Vor 50 Jahren brach in Deutschland die Studentenrevolte los. Ein Gespräch über die Ereignisse im Juni 1966 mit dem damaligen Berliner Asta-Vorsitzenden Knut Nevermann.

DIE ZEIT: Herr Nevermann, wollen Sie die Geschichte der Studentenbewegung neu schreiben? Bislang gilt 1968 als das Schlüsseljahr der Revolte.

Knut Nevermann: Ich will einfach mit ein paar Mythen um "68" aufräumen. 1968 fand der studentische und außerparlamentarische Protest sicher seinen Höhepunkt – aber auch sein Ende. Den eigentlichen Aufbruch markiert das Jahr 1966. Erstmals in der deutschen Geschichte zeigte sich in Berlin ein relevanter Teil der akademischen Jugend aufmüpfig, rebellisch, links.

ZEIT: Sie waren dabei. Was geschah damals?

Nevermann: Rund 3.000 Studenten setzen sich, das ist genau 50 Jahre her, in die Vorhalle des Henry-Ford-Baus der Freien Universität Berlin. Dort diskutieren sie neun Stunden lang über studentische Interessen, über den Protest gegen den Rektor, der ihnen die Nutzung von Räumen verboten hat, und über die "Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche", wie es in der Abschlusserklärung heißt. Professoren und Assistenten diskutieren mit, sogar der Rektor erscheint für ein kurzes Statement. Es herrscht Hochspannung, die zu nicht enden wollendem Argumentieren führt.

ZEIT: Ein Aufstand sieht aber anders aus.

Nevermann: Nein, genau so sah eben der Aufstand aus. Sie müssen sich das vorstellen vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die noch durch die prüde Steifheit der Adenauer-Jahre geprägt ist: Erst mit 21 Jahren werden wir volljährig. Es gilt das rigide Sexualstrafrecht mit dem berühmten Kuppelei-Paragrafen, der es Zimmerwirtinnen verbietet, Pärchen die gemeinsame Übernachtung zu erlauben. Ohne Trauschein ist es schwer, die Pille zu bekommen. Als Studenten siezen wir uns.

ZEIT: Herr Kommilitone?

Nevermann: Ja: "Herr Kommilitone, könnte ich einmal einen Blick in Ihre Mitschriften von der letzten Vorlesung werfen? Ich war leider verhindert." Der Friseur verpasst uns meist einen kurzen sogenannten Fassonschnitt. Als Studentenvertreter trägt man selbstverständlich Schlips – auch auf Sit-ins und Teach-ins, also den Sitzblockaden und Diskussionsveranstaltungen an der FU.

ZEIT: Wie kam es zu der Protestaktion? Noch 1961 entwarf die Studie Student und Politik, an der auch der Philosoph Jürgen Habermas beteiligt war, das Bild der angepassten Studenten, die kein "Ferment politischer Unruhe" darstellten.

Nevermann: Wesentlich zur Politisierung beigetragen haben Regelverletzungen von Studenten, auf die sich die Berliner Massenmedien – Stichwort Springer-Presse – stürzten, womit sie die Stimmung weiter anheizten. Regelverletzungen gab es aber auch durch die "Obrigkeit", das Rektorat etwa.

ZEIT: Zum Beispiel?

Nevermann: Im Februar 1966 verbietet der FU-Rektor Studenten die Nutzung eines Raumes der Universität für eine Vietnamdiskussion. Nach Protesten darf sie dann stattfinden, doch der Konflikt wirkt mobilisierend und führt anschließend 2500 Studenten zur ersten größeren Vietnamdemonstration. Hier folgt nun eine Regelverletzung vonseiten der Studenten: Die genehmigte Route wird verlassen, man steuert auf das Amerikahaus zu. Studenten werfen mehrere rohe Eier. In Berlin! Auf die Besatzungsmacht! Das Medienecho ist gewaltig. Vietnam als moralisches Thema ist gesetzt, die Studenten sind alarmiert. Der Streit um die Nutzung von Räumen geht weiter. Hinzu kommt, dass die Universitätsleitung Studenten nur noch befristet zulassen will. Wer zu lange studiert, dem droht die Zwangsexmatrikulation. Der Protest der Studenten reißt nicht ab. Mit uns tritt die erste Nachkriegsgeneration in die politische Arena.

ZEIT: Welche Rolle spielten Sie dabei?

Nevermann: Ich war, als 22-Jähriger, gerade zum Asta-Vorsitzenden gewählt worden und stand dem Sozialdemokratischen Hochschulbund nahe. Mitte Juni spitzte sich die Lage zu. Auf der Immatrikulationsfeier hielt ich eine Rede, in der ich die Raumverbote und die geplanten Zwangsexmatrikulationen kritisierte. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber damals war es üblich, dass der Asta-Vorsitzende vorab seine Rede dem Rektor zur Kenntnis gab. Als Zeichen der Missbilligung ziehen die Professoren des Akademischen Senats nicht wie üblich feierlich mit Talar in den Saal, und der Rektor kritisiert meine Rede. Doch sie wird mit viel Beifall seitens der Studenten bedacht. Das ist neu; bis dahin galt der Beifall immer dem Rektor. Vier Tage später folgt das Sit-in im Henry-Ford-Bau.