ZEIT: Sie sorgen allerdings auch für erheblichen Umsatz. All diese Samples kosten Sie ja auch Geld. Verdienen Sie an Ihren Songs überhaupt noch?

Di Blasi: Nein. Nichts. Mit unserem Debütalbum haben wir kein Geld gemacht. Auch deshalb haben wir dieses Mal weniger Samples genutzt, die kosten einfach zu viel. Aber für dieses Album haben wir ein kleines Vermögen in Studios gelassen, das wir zumindest wieder einspielen möchten. Vermutlich bleibt da auch nicht viel hängen. Andererseits: Wer verdient schon noch Geld mit Plattenverkäufen? Die Industrie ist am Boden. Wer etwas Geld machen will, muss auf Tournee gehen. Deshalb bereiten wir grade eine ausgedehnte Konzertreise vor.

ZEIT: In den vergangenen sechzehn Jahren sind Sie aber auch kaum aufgetreten. Wovon leben Sie, wenn Ihre Platten kein Geld bringen?

Di Blasi: (Gelächter) Wissen Sie, es ist schön, eine Familie zu haben, die darauf achtet, dass man nicht verhungert. Auch unsere Plattenfirma war hilfsbereit und geduldig. Das sind alles Menschen, die offensichtlich daran glauben, dass wir etwas Brauchbares produzieren. Einen Berg Schulden haben wir trotzdem angehäuft. Wir hätten natürlich auch Jobs annehmen oder mehr Konzerte geben können, aber dann wäre unsere zweite Platte vermutlich nie fertig geworden. Es waren keine einfachen Jahre für uns. Ich hätte auch eine Bank ausgeraubt, damit wir das Album endlich fertig bekommen.

ZEIT: Die Elektroniker von Kraftwerk haben einen deutschen Hip-Hop-Produzenten verklagt, der einen ihrer Songs sampelte, und den Prozess verloren. Wie oft sind The Avalanches verklagt worden?

Di Blasi: Bei uns kam es nie zu einem Prozess, weil wir vorher immer brav um Erlaubnis gebeten haben. Natürlich haben wir auch viele Absagen kassiert. Länger gekämpft haben wir zum Beispiel um die Erlaubnis, Come Together von den Beatles verwenden zu dürfen. Da kam umgehend ein kategorisches Nein. Also schrieben wir Bettelbriefe an Yoko Ono und Paul McCartney. Wir erläuterten denen, was für Musik wir machen und dass wir nicht einfach nur ihren Song ausschlachten wollen und dass wir an einem Punkt sind, wo es sehr bedauerlich wäre, wenn wir Come Together nicht nutzen dürften. Sagenhafterweise antworteten beide und gaben uns ihren Segen, das Sample für den Track The Noisy Eater zu nutzen.

ZEIT: In Ihrem Song fällt der Beatles-Part kaum auf. Ab wann ist ein Song eigentlich eigenständig?

Di Blasi: Das ist eine entscheidende und spannende Frage, wenn man so arbeitet, wie wir es tun. Das beginnt ja mit dem Respekt, den man der Musik, die man übernimmt und zerlegt, gegenüber aufbringen muss. Da verarbeiten wir ja die Ideen anderer Leute. Aber wenn man aus diesen Versatzstücken etwas ganz Neues schafft, dem Alten also einen ganz frischen Rahmen gibt, dann sehe ich darin kein Problem. Wir kopieren ja nichts, wir bauen einfach etwas radikal Neues, wobei wir alle Spuren des Alten so gut wie möglich verwischen. Jeder unserer Songs ist wie ein Mosaik – ein Bild, das aus vielen kleinen Bestandteilen zusammengesetzt ist.

ZEIT: Verstehen Sie Leute, die es schwierig finden, wenn jemand sich so ausgiebig bei fremden Ideen bedient?

Di Blasi: Diese Leute sollten mal darüber nachdenken, dass wir nur eine neue Realität im Pop reflektieren. Wir haben uns die Sache mit den Samples ja nicht ausgedacht, wir haben sie nur auf die Spitze getrieben. Sampling ist längst eine gängige Technik im Pop geworden, und auch wenn einige Menschen ein Problem damit haben sollten, wird sie sich nicht in Luft auflösen.

