Das Postulat war zwar unvereinbar mit dem Gesetz und lag (wie der Rechtsanwalt Schröder sehr genau wusste) völlig neben der Realität, sicherte ihm aber den Beifall der Massen. Der frühere Kanzler blieb mit dieser Entgleisung nicht allein. Viele Politiker folgten seinem Beispiel und tun es bis heute. Die Zahl der Sexualdelikte sinkt in Deutschland kontinuierlich, trotzdem führt das Zusammenspiel populistischer Politiker und aufgeregter Journalisten dazu, dass das Sexualstrafrecht in den vergangenen 20 Jahren wieder und wieder modifiziert wurde – immer zuungunsten des Beschuldigten. Die pausenlos vorangetriebene Verschärfung der Sicherungsverwahrung (vor allem für Sexualtäter) führte 2009 sogar dazu, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eingriff und die deutschen Regelungen zur Sicherungsverwahrung kippte. Deutschland musste von Europa auf den Weg des humanen Strafrechts zurückgezwungen werden. Auch jetzt soll die mit großer Leidenschaft vorangepeitschte Verschärfungsreform wieder bloß ein "erster Schritt" sein.

Drehen die Staatsanwälte den Spieß aber einmal um und verfolgen Menschen, die sich mutmaßlich zu Unrecht als Verbrechensopfer darstellen, müssen sie dafür sehr gute Gründe haben. 2015 fanden bei über sechs Millionen registrierten Straftaten bloß 519 Ermittlungen wegen "Vortäuschens einer Straftat" statt, und die "falsche Verdächtigung" machte gerade 0,3 Prozent der polizeilichen Ermittlungsfälle aus. Nicht einmal gegen jene Frau, die Jörg Kachelmann 2010 beschuldigte, gingen die Ermittler nach dessen Freispruch vor. Dabei hatte sie vor Gericht nachweislich mehrmals gelogen und sogar belastende Indizien selbst gebastelt. Dahinter steckt die Sorge der Behörden, potenzielle Anzeigeerstatter(innen) abzuschrecken. In Kampagnen wird das Volk aufgerufen, der Polizei möglichst viele Straftaten zu melden. Da überlegen es sich die Strafverfolger sehr gut, ob sie Anzeigeerstatter später selbst in Bedrängnis bringen wollen.

Nun geht die öffentliche Empörung auf jene Richterin nieder, die den Strafbefehl gegen Gina-Lisa Lohfink erlassen hat, und auf jene Berliner Staatsanwältin, die Lohfink zur Rechenschaft ziehen will. Lohfink hat nicht das Patriarchat gegen sich, sondern zwei nüchterne Juristinnen, die nicht zulassen wollen, dass der Verhandlungssaal zum Tollhaus wird. Bundesjustizminister Heiko Maas hat ein mahnendes Wort zum Schutz dieser beiden dem Gesetz verpflichteten Frauen vermieden, lieber stellte er – der den "Nein heißt nein"-Reformen zunächst sehr zurückhaltend gegenübergestanden hatte – sich jetzt dahin, wo alle stehen, die nicht in die Kritik geraten wollen: "Die Verschärfung des Sexualstrafrechts darf nicht länger blockiert werden."

"Nein heißt nein" – ein Schlagwort, das die Frauen schützen soll und doch vielleicht demnächst besonders rigorosen Männern entgegenkommen könnte. In Berlin zeigte der Imam Kerim Ucar eine Lehrerin der Platanus-Schule an, weil diese ihn dazu zwingen wollte, ihr die Hand zu reichen. Der Imam war zu einem Elterngespräch über seinen Sohn in der Schule erschienen, dort weigerte sich der strenggläubige Muslim, der weiblichen Lehrkraft die Hand zu geben. Viermal soll die Lehrerin den Mann vergeblich aufgefordert haben, ihre Hand zu nehmen, dann brach sie das Gespräch ab. Der Imam soll sich in seiner Anzeige auf "Beleidigung" und "Verletzung der Religionswürde" berufen haben. Nach der neuen Sexualstrafrechtsreform käme womöglich eine Anzeige wegen des Straftatbestandes der "Nötigung" infrage, wenn der Imam – und auf seine subjektive Sicht als Opfer kommt es künftig an – sich von der Lehrerin sexuell belästigt fühlt: Immerhin wollte sie, die er aufgrund ihres Geschlechtes nicht anfassen mochte, seine Berührung erzwingen. Eine Illustration für die Absurdität der "Nein heißt nein"-Reform.

Auch andere Fallkonstellationen sind denkbar, in denen das "Nein heißt nein" den Frauen keine Vorteile bringen, sondern Probleme bereiten könnte. Der Vorsitzende des 1. Strafsenats des Bundesgerichtshofs, Rolf Raum, stellte kürzlich in einer Tagung Überlegungen an, was strafrechtlich auf eine zärtlichkeitsbedürftige Frau zukommen könnte, die ihren Mann durch sexuelle Avancen etwa beharrlich beim Fußballgucken stört. Fasse sie ihm dabei zum Beispiel gegen seinen erkennbaren Willen – und sein "Nein" überhörend – in den Schritt, könnte dies (nach Paragraf 177 Abs. 1: Sexueller Übergriff) künftig zu einer empfindlichen Strafe führen.