konfrontation der beiden konkurrierenden Großmächte im Deutschen Bund gemündet.

Im Zentrum des neuerlichen Streits stand das Wiener Vorgehen bei der Verwaltung Holsteins, das seit der Gasteiner Konvention von 1865 Österreich unterstand, während Preußen Schleswig erhalten hatte.

Am 9. Juni ließ Bismarck seine Truppen in Holstein einmarschieren. Fünf Tage darauf beschloss der Bundestag die Mobilmachung des Bundesheeres, in das alle Mitgliedsstaaten Truppen entsandten. Preußen reagierte wiederum mit dem Austritt aus dem Deutschen Bund und erklärte ihn für aufgelöst – die Entscheidung wurde fortan auf dem Schlachtfeld gesucht.

Damit endete ein lang gewahrter "bewaffneter Frieden", eine Art Kalter Krieg avant la lettre. Dieser Begriff beschrieb die auf einem prekären Mächtegleichgewicht beruhende Friedenszeit in Europa und war zugleich ein Bild für das gewaltgestützte Bewahren der alten Herrschaftsverhältnisse innerhalb des Deutschen Bundes gegenüber aufbegehrenden Partizipationsansprüchen aus der Gesellschaft.

Dem "bewaffneten Frieden" folgte der "Prinzipienkrieg". Während Zeitgenossen damit ihre Kriegsvorstellungen zusammenfassten, stützt der Begriff aus heutiger Sicht die Einschätzung, das 19. Jahrhundert sei ein "Zeitalter der Ideologien" gewesen.

"Kreuzzug gegen die protestantischen Ketzer in Deutschland"

Der Meinungs- und Deutungsstreit – zunächst über den imaginierten, dann über den beendeten Krieg – wurde wesentlich auf den Schlachtfeldern geschlagener Kriege ausgetragen. Wer die Folgen eines innerdeutschen Krieges mit einem historischen Beispiel belegen wollte, berief sich auf das Bild vom Dreißigjährigen Krieg als einer "Art Armageddon der deutschen Geschichte", wie der Historiker Nikolaus Buschmann sagt. Das war keine Laune der Kriegspropaganda 1866. Die Kontrahenten knüpften vielmehr an Deutungsmuster an, die seit den Befreiungskriegen zu Beginn des Jahrhunderts besonders in Krisenzeiten präsent waren.

In der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg als deutsches Urtrauma pflegten Eliten der Nationalbewegung eine Art Tragikstolz: Nationale Minderwertigkeitsgefühle, ausgelöst durch die partikulare Zersplitterung und Schwäche des Deutschen Bundes, und Einkreisungsängste gegenüber dem Ausland mischten sich mit einer spezifisch deutschen Hybris – dem aus einem verklärten Bild des mittelalterlichen Reiches abgeleiteten Sendungsbewusstsein. Hier zeigt sich, wie nachhaltig sich die Erfahrungen extremer Gewalt und nicht verarbeiteter Schuld auf die politische Kultur in der nationalen Findungsphase auswirkten. Das offenbart insbesondere die konfessionelle Intonation der Kriegsauslegung.

"Vielfache Anzeichen deuten darauf hin, daß ein Religionskrieg im Anzuge ist, vielleicht ebenso blutig als vor zweihundert Jahren der dreißigjährige es war", warnte Ende Mai 1866 ein anonymer Autor der konservativen preußischen Kreuzzeitung. Er zielte auf das Schreckensbild eines Bürgerkrieges, der zugleich als fanatisch und leidenschaftlich geführter Kampf unter christlichen Glaubensbrüdern imaginiert wurde. Zwar riefen nur sehr wenige Stimmen offen dazu auf. Aber umso engagierter suchte man wechselseitig den Gegner durch den Vorwurf zu diffamieren, mit dem Appell an die Konfession den Religionskrieg erst zu provozieren. Protestanten und Katholiken erlagen dieser Versuchung gleichermaßen und griffen tief in die Asservatenkammer der konfessionellen Polemik.

In Preußen wurde von der "neuen Österreichischen Liga" fabuliert und den "Römlingen in Österreich" unterstellt, sie strebten einen "heiligen Krieg", einen "Kreuzzug gegen die protestantischen Ketzer in Deutschland" an. In Süddeutschland wiederum machte eine Kriegsspielfigur mit Pickelhaube Furore, deren Inschrift das Kinderlied Maikäfer flieg aus der Zeit der Glaubenskämpfe aktualisierte: "Leise, Kindlein, leise! / Sonst kommt der böse Preuße / Der Bismarck kommt dahinter / Und frisst die großen Kinder". In unzähligen Artikeln beider Seiten trieben die Feldherren des Dreißigjährigen Krieges Gustav Adolf, Wallenstein und Tilly als historische Wiedergänger ihr Unwesen.

