DIE ZEIT: Beim letzten Nato-Gipfel 2014 in Wales ging es um die "Rückversicherung" der östlichen Alliierten. Worum geht es beim Gipfel in Warschau? Um die Abschreckung Russlands?

Jens Stoltenberg: Ja, wir bewegen uns von der Rückversicherung zur Abschreckung. Aber der ganze Sinn der Abschreckung ist es, einen Konflikt zu verhindern. Wir streben weiterhin einen konstruktiven Dialog mit Russland an.

ZEIT: Warum ist Abschreckung notwendig?

Stoltenberg: Weil es wichtig ist, jedem Gegner klar zu signalisieren, dass ein Angriff auf einen Alliierten ein Angriff auf die ganze Allianz wäre. Daher wird die Vorneverteidigung multinational sein. Sie wird defensiv sein, verhältnismäßig und absolut in Übereinstimmung mit der Nato-Russland-Grundakte stehen. Wir suchen keine Konfrontation mit Russland. Wir wollen keinen Kalten Krieg. Gerade wenn die Spannungen hoch sind, ist es wichtig, die Kanäle der politischen Kommunikation offen zu halten, um Missverständnisse auszuräumen und das Risiko von Zwischenfällen zu verringern. Genau das tut die Nato. Wir hatten kürzlich ein Treffen des Nato-Russland-Rats, und wir sprechen mit Russland über Zeitpunkt und Tagesordnung eines weiteren Treffens bald nach dem Gipfel. Im Übrigen haben wir gesehen, dass Russland eine positive Rolle spielen kann, beim Nuklearabkommen mit dem Iran genauso wie bei der Zerstörung der Chemiewaffen in Syrien.

ZEIT: Die Nato hat gerade in Rumänien eine Raketenabwehr-Stellung in Betrieb genommen, und sie hat den Grundstein für eine zweite in Polen gelegt. Russland ist darüber empört.

Stoltenberg: Die Raketenabwehr ist eine langfristige Investition gegen eine langfristige Bedrohung. Seit Langem beobachten wir, wie immer mehr Länder Raketen entwickeln. Die Raketenabwehr richtet sich nicht gegen Russland, sondern gegen Bedrohungen von außerhalb des euro-atlantischen Raumes. Die Zahl der Abfangraketen ist viel zu klein, ihre Stellungen liegen entweder zu weit im Süden oder zu nahe an der russischen Grenze, um russische Interkontinentalraketen angreifen zu können.

ZEIT: Hauptargument für ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa war eine atomare Bedrohung durch den Iran. Ist dieses Argument nicht durch das Nuklearabkommen mit Teheran mindestens für die nächsten zehn Jahre weggefallen?

Stoltenberg: Der Iran entwickelt weiterhin ballistische Raketen und verstößt damit gegen die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates. Andere Länder tun das Gleiche.

ZEIT: Könnte Russland das Raketenabwehrsystem der Nato als Vorwand nehmen, um das Abkommen zur Abschaffung der Mittelstreckenraketen, den INF-Vertrag, aufzukündigen?

Stoltenberg: Die russische Regierung weiß, dass sich die Raketenabwehr nicht gegen ihr Land richtet. Es geht hier nicht um offensive Waffen, die Abfangraketen tragen keinen Sprengkopf. Die Raketenabwehr kann also in keiner Weise den INF-Vertrag verletzen.

ZEIT: Also kein Grund zur Vertragsaufkündigung?

Stoltenberg: Das wäre absolut unbegründet. Wir können niemals hinnehmen, dass unbegründete Ausreden vorgebracht werden, um einen so wichtigen Vertrag zu unterlaufen. Der INF-Vertrag ist von historischer Bedeutung, am Ende des Kalten Krieges hat er eine entscheidende Rolle gespielt.

ZEIT: Das Thema Atomwaffen kehrt zurück. Bereitet Ihnen das Sorge?

Stoltenberg: Wir haben im Kalten Krieg gelernt, wie wichtig es ist, uns den nuklearen Themen verantwortlich und behutsam zu nähern. Die Abschreckung der Nato beruht auf konventionellen Kräften, auf der ballistischen Raketenabwehr und einer nuklearen Komponente. Wir werden in unserer Abschreckung eine glaubwürdige, sichere nukleare Komponente aufrechterhalten. Unser Ziel ist eine Welt ohne Atomwaffen. Aber solange es Atomwaffen gibt, wird die Nato ein Nuklearbündnis bleiben.

ZEIT: Die Entwicklung kleinerer, zielgenauerer Atomwaffen könnte die Versuchung größer werden lassen, diese Waffen tatsächlich einzusetzen.

Stoltenberg: Die Schwelle für den Einsatz nuklearer Waffen darf nicht sinken. Für die Nato sind Umstände, in denen ein Einsatz von Atomwaffen in Betracht gezogen werden könnte, extrem unwahrscheinlich. Wir sollten unser Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass dies so bleibt.

ZEIT: Fachleute sprechen von einem "zweiten nuklearen Zeitalter".

Stoltenberg: Ich mache mir Sorgen um die nukleare Proliferation. Wir haben gesehen, dass Nordkorea Atomwaffen entwickelt. Wir haben das iranische Programm gesehen. Ich mache mir auch Sorgen um die nukleare Sicherheit. Es besteht das Risiko, dass atomarer Abfall in die Hände terroristischer Gruppen gerät, dass nichtstaatliche Akteure eine schmutzige Bombe bauen.

ZEIT: Haben Sie Hinweise darauf, dass Russland Iskander-Kurzstreckenraketen in die Region Kaliningrad verlegt oder dies bereits getan hat?

Stoltenberg: Zu unseren nachrichtendienstlichen Erkenntnissen sage ich nichts. Öffentlich bekannt ist, dass Russland erstmals im Jahr 2006 angekündigt hat, Iskander-Raketen in Kaliningrad stationieren zu wollen. Wenn Russland also behauptet, eine Stationierung von Iskander-Raketen wäre eine Reaktion auf die Bemühungen, unsere Alliierten nach Russlands illegaler Annexion der Krim besser zu schützen, dann verwechselt es Ursache und Wirkung. Bevor Russland die Krim illegal annektiert und damit begonnen hat, die Ostukraine zu destabilisieren, hat in der Nato niemand davon gesprochen, im Osten Kräfte zu stationieren.