ZEIT: Sie waren sechzehn Jahre abgetaucht. Eine Zeit, in der sich die Musikszene radikal verändert hat. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Di Blasi: Aus meiner Perspektive waren die Veränderungen drastisch. Manchmal fühle ich mich so, wie sich meine Eltern gefühlt haben müssen, als sie zum ersten Mal Hip-Hop hörten. Ich denke dann: Oh Gott, was ist denn das wieder für merkwürdiger Lärm, wenn ich etwas Neues im Radio höre. Erschreckend, aber wahr. Insbesondere die Dance-Music hat sich radikal verändert.

ZEIT: Sie meinen Genres wie Electronic Dance Music, kurz EDM, die in den USA zum Massenphänomen wurde?

Di Blasi: Zum Beispiel, das ist natürlich nicht alles schlecht, aber doch gewöhnungsbedürftig, wenn man älter als zwanzig ist. Ich bin einfach nicht deren Zielgruppe. Mit den richtigen Drogen ist es vermutlich eine großartige Musik. Aber ohne Drogen? Nehmen Sie einen musizierenden DJ wie Skrillex, der in den USA Millionengagen kassiert; wahrscheinlich macht der spannende Sachen, für mich klingt er vor allem sehr aggressiv. Die ganze Geräuschpalette, mit der er arbeitet, ist so schrill und komprimiert. Ich kann es kaum aushalten, ihm zuzuhören. EDM steht aber auch für eine andere Art des Ausgehens. Skrillex und ähnliche DJs liefern einen harten, unerbittlichen Soundtrack für Leute, die beim Tanzen bis zum Äußersten angeheizt werden wollen. The Avalanches stehen ja eher für das Gegenteil, ein tiefenentspanntes Abhängen.

ZEIT: Ist Ihr Publikum mit Ihnen in den sechzehn Jahren älter geworden, oder müssen Sie jetzt neue Hörer erobern?

Di Blasi: Ein paar Fans von früher haben offensichtlich gewartet, das merkt man an den Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Die Medien lauern auch darauf, was wir nun liefern nach all der Zeit. Es ist anrührend, zu merken, wie sehr unser Debüt immer noch von manchen Menschen geliebt wird. Aber natürlich müssen wir auch neue Hörer von uns überzeugen. Für die Achtzehnjährigen von heute klingen wir vielleicht einfach wie alte Männer. Wir legen eben Wert auf Melodien und eine gewisse tiefe Entspanntheit, die nicht mehr ganz so gefragt ist. Unsere neue Zielgruppe sind die Babysitterinnen, die auf die Kinder der Fans von einst aufpassen.

ZEIT: In den vergangenen sechzehn Jahren ist es ja auch zunehmend unüblich geworden, für Musik zu zahlen. Wären Sie empört, wenn ich mir Ihr neues Album illegal runtergeladen hätte?

Di Blasi: Da habe ich zwei Antworten. Wollen Sie die offizielle oder die inoffizielle? Egal. Offiziell wäre ich natürlich empört und bestürzt, dass Sie unsere Musik klauen. Punkt. Inoffiziell ist es mir herzlich egal. Es gibt eine schöne Vinyl-Ausgabe des neuen Albums, mit aufwendiger Hülle und allem Drum und Dran. Wenn die sich verkauft, freue ich mich. Wer sich aber einfach für lau die Musik runterlädt, raubt mir auch nicht den Schlaf. In sechzehn Jahren hat sich die Musikwelt eben verändert. Es gibt Schlimmeres.

ZEIT: Songs für wie viele Alben lagern nun in Ihrem Archiv?

Di Blasi: Fünf Doppelalben bekommen wir schnell voll. Und für irgendwelche De-luxe-Editionen des neuen Albums ist dann auch noch viel Bonus-Kram übrig. Ich bin jedenfalls froh, wenn das nächste Album in nicht allzu ferner Zukunft erscheint. Die sechzehn Jahre Auszeit waren anstrengender als alle Arbeit meines Lebens. Ein Punk-Album ganz ohne Samples wäre toll!