Zu den großen Missverständnissen, die derzeit über den Brexit kursieren, gehört die Behauptung, im Vereinigten Königreich habe sich mit der Volksbefragung etwas ausgesucht Demokratisches abgespielt. Zwar wird der Austritt mit Pathos beklagt, aber das Verfahren selbst, das zu ihm führte, gilt als ehrwürdig, und man verweist mit großer Genugtuung darauf, dass sich jetzt Millionen für ein neuerliches Brexit-Referendum starkmachen – ebenso wie darauf, dass Schottland eine erneute Volksbefragung zur Unabhängigkeit vorbereitet, um der EU erhalten zu bleiben. Es irritiert nicht einmal, dass besonders vehement die sogenannten Populisten, die Autoritären und Verehrer Putins, der AfD oder des Front National, Volksentscheide als das Allheilmittel gegen die repräsentative Demokratie einfordern.

Es scheint eben ganz aus dem Bewusstsein gerückt, dass der Wunsch nach Plebisziten keineswegs immer Ausdruck einer demokratischen Gesinnung ist. Häufig genug verhielt es sich genau umgekehrt: Volksbefragungen wurden in der Weimarer Republik von radikalen Kräften gezielt gegen die Demokratie in Stellung gebracht. Volksabstimmungen, woran niemand gern erinnert, prägten auch das "Dritte Reich". Das Volk durfte sich, vor allem in außenpolitischen Fragen wie dem Austritt aus dem Völkerbund, durchaus eingebunden fühlen. Nach den Kriterien unseres vulgären Demokratieverständnisses könnte man den NS-Staat als Musterstaat der Volksherrschaft ansehen. Die Gegner der Demokratie waren immer gegen den Parlamentarismus, aber nie zwingend gegen Plebiszite. Sie waren gegen Gewaltenteilung, aber im Einklang mit der Mehrheit des Volkes wollten sie sehr wohl regieren.

David Cameron hat eine Volksbefragung initiiert, um seine Macht gegen die Euroskeptiker in seinen Reihen auszubauen. Man könnte diesen Vorgang als misslungenen Versuch begreifen, mit bonapartistischen Mitteln oppositionelle Kräfte auszuschalten. Mit der im 19. Jahrhundert populären Strategie, über den Machthaber oder die Außenpolitik beständig Referenden abzuhalten, wurde der Grundstein zum Antiparlamentarismus noch unserer Tage gelegt.

Wie wunderbar demokratisch waren doch die Briten, als sie die europäischen Institutionen torpedieren durften! Wie frei, da sie die Arbeit von notorisch unter Filzverdacht stehenden EU-Politikern beschädigen konnten (und nebenbei das Europäische Parlament)! Man erfreut sich insgeheim am Schlag gegen Brüssel wie einst am Niedergang Weimars. Hier die Demokratie, dort die maroden und volksfernen Institutionen mit ihren Verwaltungen.

Ganz offenbar muss umständlich daran erinnert werden, dass plebiszitäre Elemente immer demokratische Verfassungsorgane wie etwa das Parlament konterkarieren, dass aber erst der auf zahlreiche Kompromisse setzende Meinungsbildungsprozess durch miteinander konkurrierende Institutionen und erst die Gewaltenteilung dafür sorgen, dass Minderheitspositionen sorgsam gegen Mehrheitswünsche austariert werden.

Plebiszite hingegen sind per se kompromissfeindlich: Man ist für ein bestimmtes Anliegen oder eben dagegen. Für den Brexit oder gegen den Brexit. Nicht die Populisten haben diese Wahl gewonnen, das Verfahren selbst war populistisch.

Die Erniedrigten sind die jüngeren, proeuropäischen Wähler, die mit einer repräsentativen Demokratie in Zukunft weitaus besser geschützt wären als mit Referenden, in denen die Übermacht der Alten unheilvoll triumphiert.