Der Versuch, religiöse Gefühle politisch auszubeuten und die Kriegsführung zu fanatisieren, blieb 1866 – auch wenn vereinzelt über Kirchenschändungen und Gewalt gegen katholische Priester berichtet wurde – ein Phänomen der Propaganda. Religion war längst, wie Heinrich August Winkler betont, zur Ideologie geworden, so wie sie auch heute oftmals ein Vehikel zur Durchsetzung machtpolitischer Ansprüche ist und vielfach bloß dazu dient, weltliche Interessen oder soziale und kulturelle Verwerfungen zu kaschieren.

Als wirkmächtig erwiesen sich in der angespannten Vorkriegsstimmung Berichte über den amerikanischen Sezessionskrieg, der von 1861 bis 1865 währte. Als Bürgerkrieg wie als Vorbote des modernen industrialisierten Krieges konnte er Ängste schüren. Im Deutschen Bund gehörte die Warnung vor dem "Bruderkrieg" insbesondere zum Arsenal großdeutsch-österreichischer Deutungseliten, die sich in Zeitungen, Zeitschriften, Flugschriften und Büchern ihren Gegnern entgegenstemmten.

Anhänger der preußischen Konfrontationspolitik stellte das Bild vom "Brudermord" vor eine ernste Herausforderung. Wohl als Reaktion darauf fantasierten sie mit Blick auf den habsburgischen Vielvölkerstaat von einem drohenden "Rassekrieg". Dadurch forderten sie die Neutralität der süddeutschen Mittelstaaten ein, deren Koalition mit Habsburg den Waffengang erst zum Bruderkrieg machen würde. Die damit einhergehende Radikalisierung der verbalen Kriegsführung, bei der entmenschlichte Feindbilder an bürgerlichen Ordnungs- und Besitzängsten rüttelten, nahm man billigend in Kauf.

Wer in der öffentlichen Debatte hingegen den Duellcharakter in der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich unterstrich, zielte auf dynastische Loyalitäten und partikularstaatliche Bindungen. Nach Kriegsende wurde vom "Siebenwöchigen Krieg" oder auch vom "Seven Weeks’ War" gesprochen. In der Assoziation des auf wundersame Weise gewonnenen Siebenjährigen Krieges Friedrichs des Großen spiegelt sich die allgemeine Überraschung über den Sieg Preußens gegen das vermeintlich überlegene Österreich, auf dessen Seite immerhin die Mehrzahl der Bundesstaaten gekämpft hatte. "Du hast’s erreicht. In dreißig Tagen / Hast Du den dreißigjährigen Krieg / und dreißig Herrn aufs Haupt geschlagen", fasste entsprechend ein dem preußischen König gewidmetes Gedicht die partikularstaatlichen Konsequenzen des Kriegsausgangs in pathetische Verse.

Im Moment des preußischen Sieges brachen im liberal- und nationalprotestantischen Lager alle Dämme der konfessionspolitischen Zurückhaltung. "In der Schlacht bei Königgrätz hat endlich der dreißigjährige Krieg seinen Abschluß gefunden: der nationale Gedanke und der Protestantismus haben gesiegt", jubelte in Berlin die Protestantische Kirchenzeitung für das evangelische Deutschland. Unter Preußens Führung könne sich die nunmehr selbstständige deutsche Nation durchweg nach protestantischen Grundsätzen gestalten.

Frieden mit Österreich, Krieg mit Frankreich

Diese kulturkämpferische Deutung des Krieges war für das kulturprotestantische Lager im Ganzen typisch. Zwar stand sie im Kontrast zur Bedeutung der "unbeseelten" Kriegstechnik, die für den Ausgang des Krieges verantwortlich gemacht wurde. Doch selbst das Zündnadelgewehr wusste man mit der grotesken Überhöhung seines Erfinders Johann Nikolaus von Dreyse zum "Luther der Waffentechnik" konfessionell zu deuten.

