Stefan Aust zu treffen heißt, einem Mann zu begegnen, der sich zumindest äußerlich kaum verändert hat, nur die Mähne ist weg: runde Brille, ein Button-down-Hemd, Marke Brooks Brothers, Farbe Hellblau, dazu Jeans. Aust empfängt in seinem Büro, er ist dieser Tage Chefredakteur der "Welt" beim Berliner Springer-Verlag. Wenn er am Schreibtisch sitzt, schaut er auf ebenjene Straße, auf der er 1968 mit der außerparlamentarischen Opposition gegen Springer demonstrierte. Damals war Aust Redakteur beim linken Kultmagazin "Konkret" und dort Kollege der späteren Terroristin Ulrike Meinhof, Jahre später baute er Spiegel TV auf und war Chefredakteur des "Spiegels" – bis ihn die Belegschaft rauswarf. Auch war er mal Berater der ZEIT. Am Tag des Interviews ist Aust gut gelaunt. Der Grund sind ein paar Blätter in seiner Hand, auf seinem Schreibtisch liegt der dazugehörige Stapel, drei Zentimeter hoch. Sein neues Buch.

DIE ZEIT: Herr Aust, worüber haben Sie geschrieben?

Stefan Aust: Es ist ein Buch über Konrad Heiden, einen deutschen Journalisten, der 1935 die allererste Biografie über Adolf Hitler veröffentlicht hat. Eine Originalausgabe habe ich zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen und vergessen, aber irgendwann entdeckte ich sie wieder – und habe die Nacht durch nicht mehr aufgehört zu lesen. Wer ist das eigentlich?, habe ich mich gefragt. Und aus dieser Frage ist das Buch entstanden. Einen Film wird es wohl auch geben.

ZEIT: Warum sind Sie von Heiden so fasziniert?

Aust: Weil er die furchtbare Entwicklung vorausgesehen hat, die totale Diktatur, die Ermordung der Juden, selbst auf welche Weise dieses geschehen würde. Wenn man seine Beobachtungen liest, fragt man sich: Warum haben andere das nicht auch gesehen? Heiden beobachtete den Aufstieg Hitlers in den zwanziger Jahren aus nächster Nähe, hat ihn auch gelegentlich im kleinen Kreis beobachten können und registrierte, die "beseelten Gesichter des Publikums", wie er schrieb. Aber er selbst hielt immer eine kritische und neugierige Distanz.

ZEIT: Konrad Heiden kennt heute niemand mehr.

Aust: Obwohl sich wahrscheinlich alle großen Hitler-Biografen bei ihm bedient haben. Heiden konnte übrigens während des Krieges noch nach Amerika fliehen.

ZEIT: Eine Woche vor Ihrem Geburtstag müssen Sie häufig Bilanz ziehen, weil Journalisten von Ihnen wissen wollen: Wie waren die vergangenen Jahre? Also, wie waren sie?

Aust: Auch nicht viel anders als die Zeit vorher, nur dass ich vielleicht mehr schreibe. Irgendjemand hat neulich gesagt, dass ich – seit ich bei der Welt bin – mehr geschrieben hätte als in 13 Jahren beim Spiegel. Das ist noch untertrieben. Ich habe allein in diesem Jahr mehr geschrieben als in 13 Jahren beim Spiegel. Wahrscheinlich brauchte ich so lange, um zu lernen, wie das geht.

ZEIT: Wie fühlt es sich an, mehr zu schreiben?

Aust: Sehr gut. So ähnlich wie früher bei Spiegel TV, da habe ich ja die Moderationen und eine ganze Menge Manuskripte für die Magazinbeiträge geschrieben, jahrelang, das übt. Manchmal habe ich später Texte mit "Guten Abend meine Damen und Herren ..." begonnen, dann fiel der erste Satz leichter. Nachher habe ich die Anrede wieder gelöscht.

ZEIT: Was hat Sie daran gereizt, mit Ende 60 die Welt zu leiten?

Aust: Ich war ja an dem Fernsehsender N24 beteiligt, den wir vor drei Jahren an Springer verkauft haben. Mathias Döpfner fragte mich damals, ob ich als Herausgeber von WeltN24 dabeibleiben wolle. Das hat mich schon sehr interessiert, weil ich immer der Ansicht war, dass Print, Online und Fernsehen zusammengehören.

ZEIT: Schön, so viel Selbstvertrauen. Wann genau hatten Sie die Vision?

Aust: Vor fast 20 Jahren, bei Spiegel TV und dem Spiegel. Das Internet gab es schon, spielte aber journalistisch kaum eine Rolle. Mir war klar, dass sich Journalismus in Zukunft vor allem elektronisch abspielen würde. Ich habe hart dafür gekämpft, neben Spiegel Online auch in einen Fernsehsender zu investieren. Damals entstand XXP. Aber dann hat der Verlag den Sender verkauft.

ZEIT: Es ging um einen zweistelligen Millionenbetrag, von dem ein großer Teil an die Gesellschafter ausgeschüttet worden ist. Haben Sie sich damals Ihren ersten Porsche gekauft?

Aust: Das habe ja nicht ich bekommen. Es ist zum Teil in der Firma geblieben, zum großen Teil aber an die Gesellschafter, die Mitarbeiter KG sowie Gruner + Jahr und die Augstein-Erben ausgeschüttet worden. Und im Übrigen: Meinen ersten Porsche habe ich schon etwa 20 Jahre vorher gekauft. Unter anderem hat sich ja der Baader-Meinhof-Komplex gut verkauft, war zwei Jahre lang auf der Bestsellerliste. Leider nie auf Platz eins, da stand damals Günter Wallraff mit dem Buch Ganz unten. Ich habe insgesamt ungefähr 200.000 Hardcover verkauft und später eine ganze Menge Taschenbücher.