Stellt eine kleine Gruppe von Schriftstellern auf einem österreichischen Provinzbahnhof in der Junihitze ihre Rollkoffer ab, schultert ihre Reisetaschen, macht sich auf den Weg in Richtung Hotel, in Gedanken schon bei einem mehrtägigen Wettlesen, an dessen Ende vier- bis fünfstellige Euro-Summen als Preisgeld winken – dann sieht man bei diesem Bild Klagenfurt vor sich, die Tage der deutschsprachigen Literatur (TDDL). Nur ist die Stadt, in der ich am 23. Juni mein Gepäck hinter mir herziehe, nicht Klagenfurt, sondern Wiener Neustadt, und ich bin nicht auf dem Weg zum Bachmannpreis, sondern eingeladen zum Wettlesen um den Literaturpreis Wartholz.

Der wurde vor neun Jahren ins Leben gerufen und hat nicht sein zehntes Jubiläum abgewartet, um sich neu zu erfinden. Bisher pilgerten die Geladenen im Frühjahr in die Schlossgärtnerei Wartholz, wo das Wettlesen in der morbiden Atmosphäre der vor sich hin bröckelnden k. u. k. Nostalgie stattfand und von wo man meist grippal infiziert zurückkehrte. 2016 zieht der Bewerb etwas unvermittelt in einer Kooperation mit Wiener Neustadt in die Ausstellungskirche St. Peter an der Sperr um.

Die zwei Tage im angenehm temperierten Innenraum der profanisierten ehemaligen Klosterkirche der Dominikanerinnen zu verbringen klingt verlockend. Bei der Eröffnung zeigt sich das vormals sakrale Gebäude als imposante Kulisse für die Lesebühne. Nach gewissen Unpässlichkeiten der Jury im letzten Jahr stellt der Veranstalter neue Juroren vor, aus allen österreichischen Literaturbetriebsbereichen rekrutiert. Auch die zum Spiel angetretene Autoren-Mannschaft trägt zu drei Vierteln die Farben Österreichs, nur zwei Deutsche und ein Schweizer haben eine Einladung erhalten. Man kennt sich, und wenn nicht, so wird man sich schnell kennenlernen.

Moderatorin Mari Lang nimmt schon zu Beginn Bezug auf die große Wettbewerbsschwester in Klagenfurt: Auch hier, beim Literaturwettbewerb Wartholz, laden die Jurorinnen und Juroren ihre Favoriten ein. Auch hier wird ein bisher nicht publizierter Text öffentlich vor der Jury gelesen. Auch hier wird die Jury live ein Urteil über die Beiträge fällen.

Die TDDL präsentieren sich zu ihrem vierzigsten Geburtstag mit einem stark deutsch besetzten Teilnehmerfeld und lassen sich das drohende Aus vor drei Jahren schon nicht mehr anmerken. Die Idee, den gerade erst gegangenen Ex-Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen die Rede zur Literatur halten zu lassen, zeugt nicht von der Anstrengung zu einer kleinen Auffrischung – und ist nur die Krönung der Selbstbespielung der Bachmann-Bühne, die damit begonnen wurde, frühere Gewinner als Redner einzuladen.

In den Dimensionen unterscheiden sich die beiden Bewerbe signifikant. Die Anzahl der geladenen Autoren liegt in Wartholz bei zwölf, mit einer Gesamtdauer von Lesung und Diskussion pro Teilnehmer von dreißig Minuten. In Klagenfurt gibt es vierzehn Teilnehmer mit einem Zeitbudget von jeweils etwa einer Stunde. In Sachen zu vergebende Auszeichnungen bietet erstere Veranstaltung den Wartholzpreis, den Land-Niederösterreich-Literaturpreis, einen Publikumspreis und einen Newcomer-Preis, zusammen 17.000 Euro. In Klagenfurt gibt es den prestigeträchtigen Bachmannpreis, den Kelag-Preis, den 3sat-Preis und den von der Bank für Kärnten und Steiermark gesponserten Publikumspreis –Preisgelder von insgesamt 49.500 Euro.

Auch die finanzielle Entschädigung der Teilnehmer für ihre Anreise fällt unterschiedlich aus. Während in Klagenfurt der ORF dafür bezahlt, dass man seine Miene im Fernsehen zeigt, während man der Kritik ausgesetzt ist, bekommen alle Teilnehmer in Wartholz ein kleines Taschengeld. Das wird schnell in Getränken angelegt, ist also eine direkte Förderung der Gastronomie Wiener Neustadts.