Im militärischen Dreisprung zur kleindeutschen Einheit unter preußischer Führung – 1864, 1866, 1870/71 – nimmt der innerdeutsche Krieg eine Sonderstellung ein. Hans-Ulrich Wehler hat zu Recht seine komplexe Natur betont. Er sei ebenso ein konventioneller Staatenkrieg um die Vorherrschaft wie ein nationaler Integrationskrieg und im Ergebnis ein Bürgerkrieg gewesen. Im militärischen Sinn waren die Schlachten der Höhepunkt der Kabinettskriegsführung im industriellen Zeitalter.

Den Rubikon zur Totalisierung des Kriegs überschritt die militärische Führung noch nicht, wie der Historiker Stig Förster sagt. In der öffentlichen Debatte hatten Teile der politischen Öffentlichkeit den entscheidenden Schritt allerdings bereits getan. Hier wurde die Auseinandersetzung zum Kampf um Sein oder Nichtsein der Nation stilisiert und in unversöhnlicher Härte zum "Vernichtungskampf" aufgerufen.

Der Kriegsausgang hinterließ tiefe Spuren im politischen Bewusstsein und zog Parteigrenzen neu. Manche von Bismarcks schärfsten konservativen und liberalen Kritikern ergaben sich der Realität, andere sahen ihren Kriegsfatalismus oder ihre kriegstreiberische Haltung vom Frühsommer in der Entscheidung von Königgrätz nachträglich sanktioniert.

Einige Zeitgenossen erkannten im Sieg Preußens und in der anschließenden Annexion von Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und der Freien Stadt Frankfurt eine nationale Umwälzung. "Die 1848 und 1849 von unten nicht durchgeführte Revolution ist 1866 von oben fortgeführt worden", lautete das überraschend positive Fazit der liberalen Augsburger Allgemeinen Zeitung, deren großdeutsches Ideal in Königgrätz zerschlagen worden war. Finis Germaniae riefen diejenigen, die sich der legitimierenden Interpretation der preußischen Annexionspolitik als nationaler "Revolution von oben" nicht unterwerfen wollten.

In einer Einschätzung trafen sich alle Seiten: Der Ausgang der Schlacht von Königgrätz hatte das deutsche Schicksal nur halb entschieden – innerdeutsch. Dass sich der "bewaffnete Frieden" Europas erst im einigenden Nationalkrieg gegen Frankreich wirklich beenden lasse, wurde zum Allgemeinplatz der Nachkriegsdebatte. Der Frieden mit Österreich trug, wie die Zeitgenossen ahnten und später Marx und Engels betonten, den Krieg mit Frankreich bereits in seinem Schoß.

Als dieser Krieg fünf Jahre später geschlagen war, kommentierte Jacob Burckhardt das Ergebnis ironisch mit den Worten, von nun an werde "die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientirt".

Er sollte recht behalten. Der Sieg über den vermeintlichen Erbfeind, mit dem sich im Spiegelsaal von Versailles der Traum vom deutschen Nationalstaat in seiner kleindeutschen Version erfüllte, ließ den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und den innerdeutschen Krieg von 1866 als Zielgerade einer nationalpolitischen "Einbahnstraße" (Dieter Langewiesche) erscheinen. Auf ihr lief die deutsche Geschichte zwangsläufig auf das Kaiserreich unter preußischer Führung zu – eine Interpretation, der über Generationen hinweg nachhaltig Erfolg beschieden war.

Vermutlich wird das 150-jährige Jubiläum des Deutsch-Französischen Kriegs in fünf Jahren eine große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Dem deutsch-deutschen Krieg ist das in diesem Jahr nicht beschieden. Was man bedauern muss, zumal Hans-Ulrich Wehler zufolge der historische Einschnitt des Kriegs von 1866 tiefer reichte als der des Deutsch-Französischen Krieges. Mit dem wurde die innerdeutsche Weichenstellung nur noch einmal besiegelt.

Dass sich das ansonsten so gedenkaffine Deutschland für den 150. Jahrestag von Königgrätz kaum interessiert, ist auch deshalb schade, weil wesentliche Aspekte des Kriegs von 1866 bemerkenswert aktuell sind. Das trifft vor allem für die erstaunliche religiöse Überfrachtung der Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich zu. Diesem Befund sollten wir uns gerade in heutiger Zeit stellen, da wir nicht selten mit einer Attitüde kultureller Überlegenheit auf andere Religionen und Weltregionen schauen.

Von Hilmar Sack erschien 2008 beim Berliner Verlag Duncker & Humblot das Buch "Der Krieg in den Köpfen. Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg in der deutschen Krisenerfahrung zwischen Julirevolution und deutschem Krieg"