Neulich habe ich mir wieder die volle Dröhnung gegeben. Fünf Stunden Wrestlemania, die größte Wrestling-Show des Jahres, im Stream. Das Stadion war ausverkauft, 100.000 Zuschauer jubelten und grölten, während aufgepumpte Körper auf die Ringmatte krachten. Wrestling, das sind Sprünge, Schläge, Würgegriffe; Männer in knappen Höschen und Frauen in schillernden Kostümen.

Irgendwann kämpften sieben Wrestler gleichzeitig um einen Gürtel, der so hoch über dem Ring hing, dass er nur über eine Leiter zu erreichen war. Erst stießen sich die Gegner immer gegenseitig von der Leiter, dann knallten sie sie einander an die Köpfe. Für einen anderen Kampf wurde der Ring mit einem sechs Meter hohen Stahlkäfig umgeben. Der Kampf endete damit, dass einer der Kämpfer vom Dach des Käfigs sprang und durch das Kommentatorenpult krachte – das Publikum war außer sich vor Freude.

Wrestling ist vulgäre amerikanische Massenunterhaltung. Es ist laut, obszön und voller Pathos. Die Donald-Trump-Version von Unterhaltung: Absoluter Unsinn wird mit absoluter Ernsthaftigkeit vorgetragen. Ich liebe es. Aber jedes Mal, wenn ich meiner Freundin davon erzähle, verdreht sie nur die Augen und wendet sich wieder ihrem Knausgård-Roman zu.

Wrestling ist Fake – schon klar, weiß jeder. Die Zeiten sind vorbei, als man Fans unterteilen konnte in marks – jene, die Wrestling für echt hielten – und smart marks – die, die wussten, dass es eine Show ist. Heute gibt es nur noch smart marks, kurz smarks genannt. Aber das macht die Sache erst richtig interessant. Denn dadurch wird Wrestling zu einer einzigartigen Meta-Serie, die von einem Wrestling-Wettbewerb handelt und in der sich Realität und Inszenierung auf bizarre Weise vermischen.

Der Ausrichter des Kampfbetriebs, die Firma World Wrestling Entertainment (WWE), ist sich bewusst, dass er es heute mit einem Publikum zu tun hat, das genau weiß, was Sache ist. Um die Spannung dennoch hoch zu halten, wird das, was hinter den Kulissen der Kämpfe passiert, als Plot vor die Kamera gezerrt: Der bei den Fans unbeliebte Chef der Firma spielt auch vor der Kamera den unbeliebten Chef. Der ehrgeizige Wrestler, der aufgestiegen ist, weil er die Tochter des Chefs geheiratet hat, ist tatsächlich ihr Ehemann – und ist dadurch aufgestiegen. Wenn ein Fanliebling den Ring besteigt und 20 Minuten darüber redet, wie sehr ihn die Firma nervt und unten hält, dann ist das eine von Drehbuchautoren angespitzte Version seines echten Frusts. Die WWE-Strategen denken sich nicht nur fortwährend aus, wie sie Gut und Böse möglichst effektvoll aufeinanderhetzen, sondern auch, wie sie die wahren Charaktere der Kämpfer für ein Spektakel zweiter Ordnung nutzen können. Bei diesem Doppelspiel zuzusehen ist die wahre Freude am Wrestling. Weil man sich einerseits nie sicher sein kann, was echt ist und was nicht. Und andererseits das Gefühl hat, etwas zu durchschauen, was kein anderer erkennt.

Bevor ich mir die Show von WWE anschaue, gehe ich ins Netz und checke, worüber meine smark-Kollegen gerade diskutieren. Wer bekommt einen push (wird gefördert), wer ist over (bei den Fans beliebt)? Wer bekommt den lautesten pop (positive Reaktion des Publikums)? Wer ist gerade babyface (guter Charakter), wer heel (böser Charakter), und wer ist überfällig für einen turn (den Wechsel von gut zu böse oder umgekehrt)? Diese Diskussionen können spannender sein als das Wrestling selbst.

Bei alldem ist das Publikum Teil der Inszenierung. Denn es muss ja an der richtigen Stelle jubeln, den richtigen Wrestler gut und den richtigen blöd finden. Weshalb es besonders spannend wird, wenn die Fans das vorgesehene Skript verweigern, wie neulich beim letzten Kampf der Wrestlemania. Da trat der junge, aufstrebende Superstar Roman Reigns gegen den alten, fiesen Bösewicht Triple H an. Der hatte erst einige Wochen zuvor seine Machtposition als Schwiegersohn des WWE-Chefs ausgenutzt, um Reigns den Titel abzuknöpfen.

Die Fehde fand bei der Wrestlemania ihren Höhepunkt. Reigns gewann den Kampf, der Fiesling war geschlagen, das Gute hatte gesiegt – alles wie geplant. Doch als Reigns die Titel-Trophäe triumphierend in die Höhe hielt, um sich feiern zu lassen, da buhte ihn die ganze Halle aus. Denn der schöne, wackere Reigns ist den Fans einfach zu langweilig. Und sie wollen sich von keinem Drehbuch vorschreiben lassen, ihn zu bejubeln. In solchen Momenten ist Wrestling viel echter als das meiste, was sonst im Fernsehen läuft.

Francesco Giammarco mag auch Sherlock Holmes, The Notorious B.I.G. und die Filme von Ridley Scott.