Sich medial auf die Schenkel zu schlagen, weil in Bayreuth Wochen vor Eröffnung der Festspiele mal wieder der Teufel los ist, gehört längst zum guten Ton. Wer etwas auf sich hält, bloggt und postet und giftet fröhlich mit, erinnert an Bassbaritone, hoho, die mit Hakenkreuz-Tattoos herumliefen, und an bröckelnde Fassaden, hihi, die das flanierende Publikum bedrohten. Kurzum: So was kommt von so was. Etwas Lachhafteres als einen Ort in der oberfränkischen Provinz, der sich seit 140 Jahren einem (toten) Komponisten und seinem (erstaunlich lebendigen) Werk widmet, hat die Kulturwelt 4.0 noch nicht gesehen. Häme, wem Häme gebührt. Leicht fällt das, wohlfeil ist es. Der Komponist, um den es hier geht, nicht vergessen, heißt Richard Wagner.

Diesmal aber dürfte es ernst sein. Denn das gab es auf dem Grünen Hügel noch nie, dass der Dirigent der Eröffnungspremiere nach wenigen Proben das Weite sucht. Andris Nelsons, der vom 25. Juli an die Neuproduktion des Parsifal hätte leiten sollen, hat es in der vergangenen Woche getan. Und wird jetzt durch den 73-jährigen Dresdner Hartmut Haenchen ersetzt. Zweifellos eine solide Wahl. Den angeknacksten Glamourfaktor der Festspiele dürfte sie wohl kaum in die Höhe treiben (kein Jonathan Meese in der Regie, sondern Uwe Eric Laufenberg!), aber darum geht es gerade nicht.

Die Frage freilich, wer oder was Andris Nelsons vertrieben hat, ist lange nicht aus der Welt. Manche sagen: eine Panikattacke. Weil Nelsons zu viel arbeite. Allein zwischen den fünf Parsifal-Vorstellungen wäre er zweimal nach Tanglewood/USA geflogen, wo er als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra wirkt. Wagners viereinhalbstündiges Bühnenweihfestspiel hier, vier üppige Konzertprogramme und eine halbe Verdi-Aida da – man fragt sich, wie das bei aller Begabung in ein einzelnes Nervenkostüm passt.

Andere sagen, der 37-jährige Lette habe lediglich die Konsequenzen aus einer für ihn unerträglichen Situation gezogen. Christian Thielemann, im zweiten Jahr Musikdirektor der Festspiele (den Titel gab es zuvor nicht), und Eberhard Friedrich, der Chordirektor, sollen sich auf einer Bühnenprobe derart im Ton vergriffen haben, dass Nelsons seine Autorität schwinden sah. Woraufhin er weder die Konfrontation suchte noch sich der Festspielleiterin Katharina Wagner anvertraute, sondern still demissionierte. Thielemann und Friedrich mögen ihre Ratschläge gut gemeint haben, auch wurde im Nachhinein einiges an Schadensbegrenzung betrieben. Die Folgen dieses Kurzschlusses aber, wenn es denn einer war, gehen den Festspielen an die Substanz. Nicht nur weil Katharina Wagner jetzt herausfinden muss, was aus dem Ring 2020 wird, für den Nelsons bereits unter Vertrag steht.

Was als Nervenflattern begann, ist zum Spiel mit dem Feuer geworden, und das vereinbarte Stillschweigen macht es nicht wahrscheinlicher, dass die Wahrheit je ans Licht kommt. Sollte Nelsons dem Grünen Hügel dauerhaft den Rücken zukehren, hätten die Festspiele ein Dirigentenproblem. Auf ihn, der 2010 mit einem hinreißenden Lohengrin debütierte, wollten sie bauen.

Ein doppeltes Problem hätten sie, wenn Christian Thielemann plötzlich von der Fahne ginge. Weil er sich auf dem Grünen Hügel nicht mehr verstanden fühlt, nicht mehr gestützt. Vielleicht war es unnötig, ihn zum Musikdirektor zu ernennen: Der Fels in der Brandung des Bayreuther Wagner-Zirkus, der er seit 1999 ist, wäre er auch ohne Titel geblieben. Der Berliner hat seit jeher gespalten und wird es wieder tun, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Die Gesellschafter der Festspiele mögen davon so wenig halten wie gewisse Regie- oder Orchesterkreise, na und.

Es ist an Katharina Wagner, eine Atmosphäre zu schaffen, die starke, gegensätzliche Künstlernaturen verträgt. Sie muss die Krise lösen. Am besten so, dass Nelsons ab nächstem Sommer wieder im Graben steht, Thielemann sich aufs Dirigieren konzentriert – und die sechs Burkas und zehn Korane, die in der neuen Parsifal-Inszenierung angeblich mitspielen und als Aufreger der Saison vollauf genügt hätten, weiter keinen Ärger bringen.