DIE ZEIT: Herr Di Blasi, im Jahr 2000 sorgte Ihr Debütalbum Since I Left You für Furore. Aus mehr als 3.500 Samples schufen Sie eine von Kritikern und Käufern gefeierte Hip-Hop- und Pop-Collage. Für das nun veröffentlichte Nachfolgewerk Wildflower ließen Sie sich sechzehn Jahre Zeit. Im Pop eine Ewigkeit. Was hielt Sie auf?

Tony Di Blasi: Wir haben kein gutes Verhältnis zu Deadlines. Und die Erwartung an die Musik, mit der wir uns zurückmelden würden, nahm mit den Jahren beständig zu. Wir konnten eigentlich nur verlieren. Als wir vor langer Zeit mit diesem Album begannen, hatten wir einen Plan: Uns schwebte ein Sound vor zwischen Beach Boys und My Bloody Valentine: langsam, getragen und wehmütig. Es dauerte einige Jahre, bis wir merkten, dass wir uns verirrt hatten. Wir sind danach noch einige Male vom Weg abgekommen. Das Problem war, dass wir uns unbedingt verändern wollten. Und das war gar nicht so einfach.

ZEIT: Ihre erste neue Single Frankie Sinatra, die auf einer alten Calypso-Nummer basiert, klang dann auch anders ...

Di Blasi: ... was viele unserer alten Fans irritiert hat. Offensichtlich haben sie etwas anderes erwartet. Wir haben uns nicht sechzehn Jahre Zeit gelassen, um dann exakt da weiterzumachen, wo wir aufgehört haben. Aber solange wir noch jemanden irritieren können, mache ich mir keine Sorgen.

ZEIT: Angeblich dauerte es zwei Jahre, allein um Frankie Sinatra im Studio zu mixen. Stimmt das?

Di Blasi: Noch viel länger! Frankie Sinatra war eines dieser Lieder, die wir noch Minuten vor der finalen Abgabe bearbeiteten. Es fiel uns schwer, den richtigen Sound zu finden. Wir sind nun mal Perfektionisten.

ZEIT: Die von Ihnen verehrten Beach Boys veröffentlichten zu Beginn ihrer Karriere bis zu drei Alben im Jahr.

Di Blasi: Allein der Gedanke daran stürzt mich in eine tiefe Depression! Die Beatles besaßen in den frühen Jahren eine ähnliche Effizienz: "Jungs, ihr habt zwei Wochen für das nächste Album!" Dagegen sehen wir natürlich steinalt aus.

ZEIT: Ihr Stil, aus vielen geborgten Einzelteilen etwas Neues zu bauen, wird als "Plunderphonics" bezeichnet. Was halten Sie von dem Begriff?

Di Blasi: Ich kenne den nur von Wikipedia, aber er passt zu uns. Wir machen Musik wie die Wikinger: Wir plündern und schnappen uns alles, was uns über den Weg läuft.

ZEIT: Wie kamen Sie darauf, fremde Songs zu plündern und Musik zu entwerfen, die fast nur aus Samples besteht?

Di Blasi: Wir waren einfach Kids, die Hip-Hop liebten. Im Hip-Hop spielten Samples ja schon immer eine wichtige Rolle. Mein Partner Robbie kam eines Tages mit einem Sampler an, mit dem man Versatzstücke von Songs verarbeiten konnte. Das Gerät beeindruckte uns sehr und bot ungeahnte Möglichkeiten. Sehen Sie: Wir Jungs konnten weder besonders gut singen, noch beherrschten wir irgendein Instrument. Also nutzten wir die Arbeit richtiger Könner, um daraus etwas Eigenes zu schaffen. Samples machten das möglich.

ZEIT: Woher nahmen Sie diese Samples?

Di Blasi: Von Schallplatten und CDs, die wir in Grabbelkisten fanden. Natürlich haben wir auch einiges aus dem Netz heruntergeladen. Die Auswahl war unendlich. Die Samples für unser erstes Album kamen alle noch von Vinylplatten, aber das war ja auch noch im vergangenen Jahrtausend. In der guten alten analogen Zeit.

ZEIT: Besteht Ihr neues Album Wildflower auch nur aus Samples?

Di Blasi: Nein. Es sind zwar viele, gezählt habe ich sie nicht, aber diesmal spielen wir auch Instrumente. Es sind sogar Gastsänger und -musiker dabei. Die Suche nach passenden Gesangs-Samples, die wir übernehmen können, war beim letzten Album sehr anstrengend. Richtige Sänger sind ein Fortschritt für uns.

ZEIT: Abgesehen davon muss es teuer und aufwendig gewesen sein, die Urheberrechte an all den Songs zu klären, deren Bestandteile Sie für Ihre Musik nutzten, oder?

Di Blasi: Stimmt, das war eine Herausforderung der besonderen Art. Wir haben zum Glück eine Anwältin, die in L.A. sitzt und auf dieses Gebiet spezialisiert ist. Die ist eine Veteranin, was Urheberrechte bei Samples betrifft. Sie war bereits in den achtziger Jahren dabei, als Samples im Hip-Hop wichtig wurden. Zu ihren Klienten gehörten die Beastie Boys und Ice T, die kennt sich also in diesem Genre besser aus als alle ihre Kollegen. Sie ist hart im Verhandeln, und was sie nicht legalisiert kriegt, schafft auch sonst keiner. Wir sind aber ihre Problemkandidaten; permanent fordern wir Rechte an irgendwelchen obskuren Songs, nur um das einige Tage später wieder zu verwerfen und nach ganz anderen Songs zu fragen, um dann doch zu den ursprünglichen Songs zurückzukehren. Ihre Geduld ist sagenhaft. Sie kennt alle Inkarnationen unseres neuen Albums aus den vergangenen Jahren. Wir sind garantiert ihre schwierigsten Klienten.