* 30. 9. 1928 - † 2. 7. 2016

Seit mehr als zwei Jahrzehnten hören wir, dass die Überlebenden von Auschwitz die "letzten" sind. Die damals Erwachsenen sind wirklich kaum noch am Leben, und nun sehen die damaligen Kinder, die das "Glück" hatten, aus dem Vernichtungslager in die Zwangsarbeit "gerettet" zu werden, ihren letzten Tagen entgegen. Es war vorauszusehen und unvermeidlich und erschien doch plötzlich, wie mit einem Schlag, als Imre Kertész im März dieses Jahres starb und nun, drei Monate später, das bekannteste und einflussreichste dieser damaligen Kinder, Elie Wiesel, sein langes und vielseitiges Leben beendet hat. Beide verbrachten als Halbwüchsige das Jahr 1944 zuerst in Auschwitz und dann in Buchenwald. Beide erhielten später den Nobelpreis für ihre literarischen Aussagen über den Holocaust, der noch keinen Namen hatte, als sie ihre ersten und berühmtesten Bücher verfassten. Kertész erhielt den Literatur-, Wiesel den Friedensnobelpreis. Kertész’ komplexes und nicht auf Anhieb zugängliches Werk ist in vielen Ländern, einschließlich Amerika, noch immer ein Geheimtipp, unter Kennern jedoch ein Spitzenwerk der Holocaustliteratur. Wiesel hingegen wurde der eigentliche Deuter und Mahner des Genozids, mit einem Stil und einer Stimme, die oft wie die eines biblischen Propheten anmutete, der erwachsenen Menschen ins Gewissen redet und junge Menschen aufrütteln will, für ihre Welt und ihre Zukunft Verantwortung zu tragen.

In der ersten Nachkriegszeit, die, wie wir wissen, die Untaten der Vergangenheit mit großem Nachdruck verdrängte, wurde Wiesels erstes und wichtigstes Buch Die Nacht, das schließlich in Millionenauflagen erschien, kaum wahrgenommen. Dasselbe trifft auf Kertész und seinen Roman eines Schicksallosen zu, beide Autoren beschreiben eine Kindheit, wie sie noch nie in einem "Kinderbuch" beschrieben worden war. Für Wiesel wie für Kertész wurde die adoleszente Erschütterung der KZs Grundlage ihres zukünftigen Schaffens. Niemand hat den existenziellen Schock so überzeugend zugänglich gemacht wie diese beiden. Elie Wiesel hat nachher noch viele Bücher geschrieben, darunter sehr verdienstvolle, aber keines ist wie das erste Schullektüre geworden, zusammen mit dem Tagebuch des Kindes, das nicht überlebt hat, Anne Frank.

Doch Elie Wiesel machte es sich zur Lebensaufgabe, nicht nur die Erinnerung wachzuhalten, sondern vor allem eine bessere, friedlichere Zukunft mitaufzubauen. Er war ein ewiger, gottgläubiger Optimist, im Gegensatz zu dem atheistischen und depressiven Pessimisten Imre Kertész. Wiesels Laufbahn entwickelte sich zu mehr als der eines Schriftstellers und Hochschullehrers, Elie Wiesel wurde zu einer öffentlichen Persönlichkeit, für viele Menschen ein Guru und Weiser, ein aus der Unterwelt Zurückgekehrter. Seine Auftritte waren "Happenings". Seine Meinung war mehr als Privatmeinung, seine Ansichten und Aussagen hatten Gewicht. Dabei tappte er auch manchmal daneben, denn ein Prophet ist kein Geschäftsmann, und er fiel auf einen Betrüger herein, durch den eine humanitäre Stiftung, die er gegründet hatte, und auch er selber viel Geld verloren. Ein Prophet ist auch kein Politiker, und Wiesel, der sich für Flüchtlinge und Vertriebene weltweit und unermüdlich einsetzte, hatte, in der Meinung vieler, nichts Rechtes zum Israel-Palästina-Konflikt zu sagen und folgte Netanjahu zu unkritisch. Doch das sind letzten Endes Nörgeleien im Vergleich zu einem außerordentlichen schriftstellerischen und öffentlichen Lebenswerk.

Ich gehöre derselben Generation an wie diese beiden großen Bewahrer der Erinnerung. Auch ich war in Auschwitz und hatte nur noch wenige Tage bis zur Vergasung (wie ich später erfuhr), als es mir durch Trotz und Zufall gelang, obwohl ich noch keine 13 Jahre alt war, von dem Vernichtungslager Birkenau in das Konzentrations- und Arbeitslager Groß-Rosen (Christianstadt) zu entkommen. Ihre Erfahrungen sind meinen ähnlich und dann auch nicht, denn keine zwei Menschen gleichen einander. Ihre Bücher, mit denen ich mich seit Jahren herumschlage, verfolgen mich, kommen mir entgegen und weichen mir aus. Was wir gemeinsam haben, ist die Kindheit und der Schrecken. Unsere Wahrnehmung war anders als die der Erwachsenen, weil wir so völlig unvorbereitet waren. Wir waren von dem Stückchen Normalität, das als begonnenes Leben hinter uns lag, ins Chaos geworfen worden. Wir hatten noch keine Ideologien und nur fasrige Ideen über die Umwelt, wir waren ahnungslos, aber erwartungsvoll auf das, was die Welt uns an Wissenswertem und an Abenteuern zu bieten hatte. Und dann kam das völlig unverdauliche Entsetzen, dass diese Welt einfach nicht wollte, dass wir und die Unsrigen am Leben blieben. So einfach. Punkt. – Später erfand man das umfassende Wort Genozid dafür. Für uns war’s hautnah und wortlos. Die Erwachsenen mussten sich mit ihren vorgefassten Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben zwar umstellen, doch die Kinder waren völlig im Dunkeln mit ihrem Hunger nach Leben, der noch stärker war als der Hunger nach der nächsten Suppenration. In mir steckt noch immer das rudimentäre Schreckensgefühl: "Ihr könnt mir meinetwegen alles nehmen, was brauch’ ich schon zum Leben, aber das Leben selbst, das ist meins, das gehört mir, ich geb’s nicht auf."

Elie Wiesel hat die Ungeheuerlichkeit der Schoah in einen Rahmen gestellt, der zwar nicht direkt biblisch ist, doch aus der Weisheit und der Sprache dieses alten Lehrbuchs des Abendlands, das er von Kindheit an studiert hatte, seine Kraft zieht. Geschichte und Genealogie sind Brückenpfeiler des Judentums. Wiesel schwört, nicht zu vergessen, und erinnert sich mit einer Intensität, die wie eine religiöse Handlung anmutet. Wie jeder gute Schriftsteller lehrte er nicht, er stellte dar. Doch als Leser(in) spürt man dahinter die Autorität einer heiligen Schrift, die von Vorschriften strotzte, die man nicht akzeptieren, aber mit denen man sich auseinandersetzen musste. Wiesel setzte sich auseinander, sein Leben lang, nicht nur mit den Menschen, sondern auch mit Gott und seinen eigenen Zweifeln an diesem Gott. Darin liegt, meine ich, die Intensität seines Werks, das ihn lange überdauern wird.

Ruth Klüger ist Germanistin in den USA, 1992 schrieb sie den Bestseller "weiter leben" über ihre Erlebnisse in Auschwitz